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Streit um Skeleton-Helm: Ukrainer bei Olympia ausgeschlossen

Heute, 08:54 · Lesedauer 5 min

Im Streit um seinen Helm mit Bildern von im Krieg getöteten Sportkollegen ist der Ukrainer Wladislaw Heraskewytsch am Donnerstag vom olympischen Skeleton-Bewerb ausgeschlossen worden. Trotz eines Gesprächs mit IOC-Präsidentin Kirsty Coventry wollte der 27-Jährige nicht auf das Tragen des vom IOC verbotenen Helms verzichten und durfte daher am Donnerstag auf der Bahn in Cortina nicht an den Start gehen. Diese Entscheidung traf eine Jury des Weltverbands IBSF.

Am Morgen noch hatte das Internationale Olympische Komitee angekündigt, Heraskewytsch die Akkreditierung für die Winterspiele zu entziehen. Später erwirkte Coventry bei der IOC-Disziplinarkommission, dass dieser Schritt doch nicht gesetzt wird. Dieser eher symbolische Akt dämpfte den Ärger in der Ukraine nicht. "Zukünftige Generationen werden dies als einen Moment der Schande in Erinnerung behalten", schrieb Außenminister Andrij Sybiha bei der Plattform X (vormals Twitter).

Präsident Wolodymyr Selenskyj übte ebenfalls scharfe Kritik am IOC und dankte Heraskewytsch für seine klare Haltung. "Mut zu haben, ist mehr wert als jede Medaille", schrieb Selenskyj. Den Sportler belohnte er mit dem Orden der Freiheit und damit der zweithöchsten Auszeichnung des Landes. "Sport bedeutet nicht Erinnerungslosigkeit, sondern die olympische Bewegung sollte den Krieg stoppen helfen und nicht dem Aggressor zuspielen", schrieb Selenskyj auf sozialen Netzwerken.

Das IOC hatte erklärt, dass der Helm gegen das Neutralitätsgebot der Olympischen Charta verstößt. Politische Botschaften sind laut IOC-Regeln an den Wettkampfstätten untersagt. Die Dachorganisation hatte Heraskewytsch als Kompromiss angeboten, anstatt des Helms ausnahmsweise einen Trauerflor am Arm zu tragen und den Helm am Donnerstag vor bzw. nach dem Rennen zu zeigen. Das hatte der Ukrainer abgelehnt.

"Es ist schwer, etwas zu sagen oder es in Worte zu fassen. Es ist Leere", sagte Heraskewytsch. Die Entscheidung sei ein riesiger Fehler. "Ich glaube, dass ich keine Regeln verletzt habe", beteuerte er und legte beim Internationalen Sportgerichtshof CAS Einspruch gegen seinen Ausschluss ein. Der Protest richte sich gegen die Entscheidung der Jury des zuständigen Weltverbands IBSF, ihn wegen seines Helms zu disqualifizieren, teilte die Ad-hoc-Kommission des CAS mit.

CAS wurde eingeschaltet

"Herr Heraskewytsch argumentiert, dass der Ausschluss unverhältnismäßig sei, durch keinen technischen oder sicherheitstechnischen Verstoß gerechtfertigt sei und ihm einen irreparablen sportlichen Schaden zufüge", verlautete der CAS. Der 27-Jährige verlange die Aufhebung der Entscheidung und seine sofortige Wiederzulassung zu den Winterspielen. Alternativ müsse ihm ein vorläufiger Start unter Überwachung des CAS ermöglicht werden, bis ein Urteil vorliegt. Es sei ein Einzelrichter für das Eilverfahren berufen worden, hieß es. Eine genaue Frist bis zur Entscheidung könne nicht genannt werden.

Heraskewytsch gehörte zwar nicht zum Kreis der Favoriten, hatte aber mit guten Trainingsleistungen zarte Hoffnungen auf eine Medaille geweckt. "Das Internationale Olympische Komitee hat unsere Träume zerstört. Das ist nicht fair", sagte sein Vater Mychajlo.

