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Johnny Ertls EM-Tagebuch: Power Ranking der Halbfinalisten

05. Juli 2021 · Lesedauer 4 min

PULS 24 Experte Johnny Ertl analysiert täglich während der EURO 2020 exklusiv aktuelle Themen rund um die Europameisterschaft. Dieses Mal stellt der Ex-Nationalspieler ein Power Ranking der Halbfinalisten auf.

An einem spielfreien Montag könnten wir uns ja gemeinsam einmal das Power Ranking der noch verbleibenden Teams bei dieser Europameisterschaft ansehen. Welche Mannschaft konnte aus dem Viertelfinale ein starkes Momentum mitnehmen, welche Mannschaften strotzen vor Selbstvertrauen.

Platz 1: England

Johnny, was sagst du eigentlich zu den Engländern? Diese Frage bekam ich in den letzten 24 Stunden des Öfteren gestellt. Mich überzeugte der Auftritt der "Three Lions" auf der ganzen Linie. Die Offensive wurde mit der Hereinnahme von Jadon Sancho bereichert, zeigte der 21-jährige bei seinem ersten Starfelfeinsatz bei dieser Europameisterschaft sein ganzes Können und entzückte schon jetzt jeden Manchester-United-Fan. Gareth Southgate bewies wieder einmal, dass er sehr gut mit positiven Entwicklungen von Spielern umgehen kann und schenkte Sancho erstmalig das Vertrauen von Beginn an. Damit beflügelte er die bisher zum Viertelfinale maue Offensive rund um Harry Kane. "The Hurrikane" zündete nun endlich seinen Tormotor: drei Treffer in zwei Spielen brauchen Typen wie er

APA - Austria Presse Agentur

Jadon Sancho lieferte bei seinem ersten Startelfeinsatz bei dieser Endrunde gegen die Ukraine ab.

Die solide Defensive der Engländer kann sich sehen lassen, das fünfte Mal ohne Gegentor stärkt das Selbstvertrauen, wenn man in Richtung Finale marschiert. Ein weiterer Vorteil für die "Three Lions": das Halbfinale wird in London gespielt. Also "full speed ahead" für die Engländer. Bis zu 60.000 frenetische Anhänger werden das Halbfinale zum Heimspiel machen. Die Jubelszenen der Engländer in diversen Pubs und Public Viewings gingen in den sozialen Netzwerken um die ganze Welt. Ich liebe diese Momente! In meinem Power Ranking ist nun England ganz vorne, da die Jungs nun richtig hungrig sind, nach vier Volltreffern gegen die Ukraine.

Platz 2: Italien

Die Italiener sind für mich die erfrischendste Mannschaft des ganzen Turniers. Der einzige Kritikpunkt war vor dem Viertelfinale lediglich, dass sie während ihrer Serie von 32 ungeschlagen Spielen gegen kein Team antreten mussten, dass unter den Top 15 des FIFA World Rankings lag. Dann wurde Belgiens "goldene Generation" im Viertelfinale zerlegt. Die Offensive war phasenweise elektrisierend, dazu die Defensive immens stabil. Der einzige große Wermutstropfen war die Verletzung von Leonardo Spinazzola. Er wird der Mannschaft sicherlich fehlen, ihn kann die Mannschaft nicht kompensieren. Roberto Mancini hat eine neue Fußballära in Italien begründet: Hoher Speed, viel vertikales Spiel, freche "Eins gegen Eins"-Momente mit unzähligen Überraschungsmomenten. Lange Zeit auf Platz eins in meinem persönlichen Power Ranking gelegen, jetzt auf zweiter Stelle.

Platz 3: Dänemark

Die Dänen schreiben ihr eigenes Fußballmärchen. Nach einem traumatischen Start in diese Europameisterschaft nach dem Kollaps von Christian Eriksen und zwei verlorenen Auftaktspielen wäre ein Europameisterschaftstitel 2021 fast höher einzuschätzen als jener in 1992. Kasper Hjumlands Mannschaft stieg furios - dank einer sehr guten ersten Halbzeit gegen die Tschechen - in das Halbfinale auf.  Da war sehr viel Kreativität und Entschlossenheit dabei, kontrollierte man das Spielgeschehen vor allem im Mittelfeld. Der Anschlusstreffer der Tschechen brachte das Team ein wenig ins Wanken, doch beeindrucken mich die Dänen mit ihrer unglaublichen Widerstandsfähigkeit und ihrem Teamspirit. Körperlich sah man gegen Ende des Spiels Müdigkeitserscheinungen. Man hat auf der Bank nicht die qualitative Tiefe wie die restlichen sich noch im Bewerb befindlichen Nationen.

Platz 4: Spanien

Ja und plötzliche stehen auch die Spanier im Halbfinale ohne wirklich gegen die Schweiz zu glänzen. Wie schon gegen Kroatien musste das Team von Luis Enrique unbezahlte Überstunden machen. Erst im Elfmeterschießen konnte man sich gegen den Frankreich-Schreck durchsetzen. Eine spanische Mannschaft ohne einen Spieler von Real Madrid, ohne einen herausragenden Helden in ihren Reihen, wirkt für mich untypisch. Doch schafften sie es immer wieder durch teils technische Genieblitze, teils Nerven aus Stahlseil, gegnerische Mannschaften zu biegen.

APA - Austria Presse Agentur

Spaniens Torhüter Unai Simon wurde im Viertelfinale gegen die Schweiz zum "Star of the match" gewählt.

Unai Simon mutierte nach dem Elfmeterschießen zum nationalen Helden, hatte er doch was gutzumachen nach seinem fatalen Patzer gegen die Kroaten im Achtelfinale. So schrieben auch die Spanier wieder ein Stück Geschichte: konnte man sich doch zum ersten Mal seit fünf sieglosen Elfmeter-Krimis wieder eines für sich entscheiden. Ob die Spanier tatsächlich ins Finale kommen bezweifle ich. Zu schwer tut man sich beim Herausspielen von Chancen. Deshalb Platz vier in meinem Power Ranking. Aber was haben wir nicht schon alles im Laufe dieser Europameisterschaft gelernt? Everything is possible!

 

Morgen geht’s dann ans Eingemachte….

Johnny ErtlQuelle: Redaktion