APA - Austria Presse Agentur

Tokio-Verschiebung steht bevor - Pound: Beschlossene Sache

23. März 2020 · Lesedauer 6 min

Die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio steht bevor. Der Druck auf das Internationale Komitee wird von Stunde zu Stunde größer, Japans Premierminister Shinzo Abe und das Organisationskomitee schließen die Verschiebung nicht mehr aus. Österreichs Sportminister Werner Kogler spricht sich aufgrund der Coronavirus-Pandemie ebenfalls dafür aus.

Ex-IOC-Vizechef Dick Pound gab indes an, dass die Verschiebung bereits beschlossene Sache sei. "Auf der Grundlage der Informationen, die das IOC hat, wurde eine Verschiebung beschlossen. Die zukünftigen Parameter wurden noch nicht festgelegt, aber die Spiele werden nicht am 24. Juli beginnen, soweit ich weiß", sagte Pound der Zeitung "USA Today" am Montag.

Der Kanadier glaubt, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) bald die nächsten Schritte bekanntgeben wird. "Wir werden dies verschieben und beginnen, uns mit all den Konsequenzen zu befassen, die sich daraus ergeben, die immens sind", ergänzte der einflussreiche Ex-Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur, der nach wie vor IOC-Mitglied ist.

Das IOC hatte am Sonntag lediglich erklärt, dass man innerhalb von vier Wochen über eine mögliche Verschiebung entscheiden werde. In dieser Zeit sollen auch Szenarien über eine mögliche Verschiebung überlegt werden. Ein Festhalten am geplanten Zeitpunkt wurde nicht ausdrücklich ausgeschlossen. Eine Komplett-Absage kommt laut IOC nicht infrage. Derzeit sind die Spiele für den Zeitraum vom 24. Juli bis 9. August 2020 eingeplant.

OK-Präsident Yoshiro Mori räumte aber am Montag immerhin ein, dass man die Verschiebung als realistische Option betrachten müsse. "Ich bin nicht so dumm, darauf zu bestehen, dass die Olympischen Spiele wie ursprünglich geplant verlaufen." Man werde die IOC-Entscheidung akzeptieren.

Kanadas Olympisches Komitee (COC) erhöhte den Druck auf das IOC weiter und gab als erstes Land bekannt, dass man in diesem Sommer auf eine Entsendung von Sportlern verzichten werde. "Das ist kein Boykott", betonte aber ein Sprecher. Für diese Entscheidung gab es viel Zuspruch, Australien, Großbritannien, Polen, die Schweiz, Portugal und Norwegen ziehen dies ebenfalls in Erwägung, solange die Coronavirus-Pandemie nicht unter Kontrolle sei.

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau lobte das Kanadische Olympische Komitee für seine Entscheidung und forderte andere Länder auf, dasselbe zu tun. "Dies war absolut der richtige Anruf und jeder sollte diesem Beispiel folgen."

Aus Österreich kam sogleich Anerkennung. "Als Sportminister begrüße ich den mutigen Schritt Kanadas und plädiere im Sinne der Gesundheit aller TeilnehmerInnen, BetreuerInnen und ZuschauerInnen für eine Verschiebung der Olympischen Spiele 2020. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es keiner Maßnahmen Österreichs bedürfen wird, weil sich das IOC der Problemlage mit großem Verantwortungsbewusstsein nähern und die Gesundheit aller Beteiligten in den Fokus ihres Handelns stellen wird", teilte Vizekanzler Kogler in einem Statement mit.

Die österreichische Bundesregierung, das Sportministerium, aber auch das Österreichische Olympische Komitee (ÖOC) würden die Situation täglich neu bewerten und mit Sorge die steigenden Covid-19-Fallzahlen in den meisten europäischen und außereuropäischen Ländern beobachten.

"Durch die Schließung von Sport- und Trainingsstätten in vielen (aber nicht allen) Ländern, muss darüber hinaus schon heute angezweifelt werden, dass die TeilnehmerInnen der Sommerspiele 2020 Chancengleichheit vorfinden. Zudem sind 43 Prozent aller Startplätze noch gar nicht vergeben, die Durchführung der Qualifikationswettkämpfe höchst unsicher", meinte Kogler weiters.

