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Unfassbares Thiem-Comeback, tapferer Rodionov - ATP Wien, Tag zwei

25. Okt. 2022 · Lesedauer 6 min

Dank eines sensationellen 2:6, 7:6, 7:6-Comeback-Sieges gegen Tommy Paul steht Dominic Thiem im Achtelfinale der Erste Bank Open. Jurij Rodionov muss hingegen nach einem 4:6, 4:6 gegen Denis Shapovalov die Segel streichen. Was sonst noch an Tag zwei der Erste Bank Open passiert ist.

Der Dienstag, zweiter Turniertag beim ATP-500er-Turnier in Wien, ist traditionell der Tag, an dem es in der Wiener Stadthalle erstmals so richtig zur Sache geht. Das liegt vor allem daran, dass jener seit einigen Jahren zum "Thiemstag" wird, was bedeutet, dass Österreichs Aushängeschild Dominic Thiem ins Turniergeschehen eingreift.

Doch alles der Reihe nach: Um 14:00 Uhr stehen sich in der ersten Begegnung des Tages am Center Court zunächst der Bulgare Grigor Dimitrov und der Brasilianer Thiago Monteiro gegenüber. Dimitrov, ehemalige Nummer drei und aktuelle Nummer 31 des ATP-Rankings, wird seiner Favoritenrolle gegen den Qualifikanten Monteiro (ATP Nr. 66) gerecht und gewinnt relativ deutlich mit 6:3, 6:4.

JFK

Rodionov zeigt tollen Kampf

Im Anschluss betritt Österreichs Nummer zwei, Jurij Rodionov, unter dem Jubel der rot-weiß-roten Fans den Court. Die aktuelle Nummer 130 der Welt, die dank einer Wildcard am Turnier teilnehmen darf, ist gegen Jungstar Denis Shapovalov (CAN/19) klarer Außenseiter. Doch der 23-Jährige beweist von Anfang an tollen Kampfgeist.

Im ersten Satz ist Rodionov gegen sein gleichaltriges Pendant mindestens ebenbürtig. Der Linkshänder kassiert beim Stand von 3:3 zwar das erste Break, kann sich jenes aber mit einem spektakulären Ballwechsel, der zur Verwandlung seines dritten Breakballs führt, zurückholen.

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Shapovalov am Ende abgebrüht

Shapovalov, der heuer im Australian Open Viertelfinale stand und in der Weltrangliste bereits unter den Top 10 klassiert war, spielt seine Stärken in der Folge allerdings aus. Mit einem Doppelfehler muss Rodionov seinen Aufschlag erneut zum 4:5 abgeben. Der Kanadier serviert zum 6:4-Satzgewinn aus.

Im zweiten Durchgang gelingt Shapovalov ein frühes und vorentscheidendes Break. Beim Stand von 1:3 bäumt sich der Österreicher noch einmal auf und wehrt mit teils spektakulären Schlägen zwei Breakbälle ab. Shapovalov lässt in der Folge allerdings keine Breakchance zu und stellt auf 5:3.

Mit zwei Doppelfehlern und einem Unforced Error schenkt der Österreicher seinem Kontrahenten zwei Matchbälle, die er allerdings, genauso wie den dritten, abwehren kann und nach Einstand auf 4:5 verkürzt. Rodionov erarbeitet sich in der Folge sogar noch vier Breakchancen, die der Kanadier mit tollen Aufschlägen abwehren kann. Nach 1:41 Stunden verwandelt Shapovalov schließlich seinen vierten Matchball zum 6:4, 6:4-Sieg.

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"Musste mein bestes Tennis spielen"

Damit scheidet nach Filip Misolic am Montag (3:6, 3:6 gegen Francisco Cerundolo) auch der zweite Österreicher aus dem Turnier aus. "Ich musste mein bestes Tennis spielen", meint Shapovalov im Post-Game-Interview am Center Court und streut dem Österreicher Rosen. "Big Credits an Jurij. Er ist ein toller Spieler und wir verstehen uns auch abseits des Platzes gut", sagt die Nummer 19 der Welt.

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Shapovalov begleicht mit dem Erfolg eine zwei Jahre alte Rechnung. 2020 hatte Rodionov den Kanadier in Runde eins sensationell aus dem Turnier genommen.   

Thiem erwischt Horror-Start

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Im Anschluss betritt Dominic Thiem erstmals seit zwei Jahren wieder den Center Court in Wien. Die Zuschauer:innen empfangen die ehemalige Nummer drei der Welt mit tosendem Applaus. Die Halle D in der Wiener Stadthalle ist - bis auf den gesperrten dritten Rang auf der Südtribüne - beinahe ausverkauft. 

Thiem erwischt jedoch den denkbar schlechtesten Start in die Partie, muss seine ersten beiden Aufschlaggames zu Null abgeben und gerät postwendend mit 0:4 in Rückstand. Thiem steigert sich anschließend zwar, doch der erste Satz geht nach nicht einmal einer halben Stunde mit 6:2 an Tommy Paul. Der US-Amerikaner agiert unglaublich konstant und macht keinen einzigen unerzwungenen Fehler im ersten Durchgang.

