APA - Austria Presse Agentur

Experten: Baldiges Lockdown-Ende noch nicht vorhersagbar

24. Nov 2021 · Lesedauer 5 min

Während das Covid-Prognosekonsortium von einem weiter steigendem Bedarf an Corona-Spitalsbetten ausgeht, beharrt Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) darauf, dass der Lockdown am 13. Dezember endet. Wie rasch die Neuinfektionen sinken, könne laut Simulationsforscher Niki Popper noch nicht genau vorhergesagt werden.

Drei Tage nach Inkrafttreten des österreichweiten Lockdown wird bereits über die Auswirkungen und ein mögliches Ende der Maßnahme diskutiert. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) beharrt zuletzt im Pressefoyer nach dem Ministerrat darauf, dass der Lockdown für Geimpfte am 13. Dezember endet.

Einen Zielwert bei den Neuinfektionen, den man zur Aufhebung des Lockdowns erreichen müsse, wollte er allerdings nicht nennen. Er verwies lediglich darauf, dass laut Experten eine Kontaktreduktion um dreißig Prozent erreicht werden müsse, damit die Positivtestungen zurückgehen.

Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) lehnt eine Verlängerung des Lockdowns über den 12. Dezember hinaus ab.

Corona-Konsortium erwartet Welle-Höhepunkt

Tatsächlich rechnet das Corona-Konsortium bereits damit, dass die Sieben-Tage-Inzidenz (durchschnittliche Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen je 100.000 Einwohner, Anm.) nicht mehr signifikant steigen wird. Am Mittwoch lag sie bei 1.108. Dennoch steht der Höhepunkt der vierten Welle laut den Experten noch bevor. In der laufenden Kalenderwoche 47 (22. bis 28. November) "ist ein Höhepunkt der vierten Epidemiewelle (...) wahrscheinlich", ist der Expertise des Konsortiums zu entnehmen.

Was die Auslastung der Krankenhäuser anlangt, verweisen die Expertinnen und Experten auf den "Zeitverzug zwischen Infektionserwerb und Hospitalisierung". Aufgrund dessen sei "in den nächsten 14 Tagen noch nicht mit einer Entspannung in den Spitälern zu rechnen und ein weiterer Anstieg des ICU-Belags wahrscheinlich".

Dieser könnte dann in der ersten Dezember-Woche "abflachen bzw. leicht zurückgehen", deutet das Prognosekonsortium an, warnt jedoch zugleich vor vorzeitigem Aufatmen auf Seiten der Verantwortungsträger: Die mögliche Abflachung erfolge "auf sehr hohem, teilweise systemkritischem Belagsniveau von über 600 belegten Intensivbetten".

Intensivstationen "bis zum Jahresende am Anschlag"

"Im Modell sehen wir eine Stabilisierung auf Basis von Kontaktreduktion, reduzierter Mobilität und Immunisierung", sagt Niki Popper, Simulationsforscher und Teil des Prognosekonsortiums, gegenüber der APA. Man müsste aber von dem bisher hierzulande ungekannt hohen Plateau herunterkommen und das werde man bis Anfang nächster Woche sehen.

"Es reicht uns ja nicht, wenn wir auf den aktuellen Zahlen bleiben, denn das führt ja zu einer weiteren Be- und Überlastung des Systems." Klar sei leider, dass die Zahlen der Intensivpatienten jetzt noch eine Zeit lang "weiter steigen werden", sagte Popper.

Auch Komplexitätsforscher Peter Klimek rechnet damit, dass die Intensivstationen über "bis zum Jahresende am Anschlag oder darüber hinaus", sein werden, wie er im "ORF"-Interview erklärt. Daher müsse man sich bereits überlegen, wie es mit und nach dem Lockdown weiter gehen wird. Wahrscheinlich sei es laut Klimek, dass es "auch für Geimpfte kein Weitermachen wie im Sommer" geben wird.

Steininger: Lockdown könnte drei bis vier Wochen dauern

Der Virologe und Infektiologe von der MedUni Wien, Christoph Steininger, zeigt sich skeptisch, dass der Lockdown am 13. Dezember enden wird. Im PULS 24 Interview geht er davon aus, dass dieser mindestens drei bis vier Wochen dauern wird. Die Bevölkerung dürfe ihre Erwartungen "nicht zu hoch schrauben".

Steininger gibt zu bedenken, dass es etwa zwei Wochen brauche "bis wir wirklich den Effekt eines Lockdowns sehen können". "In drei Wochen werden wir erst die maximale Auslastung der Intensivstationen sehen. Erst danach wird der Lockdown greifen", sagt der Virologe im Interview mit PULS 24 Anchor René Ach.

Der Virologe und Infektiologe von der MedUni Wien, Christoph Steininger, spricht mit PULS 24 über die Wirksamkeit des bundesweiten Lockdowns.

Reduktion der Mobilität besonders im Fokus

Entscheidend sei nun die Frage, wie schnell die Infektionszahlen gedrückt werden können. Hier schauen die Forscher besonders auf die weitere Reduktion der Mobilität, den Betrieb in den Schulen - inklusive der Frage, wie gut das Monitoring österreichweit funktioniert bzw. wie man es verbessern kann - und die Nutzung von Homeoffice. Ein Problem für die Modellrechner ist, dass in vielen Gegenden Österreichs das zuvor bei weitem nicht flächendeckend aufgebaute PCR-Testsystem gehörig unter Druck steht.

Wohin die Reise geht, soll dann spätestens Anfang bis Mitte der nächsten Woche deutlich klarer werden. Mit sieben weiteren Tagen an Infektionsentwicklung gehe sich dann voraussichtlich auch jene Evaluation der Wirksamkeit des Lockdowns aus, die laut den Plänen der Bundesregierung zehn Tage nach Beginn erfolgen soll.

"Das ist genau das, wo wir in solchen Phasen versuchen beizutragen, möglichst frühzeitig die Dynamik einzuordnen", sagt Niki Popper. Wäre bis dahin kaum etwas zu sehen "müssten wir die jetzt - auf Basis aktueller Daten und bisheriger Effektivität von Lockdowns - angenommene Einschätzung der Wirksamkeit im Modell allerdings reduzieren", so Popper.

"Das wird drauf ankommen"

Ein PULS 24 Lokalaugenschein zeigt, dass sich die Österreicher und Österreicherinnen nicht sicher sind, ob der Lockdown verlängert wird. Viele betonen, dass dies nur möglich sei, wenn die Zahl der Neuinfektionen sinkt und auf das Verhalten der Mitmenschen.

"Ich hoffe zwar nicht, aber das hängt von den Zahlen ab", sagt ein junger Mann gegenüber PULS 24. "Das wird drauf ankommen, wie sich die Menschen verhalten. Wenn die Zahlen nach unten gehen, wird er beendet, wenn nicht, wird er bleiben", sagt eine Frau. Einige Passanten seien wiederum sicher: Der Lockdown wird verlängert.

PULS 24 hat die Menschen in Wien gefragt, ob sie glauben, dass der Lockdown verlängert werden wird.

Quelle: Agenturen / Redaktion / pea, apb