Kommentar zur Super League: Ein Banküberfall

20. Apr. 2021 · Lesedauer 5 min

Die von 12 Gründungsmitgliedern ausgerufene Super League ist kein Gespenst, das in Europa umgeht, sondern die logische Fortführung einer seit Dekaden andauernden Entwicklung.

Mit einem Paukenschlag läuteten 12 Fußballklubs aus England, Spanien und Italien in der Nacht von Sonntag auf Montag die 16. Kalenderwoche des Jahres 2021 ein. In ihr dürften die Weichen für die Zukunft des Fußballs gestellt werden. Manchester City (Eigentümer: Abu Dhabi United Group aus den VAE), das börsennotierte Manchester United (Familie Glazer aus den USA), Chelsea FC (Roman Abramowitsch aus Russland), Liverpool FC (Fenway Sports Group aus den USA), Tottenham Hotspur (ENIC International Ltd. aus dem Vereinigten Königreich), Arsenal (Kroenke Sports and Entertainment aus den USA), Atletico Madrid (Miguel Angel Gil Marin aus Spanien), Real Madrid (Mitgliederverein), FC Barcelona (Mitgliederverein) Inter (Suning Holdings Group aus China), AC Milan (Elliott Management aus den USA) und Juventus (Familie Agnelli aus Italien).

Mit einem gemeinsamen Statement zettelten sie eine Revolution gegen den Europäischen Fußballverband UEFA an. Die aus ihnen bestehende Liga, die durch weitere drei permanent am Spielbetrieb teilnehmende Klubs sowie fünf Qualifikanten komplementiert werden soll, gleicht wegen ihrem geschlossenen, amerikanischen System einem Erdbeben in der Welt des Fußballs.

Fans in England stellten sich gegen die Besitzer ihrer Vereine, Prinz William äußerte sich zur Lage auf Twitter, Liverpools Trainer Jürgen Klopp sprach sich gegen das Vorhaben auch, so auch sein Leistungsträger James Milner. Liverpools Gegner Leeds United lief vor dem Spiel gegen die "Reds" mit zwei Botschaften auf Shirts mit dem Logo der Champions League auf: "Fußball ist für die Fans" und "Verdient es." Klopp und Milner gaben in Interviews zu Protokoll, über die Pläne nicht informiert worden zu sein. Das müssen sie als Arbeitnehmer auch nicht. Sie sind im Businessbetrieb der Besitzerfamilie kleine Rädchen, die jetzt einen medialen Sturm der Entrüstung ausbaden müssen, während die wahren Verantwortlichen sich in Schweigen hüllen und weder die Gründung noch die Proteste kommentieren.

Die Gründer wollen das Produkt als direkte Konkurrenz zur den europäischen Vereinswettbewerben der UEFA positionieren: Die Spieltage sind unter der Woche angesetzt, damit man auch an den nationalen Ligen teilnehmen kann. Dort ist man vom Vorhaben der Topklubs weniger begeistert. Forderungen nach einem Ausschluss und Aberkennung von Titeln werden besonders im englischen Sportfernsehen von Fußballlegenden wie Gary Neville (Manchester United) und Jamie Carragher (Liverpool) laut. Man habe die Fans und das Pyramidensystem, in dem man nach sportlichen Erfolgen und Misserfolgen entweder belohnt oder bestraft wird, für die amerikanische Investmentbank JP Morgan, verraten.

Sie finanziert das neue Konstrukt mit 3,5 Milliarden Euro, neue Märkte in Asien und Afrika sollen mit der Super League erschlossen werden. Für die traditionsreichen Vereine, die längst zu mehr geworden sind, nämlich zu globalen Marken, klingeln die Kassen. Weil eine garantierte Anzahl von Spielen und sportliche Schwächeperioden wie bisher keinen Einfluss auf die TV-Einnahmen haben sollen. Es wird keinen Unterschied machen, ob man gewinnt oder verliert. Das Geld wird fließen. 

Der neue Super-League-Vorstandsvorsitzende Florentino Perez gab populistisch zu Protokoll, man gebe Fans auf der ganzen Welt was sie erwarten und tue etwas für den Nachwuchs, seiner Ansicht nach interessieren sich junge Menschen nicht mehr für den Fußballsport. Nebenbei würde man sich nach den finanziellen Einbußen wegen der Coronavirus-Krise konsolidieren, der Welt ein Premium-Produkt liefern.

Auch das Thema soziale Verantwortung streifte der 74-Jährige Präsident von Real Madrid: Wenn es den Reichen schlecht gehen wird, dann auch den Armen. Die lokale Fanbasis ist bei den großen Marken schon lange nicht mehr im Fokus, sondern die weltweite Eventisierung des Sports. Auch auf Seiten der UEFA, deren Wortwahl mit Schlangen, Lügnern und zahlreichen Drohungen an einen Rosenkrieg erinnert, zeigt man sich ebenfalls nah an der Basis. "Auf Fans wird gespuckt", verlautbarte Präsident Aleksander Ceferin und beschwor Widerstand gegen die Separatisten.

Völlig außer Acht lassend, dass gerade die Champions League seit ihrer ersten Austragung in der Saison 1992/93 immer zu einem elitären Golfclub mit den gleichen reichen Gästen aus den Regionen Westeuropas wurde, denen durch das Zugestehen von immer mehr Privilegien die Tür weit offenstand. Es wäre absurd, die UEFA oder die FIFA zu Hütern der sportlichen Rivalität zu stilisieren. Aber: der Türspalt für Außenstehende aus den unteren Schichten war zwar immer sehr klein, sportlich (und mit Glück) war das Mitspielen im Konzert der Großen aber immer irgendwie möglich. Die Mittel- und Unterschicht fand in der Europa League eine Heimat und im Vergleich zu den Großen auch etwas Kleingeld.  Mit der Champions-League-Reform 2024 wird der elitäre Kreis noch abgeschirmter werden. 

Dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden ist ein essentielles Problem der heutigen Zeit, das auch vor dem Fußballgeschäft nicht Halt macht. Die 12 Klubs beschlossen, sich über alle anderen zu erheben und verließen somit ein altes, gewachsenes, nationales und internationales Ökosystem. Mehr oder weniger ist der Schritt auch eine Zerstörung der Chancengleichheit, die der Fußball ermöglichte. Ansonsten wäre die Mehrheit der Anhängerinnen und Anhänger vielleicht auf Seiten der Rebellen, die gegen die finanzielle Monopolstellung der UEFA in den Kampf ziehen. Für die Wiederentdeckung der Fußballromantik und den moralischen Aufstand gegen das Produkt Super League ist es aber schon seit Jahren zu spät. 

Radoslaw ZakQuelle: Redaktion / zak