APA - Austria Presse Agentur

Hamilton sieht Verstappen vor WM-Showdown "über dem Limit"

06. Dez 2021 · Lesedauer 4 min

Der Titelkampf in der Formel 1 geht ans Limit - oder sogar darüber hinaus. Nach dem Triumph von Lewis Hamilton bei der chaotischen Grand-Prix-Premiere in Saudi-Arabien bekommt die Königsklasse des Motorsports ihr großes Finale. Der Mercedes-Star und Red-Bull-Pilot Max Verstappen gehen punktegleich ins letzte Saisonrennen am Sonntag (14.00 Uhr MEZ/live ORF 1 und Sky) in Abu Dhabi. Und es ist nicht auszuschließen, dass es dort im intensiven WM-Zweikampf noch einmal kracht.

In Jeddah lieferten die beiden Ausnahmepiloten einander auch Ausnahmemanöver - vor allem in puncto Kompromisslosigkeit. Verstappen erhielt im Rennen eine Fünf-Sekunden-Strafe und nachträglich noch zehn Sekunden für eine Aktion, die Hamilton richtig aufregte. "Er ist sicher über dem Limit", meinte der 36-jährige Engländer. "Ich habe so viele Kollisionen mit ihm vermieden." Einige Fahrer an der Spitze würden entweder nicht an die Regeln denken - oder denken, dass diese für sie nicht gelten.

In besagter Szene krachte der siebenfache Weltmeister Verstappen ins Heck. Der Red-Bull-Mann hatte zuvor unerlaubt die Strecke verlassen und sollte den Briten auf Anweisung seines Teams wieder vorbeilassen, um einer Strafe zu entgehen. Verstappen verlangsamte ruckartig, Hamilton fuhr ihm bei dessen "Bremstest" ins Auto. Mit beschädigtem Frontflügel schaffte es Hamilton am Ende dennoch vor seinem Widersacher über die Ziellinie.

"Ich wollte ihn vorbeilassen, also bin ich auf die rechte Seite, aber er wollte nicht überholen und dann haben wir uns berührt", beschrieb Verstappen die Szene, die die Gemüter hochgehen ließ. Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff warf wutentbrannt sein Headset zu Boden. Einen finalen Crash am Sonntag in Abu Dhabi befürchtet der Wiener nicht - auch wenn Verstappen bei einem Doppelausfall mit 24 Jahren aufgrund der höheren Anzahl an errungenen Saisonsiegen erstmals Weltmeister wäre.

"Ich glaube, es wird nicht eskalieren", meinte Wolff nach dem Jeddah-Rennen. "Das waren heute so viele Warnschüsse für alle Beteiligten, dass es sauber abgehen wird und sauber abgehen muss." Es könne sich niemand leisten, mit einem Ergebnis dazustehen, das nicht auf der Strecke ausgefahren worden sei. "Wir wollen einfach eine saubere Weltmeisterschaft, möge der beste Mann gewinnen. Wenn es am Ende Max ist, dann habe ich damit kein Problem. Aber es muss einfach ein faires Rennen sein", sagte Wolff.

Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko warf den Regelhütern schon in Saudi-Arabien Benachteiligung vor. "Man kann nicht mit zweierlei Maßstäben messen. Wenn sich ein siebenfacher Weltmeister verschätzt, kann das passieren, aber nicht zu unseren Lasten", meinte der Steirer und sah den Fehler in der Schlüsselszene klar bei Hamilton. Die Stewards urteilten anders. Die Zehn-Sekunden-Strafe für Verstappen war für das Ergebnis aber folgenlos.

Erst zum zweiten Mal in ihrer Geschichte geht die Formel 1 damit mit zwei nach Punkten gleichauf liegenden Titelanwärtern in ein WM-Finale. Bisher war das nur 1974 der Fall, als sich der Brasilianer Emerson Fittipaldi gegen den Schweizer Clay Regazzoni durchsetzte. Mit Jody Scheckter besaß damals noch ein dritter Pilot Titelchancen, der Südafrikaner schied in Watkins Glen aber aus. McLaren-Pilot Fittipaldi sicherte sich mit Platz vier seinen zweiten WM-Titel. Niki Laudas Ferrari-Teamkollege Regazzoni wurde in einem Ersatzauto nur Elfter. Überschattet wurde das Rennen vom tödlichen Unfall des Österreichers Helmut Koinigg.

47 Jahre später haben sich die Sicherheitsbedingungen geändert. Riskiert wurde auf dem engen Straßenkurs in Jeddah viel - allen voran von Verstappen. Mit Platz zwei war der Niederländer am Ende nicht einmal unzufrieden, zumal sein Auto mit jenem von Mercedes nicht ganz mithalten konnte. 369,5:369,5 lautet der Punktestand nach 21 Rennen zwischen ihm und Hamilton. Nach Saisonsiegen, die bei Punktegleichheit entscheiden würden, führt Verstappen aber immer noch 9:8.

Schlechter sind die Aussichten für Red Bull in der Konstrukteurs-WM. Dort liegt das österreichisch-englische Team bei maximal 44 noch möglichen Punkten 28 hinter Mercedes. "Wir brauchen ein Wunder, um das zu gewinnen", meinte Teamchef Christian Horner. Der Engländer gab sich aber stolz, Mercedes bis zum Finale gefordert zu haben. "Wir haben noch diesen einen Wurf, um mit Max diesen Titel gewinnen zu können - und dafür werden wir alles tun." Auch Horner hoffte auf ein "faires und sauberes" Rennen. "Wir wollen den Titel auf der Strecke gewinnen, nicht in der Rennleitung oder im Kiesbett."

Wolff formulierte es vor dem finalen Showdown so: "Jetzt geht es um alles oder nichts." Zum 30. Mal in ihrer Geschichte und erstmals seit 2016 wird die Formel-1-WM erst im letzten Rennen entschieden. 2016 war auch die bisher letzte Saison, in der der Weltmeister nicht Hamilton hieß. Vor fünf Jahren hatte sich der Brite das einzige Mal seinem Mercedes-Stallrivalen Nico Rosberg beugen müssen. Der Deutsche beendete daraufhin seine Karriere.

Quelle: Agenturen