APA - Austria Presse Agentur

Wutwelle nach Strafmilderung für Russland-Betrug

18. Dez 2020 · Lesedauer 3 min

Die Wutwelle wegen des halbierten Strafmaßes für Russlands Doping-Betrug bringt die Sportrichter und das IOC in die Bredouille. Athleten-Verbände und führende Dopingjäger geißelten das milde Urteil als Justiz-Irrtum und forderten Reformen im Kampf gegen Manipulationen. Der CAS-Spruch markiere einen "weiteren dunklen Tag für sauberen Sport", wetterte das Sportlerbündnis "Global Athlete".

Bei Olympia 2021 in Tokio und 2022 in Peking sowie der Fußball-WM 2022 in Katar darf Russland dem CAS zufolge nicht mit einem eigenen Team antreten, seine Flagge darf nicht gehisst, seine Hymne nicht gespielt werden. Man werde das Urteil "sorgfältig prüfen", ließ das IOC schmallippig wissen. Die FIFA folgte dem am Freitag.

Der oberste US-Dopingfahnder Travis Tygart ist indes längst zu einer Bewertung des salomonischen Schiedsspruchs gekommen. Dieser sei ein "katastrophaler Schlag für saubere Athleten, die Integrität des Sports und die Rechtsstaatlichkeit", sagte der Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA. Die Weltagentur WADA und das IOC hätten im Umgang mit der Russland-Causa "die Politik erneut über das Prinzip gestellt", schimpfte Tygart.

Weil der CAS seine 186-seitige Urteilsbegründung zunächst nicht veröffentlichte, warfen Kritiker dem Gremium erneut mangelnde Transparenz vor. Doch schon der auf fünf Seiten zusammengefasste Richterspruch öffnete eine Reihe von Schlupflöchern für Russland. Das mächtige Olympische und Paralympische Komitee der USA zeigte sich daher enttäuscht über "Elemente des Urteils, die diese Sanktionen erheblich schwächen".

So dürfen russische Sportler als neutrale Athleten bei Olympia und Weltmeisterschaften starten, wenn sie nicht unter Dopingverdacht stehen. Die Beweislast dafür wurde umgekehrt: Nicht die Sportler müssen belegen, dass sie nicht in das Dopingsystem involviert waren, sondern die WADA. "Das ist vielleicht unser wichtigster Sieg", schrieb die Zeitung "Sport-Express".

"Wenn Russen auf der obersten Stufe des Podiums stehen, wird jeder wissen, dass sie Russen sind. Und wahrscheinlich werden viele Athleten die Hymne singen", zitierte die russische Nachrichtenagentur Tass die Synchronschwimm-Trainerin Tatjana Pokrowskaja. Der Interimschef der nationalen Anti-Doping-Agentur RUSADA, Michail Buchanow, sprach von einem "Sieg für Russland".

Der Kreml in Moskau indes nahm die Sperre mit Bedauern auf. Es sei zwar gut, dass russische Athleten zumindest unter neutraler Flagge an den Olympischen Spielen teilnehmen könnten, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Freitag Agenturen in Moskau zufolge. Er kritisierte allerdings, dass russische Regierungsvertreter - und damit auch Präsident Wladimir Putin - als Gäste bei den Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften nicht zugelassen seien. "Natürlich sehen wir das negativ", sagte Peskow.

Funktionäre und Regierungsvertreter Russlands dürfen allerdings trotz des Zweijahresbanns auf der Tribüne sitzen, wenn sie offiziell von den jeweiligen Gastgebern eingeladen werden. Zwar darf das Land zwei Jahre lang keine Welt-Sportereignisse ausrichten, die Spiele der Fußball-EM in St. Petersburg und das Formel-1-Rennen in Sotschi fallen aber nicht unter diese Regelung und dürfen stattfinden. Und auf den Rängen dürfen auch bei Olympia weiter russische Fahnen wehen.

Der Anwalt des Kronzeugen Grigori Rodschenkow, der die Affäre mit ins Rollen gebracht hatte, sieht in dem Urteil einen Beleg dafür, dass das Anti-Doping-System Länder mehr als Athleten schützt. "Ich sehe nicht, wie das auf irgendeine Weise andere Länder davon abhält, an dieser Art von Betrug mitzuwirken", sagte Jurist Jim Walden.

Eine Reihe von Athletenvereinigungen und nationalen Anti-Doping-Agenturen sieht sich in der Forderung nach neuen Strukturen bei WADA und CAS bestärkt. Sie wollen mehr Mitsprache für unabhängige Sportler, eine klarere Trennung zwischen IOC, Verbänden und Sportjustiz sowie die Verankerung von Athleten-Grundrechten in den Richtlinien für die Arbeit der WADA.

"Die Institutionen, die mit der Einhaltung der Prinzipien von Fairness und Integrität im Sport beauftragt sind, sind nachweislich kompromittiert und jederzeit unfähig zu einer prinzipienfesten Entscheidung", stellte der Verbund "Global Athlete" fest.

Quelle: Agenturen