Satzausgleich im Tiebreak

Während Paul bei seinem Service quasi unantastbar ist und in den ersten fünf Aufschlagspielen nur drei Punkte abgibt, hat Thiem weiterhin stark zu kämpfen. Beim Stand von 1:1 packt er erstmals sein bestes Tennis aus und wehrt zwei Breakbälle (einen mit einem sensationellen Rückhand-Schlag) ab.

Auch in seinem nächsten Aufschlagsgame muss Thiem einen Breakball abwehren, beim Stand von 3:2 vergibt der 29-Jährige seine ersten beiden Chancen den US-Amerikaner zu breaken. Anschließend kippt das Momentum. Thiem vergibt eine weitere Breakchance bei 4:3 und bringt seinen Aufschlag zum 5:4 zu Null durch. Beide Aufschläger agieren anschließend souverän und so muss ein Tiebreak die Entscheidung bringen. In jenem ist Thiem der deutlich bessere Spieler, gewinnt zwei lange Rallys und gleicht mit einem 7:2 im Tiebreak zum 1:1 in Sätzen aus. Die Stadthalle bebt.

Unfassbares Comeback in Satz drei

Zu Beginn des Entscheidungssatz verfällt der Österreicher in alte Muster. Zwar hat Thiem gleich im ersten Aufschlaggame von Paul zwei Breakbälle, nachdem dieser sein Service jedoch durchbringt, gibt Thiem seines erneut zu Null ab. Paul erhöht in der Folge auf 3:0. Thiem muss bei 1:4 einen weiteren Breakball abwehren und ist bei Aufschlag seines Kontrahenten weitestgehend chancenlos.

Bis dieser ausservieren muss. Thiem zeigt sensationelles Tennis, gewinnt den Punkt des Spiels nach einer unmenschlichen Rallye über 20 Schläge zum 0:30 und holt sich mit einem weiteren Winner das Rebreak. Die Stadthalle steht Kopf. Thiem serviert danach sicher zum 5:5. "Jetzt geht’s los", hallt es durch die Arena. Der Österreicher muss bei 5:6, 0:30 noch eine brenzlige Situation überstehen, rettet sich jedoch in ein abermaliges Tiebreak.

Jenes ist – wie das ganze Match – an Dramatik nicht zu überbieten. Thiem geht mit 3:0 in Führung, doch Paul kommt zurück und hat bei 6:4 (nach Doppelfehler von Thiem) zwei Matchbälle. Doch Thiem hat abermals die bessere Antwort parat, macht vier Punkte in Folge und verwandelt nach knapp drei Stunden seinen ersten Matchball.

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Thiem: "War gefühlt der schwächere Spieler"

"Ich habe diesen Jubel sehr vermisst. Heute kann ich wirklich sagen, dass ich ohne eure Unterstützung das Match niemals gewonnen hätte", meint ein emotionaler Thiem im Siegerinterview auf dem Platz. Er sei "immer ein bisschen hinterhergelaufen" und "war gefühlt der schwächere Spieler" gibt Thiem zu und bedankt sich abermals für die Unterstützung der Fans. Im Achtelfinale winkt dem Niederösterreicher nun ein Duell mit dem topgesetzten Russen Danill Medwedew.

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Tsitispas und Medwedew am Mittwoch im Einsatz

Im letzten Spiel des Abends besiegt Hubert Hurkacz (POL/5) Vorjahresfinalist Frances Tiafoe (USA) mit 7:6, 3:6, 6:3. Auf dem #glaubandich-Court am Wiener Heumarkt fanden am Dienstag ebenfalls drei Erstrunden-Partien statt. Der Brite Daniel Evans besiegt den deutschen Lucky Loser Oscar Otte, der statt des verletzten Matteo Berrettinis ins Hauptfeld gerutscht ist, mit 6:4, 7:6. Emil Ruusuvuori (FIN) macht mit dem Finalisten von 2020, Lorenzo Sonego (ITA), mit 6:2, 6:3 kurzen Prozess. Cameron Norrie (GBR/7) kämpft Pedro Cachin (ARG/LL) mit 3:6, 6:2, 7:6 nieder. In der Doppelkonkurrenz gelingt den Österreichern Lucas Miedler/Alexander Erler mit einem 6:3, 7:6-Erfolg über Rublev/Khachanov (RUS) der Einzug ins Viertelfinale.

Am Mittwoch geht es in der Wiener Stadhalle mit Partien der ersten Runde bzw. Achtelfinalis weiter. Unter anderem steigen die topgesetzten, Daniil Medwedew, (RUS/1, gegen Nikolas Basilashvili) und Stefanos Tsitsipas (GRE/2, gegen Dennis Novak) ins Turniergeschehen ein. Außerdem gibt es die Duelle der Jungstars zwischen Christian Garin (CHI) und Jannik Sinner (ITA/4) bzw. Taylor Fritz (USA/6) und Rodinov-Bezwinger Shapovalov zu sehen.

Maximilian PatakQuelle: Redaktion