Das Österreichische Olympische Komitee rechnet mittlerweile nicht mehr mit einer Durchführung im Sommer. "Die Gesundheit der Athleten steht an erster Stelle, und wenn diese nicht gewährleistet ist beziehungsweise der Coronavirus nicht im Griff ist und sich auch die gesamte Weltsituation hier nicht entspannt, dann kann ich es mir nicht vorstellen", sagte ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel im ORF. Er sei sich sicher, dass das IOC diese Bedenken in seine Überlegungen einfließen lasse, ergänzte Mennel. Die Meinung der österreichischen Sportler, mit denen man über den Athletensprecher in Kontakt stehe, sei eindeutig: "Die Tendenz der Athleten ist klar erkennbar für eine Verschiebung."

Eine Verschiebung wäre eine monumentale Entscheidung und ein massiver Eingriff in den komplexen Kalender des Weltsports. Am wahrscheinlichsten ist die Verlegung auf Sommer 2021 oder auf 2022. Gegen 2022 spricht, dass im Februar die Winterspiele in Peking und im November und Dezember die Fußball-WM in Katar stattfinden.

Im Sommer 2021 sind aber zum Beispiel die Weltmeisterschaften der Schwimmer in Fukuoka und die der Leichtathleten in Eugene vorgesehen. Die WM-Organisatoren von Eugene versicherten, mit ihren Partnern und Interessenvertretern über einen alternativen Termin zu beraten. "Olympische Spiele im Juli dieses Jahres sind weder machbar noch wünschenswert", fand auch Sebastian Coe, der Chef von World Athletics, klare Worte.

IOC-Chef Thomas Bach war erst am Sonntag von seiner Linie abgerückt, er hatte zuletzt immer betont, dass bis zu den Spielen noch lange Zeit und eine Verschiebung kein Thema sei. "Menschenleben haben Vorrang vor allem, auch vor der Austragung der Spiele. Das IOC will Teil der Lösung sein", zeigte der 66-Jährige Einsicht. Und richtete sich in einem Brief um Verständnis werbend direkt an die Athleten. "Dass am Ende dieses dunklen Tunnels, durch den wir alle gemeinsam gehen, ohne zu wissen, wie lange er noch dauert, die olympische Flamme ein Licht sein wird."

Eine Olympia-Verschiebung wäre eine historische Entscheidung. Eine Absage gab es in der Vergangenheit dagegen schon einige Male. Im Ersten Weltkrieg wurden die Sommerspiele 1916 (Berlin), im Zweiten Weltkrieg die Sommerspiele 1940 (Tokio) und 1944 (London) sowie die Winterspiele 1940 (Cortina d'Ampezzo) und 1944 (Sapporo) gestrichen.

Eine Verschiebung der Olympischen und Paralympischen Spiele würde Japan nach Meinung verschiedener Experten bis zu 5,7 Milliarden Euro (670 Milliarden Yen) kosten. Diese Summe errechnete der Chefökonom des Finanzunternehmens SMBC Nikko Securities, Junichi Makino. Mit rund 640,8 Milliarden Yen (5,4 Mrd. Euro) schätzt der Wirtschaftswissenschaftler Katsuhiro Miyamoto von der Universität Kansai die Kosten nur unwesentlich geringer ein. Die Schätzung für die Komplett-Absage beläuft sich laut Makino auf 7,8 Billionen Yen (65,9 Mrd. Euro).

Der Fackellauf durch Japan soll jedenfalls am Donnerstag beginnen. IOC-Präsident Bach will die Entscheidung dem Organisationskomitee überlassen, das bereits erklärte, in einer abgespeckten Version daran festzuhalten. Fußball-Teamspielerin Nahomi Kawasumi zog ihre Teilnahme allerdings zurück. Die Weltmeisterin von 2011 wolle nicht riskieren, sich oder jemanden anders mit dem Virus anzustecken.

Quelle: Agenturen