IOC-Chefin unter Tränen

Coventry hatte sich mit dem Ukrainer rund eine Stunde vor dem Start des ersten Laufs getroffen. Danach verkündete sie unter Tränen, dass sie Heraskewytsch nicht umstimmen konnte und der Ausschluss "unter Bedauern" vollzogen werden müsse. "Es geht nicht um die Botschaft, es geht nur um die Regeln und Vorgaben. In diesem Fall müssen wir in der Lage sein, ein sicheres Umfeld für alle sicherzustellen", sagte Coventry. "Niemand, wirklich niemand, besonders ich nicht, widerspricht der Botschaft. Sie ist kraftvoll. Sie ist eine Botschaft des Gedenkens, eine Botschaft der Erinnerung, und niemand lehnt das ab."

In mehreren Trainingsläufen war Heraskewytsch mit dem Helm gefahren. Darauf sind Bilder von rund 20 Athletinnen und Athleten zu sehen, die bei russischen Anschlägen ums Leben gekommen sind. Die Ukraine wehrt sich seit knapp vier Jahren gegen eine russische Invasion. Der Helm sei "eine Hommage an Athleten, und einige von ihnen waren Medaillengewinner bei den Olympischen Jugendspielen. Das bedeutet, sie gehören zur olympischen Familie", erklärte Heraskewytsch, der nicht zum Kreis der Medaillenanwärter gehört.

Ein offizielles Gesuch um eine Erlaubnis für den Kopfschutz lehnte das IOC jedoch unter Verweis auf die Regeln für politische Botschaften ab. Diese seien mit der Athletengemeinde abgestimmt. Es müsse allen Sportlerinnen und Sportlern möglich sein, sich in einem sicheren Umfeld auf ihre Leistung zu konzentrieren, unbeeinflusst von den zahlreichen Konflikten auf der Welt. Heraskewytsch sei es erlaubt, in Interviews rund um den Wettkampf seine Meinung frei zu äußern, hieß es weiter.

Ukrainische Rodler solidarisch mit Heraskewytsch

Solidarisch mit Heraskewytsch zeigten sich die ukrainischen Rodler. Nach ihrem Rennen in der Team-Staffel im Ziel angekommen, knieten sich die am Ende sechstplatzierten Julianna Tunyzka, Andrij Mandsij, Ihor Hoj, Nasarij Katschmar, Olena Stezkiw und Olexandra Moch gemeinsam hin und hielten ihre Helme hoch.

In der sogenannten Leaders-Box, in der sich die jeweils Führenden während eines Rennens versammeln, präsentierten sie sich daraufhin demonstrativ mit einer ukrainischen Fahne. Zudem brüllten die Rodler unter anderem die Botschaft "Die Ukraine ist mit dir" in die Kamera, waren dabei aber kaum zu verstehen. Auf die Helm-Geste reagierte Heraskewytsch bei X mit einem Herz-Emoji.

Unterdessen begrüßte Russland den Ausschluss von Heraskewytsch. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte der Sportzeitung "Sport-Express": "Sport sollte nicht politisiert werden." Die Disqualifikation von Heraskewytsch zeige, dass jene, die Sportveranstaltungen als Plattform für politische Propaganda nutzen wollten, einen Dämpfer erhielten, lobte der Vizevorsitzende im Sportausschuss des Parlaments, Amir Chamitow. "Die Regeln gelten für alle", sagte der Duma-Abgeordnete der russischen Staatsagentur Tass. "Natürlich ist das für solche Teilnehmer eine unangenehme Erkenntnis, aber hier muss man sich entscheiden: Ist man Sportler oder politischer Agitator?", sagte er.

Zusammenfassung
  • Der ukrainische Skeletonfahrer Wladislaw Heraskewytsch wurde am Donnerstag vom olympischen Bewerb ausgeschlossen, weil er trotz IOC-Verbots einen Helm mit Bildern von rund 20 im Krieg getöteten Sportkollegen trug.
  • Das Internationale Olympische Komitee begründete den Ausschluss mit einem Verstoß gegen das Neutralitätsgebot der Olympischen Charta und untersagte politische Botschaften an den Wettkampfstätten.
  • Heraskewytsch lehnte einen angebotenen Kompromiss ab und legte beim Internationalen Sportgerichtshof CAS Einspruch gegen seinen Ausschluss ein, da er sich sportlich irreparabel geschädigt sieht.
  • Präsident Wolodymyr Selenskyj kritisierte das IOC scharf, verlieh Heraskewytsch den Orden der Freiheit und betonte, dass Mut mehr wert sei als jede Medaille.
  • Während ukrainische Rodler mit einer Solidaritätsaktion reagierten, begrüßten russische Offizielle den Ausschluss als Zeichen gegen Politisierung des Sports.