APA - Austria Presse Agentur

Internationale Corona-Studie: Suizidraten blieben - außer in Wien - etwa gleich

13. Apr 2021 · Lesedauer 4 min

Eine internationale Studie mit österreichischer Beteiligung verglich, ob die Corona-Pandemie zu mehr Selbstmorden geführt hat. Die Antwort: Eigentlich nicht, teils sind die Suizide sogar weniger geworden. Aus dem Gesamttrend fällt allerdings Wien. Hier stieg die Zahl teils deutlich an.

Die Suizidraten in reichen Staaten und Regionen sind während der ersten Phase der Covid-19-Pandemie in etwa gleich geblieben oder sogar gesunken, fand die erste internationale Studie zu diesem Thema heraus. Auch Österreich war daran beteiligt. Das Ergebnis erschien am Dienstag in "Lancet Psychiatry". In Österreich dürfte die Zahl der Suizide in Wien im Sommer 2020 vorübergehend gestiegen sein. Für die Jahre 2019 und 2020 im Vergleich zeigte sich hier kein Anstieg.

Insgesamt wurden - vor allem wegen der unterschiedlichen Zeitperioden für national verhängte "Lockdowns" - drei Auswertungen mit unterschiedlichen Zeiträumen durchgeführt.

Rückgang in Leipzig um 51 Prozent

In zwölf Staaten bzw. Regionen zeigte sich ein statistischer Hinweis auf einen Rückgang der Häufigkeit von Suiziden. In New South Wales in Australien verringerte sich in der Primäranalyse die Suizidhäufigkeit beispielsweise um 19 Prozent, in British Columbia (Kanada) um 24 Prozent. In Leipzig wurde gar ein Rückgang um 51 Prozent beobachtet, in Texas (USA) um 18 Prozent. Chile wies eine um 15 Prozent geringere Suizidrate auf.

In Österreich wurden die Daten aus Kärnten, Tirol und Wien in die Studie aufgenommen. 

Erste untersuchte Periode (1. April bis 31. Juli 2020)

  • Kärnten: 36 Suizide (erwartet laut Vor-Covid-Zahlen: 30) Das bedeutete ein Plus von 21 Prozent.
  • Tirol: 31 Suizide (erwartet: 41) Ein Minus von 20 Prozent.
  • Wien: 48 Suizide (erwartet: 45) Der Wert blieb beinahe gleich

Zweite untersuchte Periode (1. April bis längstens 31. Oktober 2020)

  • Kärnten: 43 Suizide (erwartet: 36) Ein Plus von 19 Prozent
  • Tirol: 58 Suizide (erwartet: 65) Ein Minus von 11 Prozent
  • Wien: 101 Suizide (erwartet: 77)

Die Autoren bezeichnen Wien hier als einen "Ausreißer": "Wien zeigte statistische Hinweise auf eine Zunahme von Suiziden (plus 31 Prozent; Anm.) relativ zu der zu erwartenden Zahl (...)". In Japan und in Puerto Rico wurde eine deutlich geringere Zunahme registriert.

Dritte untersuchte Periode (1. März 2020 bis 31. Juli)

  • Kärnten: 40 Suizide (erwartet: 40) Der Wert blieb gleich
  • Tirol: 46 Suizide (erwartet: 49) Ein Minus von sieben Prozent
  • Wien: 62 Suizide (erwartet: 53) Ein Plus von 18 Prozent

Schwankungen durch Beobachtungszeitraum

Die in der internationalen Studie dokumentierten Schwankungen in der Häufigkeit von Suiziden sind jedenfalls stark vom jeweiligen Beobachtungszeitraum abhängig. Dies gilt laut Georg Psota, Co-Autor und Chefarzt der Psychosozialen Dienste (PSD), auch für jene in Wien. "Wir haben bei der Zahl der Suizide eine stabile Situation bzw. lag die Zahl im vergangenen Jahr zeitweise auch stark unter jener im Jahr 2019. 2019 wurden in Wien 153 Suizide registriert. Das war ein Jahr mit besonders niedrigen Zahlen. 2020 waren es (mit der anhaltenden Covid-19-Pandemie; Anm) 158 Suizide", sagte der Psychiater.

Im Mai 2020 gab es beispielsweise in Wien zehn Selbsttötungen, im Mai 2019 waren hingegen 17 registriert worden. Dem "Ausreißer" nach oben zwischen Juli und September 2020 stünden wiederum andere Monate mit niedrigen Zahlen gegenüber. Das sei eben der Effekt der Beobachtungszeiträume, erklärte Psota. "Wir beobachten die Entwicklung sehr genau und sehr zeitnah."

Regierungs-Maßnahmen stützten Wirtschaft

Die Wissenschafter führen die weitgehend stabilen Zahlen während der frühen Phase der Covid-19-Pandemie auf zwei Faktoren zurück: In den reichen Staaten und Regionen sei die psychosoziale Betreuung zum Teil deutlich verstärkt worden. Außerdem hätten die Regierungen Maßnahmen gegen einen wirtschaftlichen Kollaps ergriffen. Die Studie sei aber nur ein Schnappschuss der ersten Zeit mit SARS-CoV-2.

Doch, so Studien-Erstautorin Jane Pirkis: "Wir müssen die Zahlen weiter beobachten und bei jedem Anstieg der Suizide alarmiert sein. Ganz speziell dann, wenn die vollen wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie offensichtlich werden."

Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums. Unter www.suizid-praevention.gv.at finden sich Kontaktdaten von Hilfseinrichtungen in Österreich.

Quelle: Agenturen / red