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Johnny Ertls EM-Tagebuch: Sonntag könnte ein Feiertag für England werden

08. Juli 2021 · Lesedauer 4 min

PULS 24 Experte Johnny Ertl analysiert täglich während der EURO 2020 exklusiv aktuelle Themen rund um die Europameisterschaft. Dieses Mal berichtet der Ex-Nationalspieler über den Sieg der Engländer und ihr Einzug ins EM-Finale.

Die Spieluhr zeigte die 104. Minute als Wembley komplett explodierte. In einem Spiel, bei dem kaum einer im Stadion ans Sitzen dachte, so unterhaltsam und giftig war es. Die größte Kulisse bei britischen Sportevents seit 16 Monaten pushte das Team von Gareth Southgate ins erste Finale sein dem fulminanten WM-Coup 1966.

Die tapferen Dänen kämpften und verteidigten grandios. Attribute, die man seit dem Gruppenspiel gegen die Russen konservierte und von Runde zu Runde verbesserte. Gefährliche Momente bei Kontern im Umschaltspiel waren da, dazu kam noch die Qualität bei ruhenden Bällen und das Warten auf Fehler der gegnerischen Verteidigung.

Summa Summarum war Dänemark ein unangenehm zu bespielender Gegner, der sogar mit einem sehenswerten Freistoß in Führung ging. Es sollte das erste Mal bei dieser Europameisterschaft sein, dass Jordan Pickford den Ball aus dem eigenen Netz fischte. Auch eine Unachtsamkeit von Englands Schlussmann in der ersten Halbzeit blieb ungenützt. Die Menge peitschte die "Three Lions" zum Ausgleichstreffer.

APA - Austria Presse Agentur

Mikkel Damsgaard erzielt per Freistoß die Führung für Dänemark.

Es sollte ein Tag werden, an dem man sieht wie die Mannschaft unter Gareth Southgate gewachsen ist. Man war sich der Stärke der Dänen bewusst. Aber es war klar, dass sie hinten raus im physischen Bereich Probleme bekommen werden. Nach dem 0:1 Rückstand verfiel man nicht in einen Panikmodus wie bei der Europameisterschaft 2016 gegen Island. Nein, die Mannschaft strahlte viel Ausgeglichenheit und Willen über die volle Distanz aus.

Angeführt von einem herausragenden Raheem Sterling, der schon seit Beginn dieses Turniers das Um und Auf im System der Engländer ist, und mit unaufhaltsamer Energie und Geschwindigkeit so manche Räume für seine Mitspieler öffnet, übernahm England in Halbzeit zwei das Kommando über das Spielgeschehen komplett.

Es war zu diesem Zeitpunkt nur mehr eine Frage der Zeit, bis man das Abwehrbollwerk der Dänen durchbrechen würde. Die Engländer versuchten direkt und schnell in die gegnerische Box zu kommen. Der Wille ins Finale aufzusteigen war in jeder Minute spürbar, nicht nur auf dem Rasen sondern auch von jedem einzelnen Zuseher in der Wembley Arena. Harry Kane und Co scheiterten aber entweder am groß aufspielenden Kasper Schmeichel oder an der fantastisch organisierten Verteidigung rund um Simon Kjaer.

Hälfte zwei erinnerte an Boxkampf

In Hälfte zwei erinnerte mich das Spiel an einen Boxkampf. Immer wieder setzten die Engländer Nadelstiche und setzten die dänische Abwehr unter Druck. Nach Punkten und insgesamt neun Torchancen lag man klar voran. Der schon leicht angeschlagene Gegner musste fünfmal in Hälfte zwei wechseln, die Intensität und der Kraftverschleiß war hoch. Man konnte kaum mehr in die gegnerische Hälfte kommen. Das Momentum war klar auf Seiten der Engländer, doch wollte das befreiende und wohl entscheidende Tor in Hälfte zwei nicht fallen. Die Dänen stemmten sich mit allen Kräften dagegen. Und wir alle wissen: übersteht man die Nachspielzeit dann werden die Karten wieder komplett neu gemischt.

APA - Austria Presse Agentur

Harry Kane dreht nach seinem Siegtreffer gegen Dänemark jubelnd ab.

Der K.O. Schlag kam nach 15 Minuten in der Nachspielzeit und besiegelte eines der größten Triumphe in der Geschichte des englischen Fußballs. "The Hurrikane" im Nachsetzen besiegte Kasper Schmeichel - ein Schlag den die Dänen nicht mehr verkraften konnten. Game Over. Gareth Southgate lernte von seinem WM-Aus 2018 im Halbfinale gegen Kroatien, wo sein Team einen 1:0 Vorsprung leichtfertig in der Nachspielzeit noch aus der Hand gab. Er wechselte Jack Grealish wieder aus und brachte Kieran Trippier ins Spiel, was sofort auch Auswirkungen auf das Spielsystem hatte. England wich vom bisher praktizierten 4-3-3 ab und spielte fortan in einem 3-4-3. Dadurch dominierte das Team nach Belieben und segelte in Richtung Finale.

Endlich wurde die psychologische Hürde, nicht über das Halbfinale bei Großturnieren hinauszukommen, überwunden. Die Geschichte des englischen Fußballverbandes kan nun wieder neu geschrieben werden. 30 Millionen Engländer erlebten diesen Tag wie einen Befreiungsschlag. Der Feiertag sollte am Sonntag gegen Italien folgen. I love it!!

Johnny ErtlQuelle: Redaktion