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"Verrat": Kritik nach Wechsel von israelischen Eishockeyspieler zu Team in Auschwitz

12. Aug 2020 · Lesedauer 4 min

"Für einen Juden ist das Spielen für einen Klub in Auschwitz Verrat und ein Messer in den Rücken von Millionen Menschen", kommentierte der amerikanische Rabbi Elchanan Poupko den Wechsel des Israeli Eliezer Sherbatov.

Eliezer Sherbatov ist der Kapitän der israelischen Eishockey-Nationalmannschaft und sorgt mit einem ungewöhnlichen Wechsel für Schlagzeilen: er verlässt den kasachischen Verein Ertis Pawlodar und schließt sich der in der höchsten polnischen Liga spielenden Unia Oświęcim an. Die Stadt Oświęcim liegt 50 Kilometer von Krakau entfernt und erlangte traurige Bekanntheit. Von 1940 bis 1945 errichteten die Deutschen im besetzten Polen dort das Konzentrationslager Auschwitz, in dem europäische Juden sowie andere Minderheiten industriell getötet wurden. Bis zu 1,5 Millionen Menschen fanden im nationalsozialistischen Vernichtungslager den Tod. 

Der 1946 gegründete Klub Unia Oświęcim, der bisher zwei Mal den Cup und acht Mal die Meisterschaft, zuletzt 2004, gewinnen konnte, verstärkt sich nun mit dem 28-jährigen Angreifer. Das Engagement stößt jedoch auf Kritik aus jüdischen Kreisen. Der amerikanische Rabbi Elchanan Poupko twitterte: "Für einen Juden ist das Spielen für einen Klub in Auschwitz Verrat und ein Messer in den Rücken von Millionen Menschen. Du bist ein talentierter Spieler. Konntest du kein anderes Team finden? Jedes deiner Tore wird der Stadt Ehre bringen, die sehen musste, wie unsere Schwester und Brüder in Rauch aus Kaminen aufstiegen. Jeder, der heute diese Stadt bewohnt, ist schuldig." 

Nicht wegen Tourismus da

Der Eishockeyspieler antwortete dem Rabbi und verteidigte seinen Schritt: "Ich habe hier nicht unterschrieben, um ein Tourist zu sein, sondern zu zeigen, dass die Juden zurück sind. Stark wie noch nie. Wir erinnern und werden den Holocaust niemals vergessen. Ich möchte uns Hoffnung geben." 

Auf seinem Twitter-Profil gab er als weiteren Grund für seinen Transfer an, dass die Fans einem jüdischen Spieler zujubeln können, wenn er eine Trophäe in die Höhe strecken sollte. 

Das polnische Onlineportal Onet kontaktierte den New Yorker Rabbi Poupko und sprach ihn auf die Worte Sherbatovs an, der eine "neue Geschichte der Juden schreiben will". Pouoko, der Präsident der amerikanisch-israelischen Gesellschaft EITAN ist, kritisert diese Worte scharf: "Es gibt nichts Schlimmes in der Geschichte des jüdischen Volkes. [...] Wir brauchen keine neue Geschichte. Wird Sherbatov Albert Einstein, Franz Kafka oder Rabbi Meir Szapiro mit ein paar Toren auf dem Eis ersetzen? Juden haben eine schöne Geschichte, sie muss nicht repariert werden." 

In einem weiteren Gespräch mit Onet setzte sich Sherbatov gegen den US-Amerikaner zur Wehr: "Ich weiß nicht, warum er in meinem Transfer nichts Positives sieht. Das ist irgendein Nonsens. Ich spiele für Israel seit  meinem 13. Lebensjahr. Ich danke den Polen, die mir sofort signalisierten, dass sie auf meiner Seite stehen. Ich will, dass der Meistertitel in diese Stadt zurückkehrt. Unia hat große Ziele und zeigte mir viel Respekt." Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau, das heute als Gedenkstätte für die Grauen des Holocausts fungiert, habe der Spieler aufgrund von Verpflichtungen noch nicht besucht. 

 

Empörung der Stadtoffiziellen

Die Worte aus Übersee verhallten in Oświęcim nicht ohne ein Echo. Poupko warf Polen in seinem Gespräch mit Onet auch Kollaboration mit den Deutschen bei der Vernichtung von Juden vor. Darauf reagierte der Stadtpräsident Janusz Chwierut. Die "skandalösen Aussagen" würden sich nicht mit "historischen Fakten decken". "Die Aussagen sind verletzend für die Stadt und ihre Bewohner, sowie für viele Polen, die Opfer des Zweiten Weltkrieges wurden." 

Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau beteiligte sich ebenfalls an der Diskussion: "Die Geschichte von Auschwitz zeigt uns, wie gefährlich die stereotypische Wahrnehmung von anderen ist. Rabbi Poupko zeigte nicht nur Wissenslücken, sondern, was schlimmer ist, ignorierte auch Fakten. Zum Glück versteht Sherbatov das besser. Wir hoffen, er besucht bald die Gedenkstätte." 

Sherbatovs neuer Arbeitgeber schloss sich diesen Worten an und lud Rabbi Puopko zu einem Heimspiel ein und einer Geschichtsstunde ein. In einer Aussendung gibt sich der Klub modern und verurteilt die Worte: "Zu suggerieren, dass katholische Einwohner oder ihre heutigen Nachkommen mitverantwortlich für das Betreiben des deutschen Konzentrationslager Auschwitz waren, ist verletzend, ungerecht und ist mit Fakten unvereinbar. [...] Sport verbindet hier und trennt nicht. Wir haben in unserer Kabine verschiedene Nationalitäten und in unserem Team spielen Spieler aufgrund ihres sportlichen Niveaus. Herkunft und Nationalität spielen keine Rolle." 

Radoslaw ZakQuelle: Redaktion / zak