Nord Stream 1-Wartung läuft - Gasfluss auf Null gefallen

11. Juli 2022 · Lesedauer 4 min

Am ersten Tag der Wartungsarbeiten an der Ostseepipeline Nord Stream 1 hat Russland mit stark gedrosselten Gaslieferungen nach Italien und Österreich das Zittern um die Zukunft der Energieversorgung in Europa weiter angefacht.

Die OMV erhielt am Montag 70 Prozent weniger Gas vom russischen Staatskonzern Gazprom, wie ein Sprecher am Abend der APA bestätigte. Seit Montagfrüh fließt zudem durch die mehr als 1.200 Kilometer lange Nord Stream 1 kein Gas mehr nach Deutschland.

Das war wegen der jährlich anstehenden Wartung angekündigt und erwartet worden. Nachdem am Montag der Gashahn zugedreht wurde, fragt sich aber nicht nur die Bundesregierung: Wird er wieder aufgedreht?

Meldung aus Italien

Italiens teilstaatlicher Energieversorger Eni meldete nur wenige Stunden nach Beginn der Arbeiten, dass es ein Drittel weniger Gas als üblich aus Russland erwartet. Die OMV erhielt um 70 Prozent weniger Gas als nominiert. Zuletzt, seit Mitte Juni, hatte Gazprom noch etwa die Hälfte der bestellten Menge geliefert.

Österreichs Hauptausschuss tagt 

In Österreich sollte am Montagabend noch der Hauptausschuss des Nationalrats tagen, um weitere Ölreserven freizugeben. Begründet wird dies mit dem Raffinerieunfall bei der OMV in Schwechat bei Wien. Die Regierung will weitere 100.000 Tonnen Diesel und 45.000 Tonnen an Halbfertigfabrikaten freigeben, bestätigte Energieministerin Leonore Gewessler (Grüne) Montagnachmittag. "Die Versorgungssicherheit der Menschen in Österreich hat absolute Priorität", so die Ministerin.

Normalerweise Routine-Überprüfung 

Die Arbeiten an der Nord-Stream-1-Leitung sind Routine. Jahr für Jahr hat die Betreibergesellschaft über die vorübergehende Abschaltung und die Wiederinbetriebnahme nach 10 bis 14 Tagen informiert - ohne dass die Öffentlichkeit groß Notiz nahm. Heuer ist alles anders.

Seit Montag 6.00 Uhr stehen auf der zuletzt wichtigsten Route für russisches Erdgas nach Deutschland keine Transportkapazitäten mehr zur Verfügung. Im Laufe des Vormittags ging laut Daten der Betreibergesellschaft dann auch der tatsächliche Gasfluss gen Null, wie später auch die Bundesnetzagentur bestätigte. Spannend wird es in etwa zehn Tagen, wenn die Wartungsarbeiten abgeschlossen sein sollen. Bis 21. Juli, 6.00 Uhr, sind sie angesetzt.

Gas-Drosselung: Technik-Problem oder Kalkül?

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat Russland nach und nach mehreren europäischen Ländern, die Kiew unterstützen, das Gas abgedreht. Auch die Lieferungen nach Deutschland sind gesunken. Das mit Abstand meiste russische Gas kam laut Bundesnetzagentur zuletzt über Nord Stream 1. Und auch hier lag die Auslastung laut Daten der Behörde zuletzt nur noch bei etwa 40 Prozent des Maximums. Das russische Staatsunternehmen Gazprom hatte im Juni die Liefermenge drastisch gedrosselt und diese mit dem Fehlen einer Turbine von Siemens Energy begründet, die zur Reparatur nach Kanada geschickt worden war. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) kritisiert die Begründung als vorgeschoben.

Kanada will die Turbine nun doch ausliefern - zunächst nach Deutschland, was für Kritik seitens der Ukraine sorgt. Man sei "zutiefst enttäuscht" über die Entscheidung der kanadischen Regierung, in diesem Fall eine Ausnahme von den gegen Russland verhängten Sanktionen zu machen, hieß es in einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung von Außen- und Energieministerium in Kiew. Nach Darstellung Berlins fällt die Lieferung nicht unter die EU-Sanktionen, weil diese sich nicht gegen den Gastransit richteten.

Siemens Energy will die in Kanada gewartete Turbine nach eigenen Angaben "so schnell wie möglich zu ihrem Einsatzort" bringen. Nähere Angaben zum Zeithorizont für die Lieferung machte das Unternehmen am Montag nicht. Aufgrund seiner Größe kann das fragliche Gerät - wenn nötig - auch per Flugzeug transportiert werden.

Mitte Juni hatte Russlands EU-Botschafter gesagt, wegen der Probleme bei den Reparaturarbeiten sei auch eine völlige Stilllegung von Nord Stream 1 möglich. Eine solche befürchtet unter anderem Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Er sagte kürzlich, man sehe ein Muster, dass zu diesem Szenario führen könne. Habeck sprach auch von einer "wirtschaftskriegerischen Auseinandersetzung" mit Russland.

Quelle: Agenturen / Redaktion / lam