APA - Austria Presse Agentur

Englischer Herzschmerz nach erneutem Elfer-Drama

12. Juli 2021 · Lesedauer 4 min

Das englische Fußball-Herz blutet wieder. Das Fußball-Nationalteam der Männer wird sein Elfmetertrauma bei großen Turnieren nicht los. Das verlorene EM-Finale im heimischen Wembley-Stadion gegen Italien am Sonntag bedeute für die "Three Lions" die siebente Niederlage im Elfmeterschießen im neunten Anlauf bei einer EM oder WM. Die Wartezeit auf einen Titel hält an, die Trauer darüber war gewaltig.

Teamchef Gareth Southgate saß am Morgen danach wie ein Häuflein Elend bei der Pressekonferenz. "Es fühlt sich heute Morgen an, als hätte man mir die Eingeweide rausgerissen", sagte Southgate. Dies könnte auf Schuldgefühle zurück zu führen sein, bestimmte der Trainer doch für das Elfmeterschießen um die erste Krone seit dem WM-Titel 1966 mit Marcus Rashford (23), Jadon Sancho (21) und Bukayo Saka (19) drei zwar hochtalentierte, aber doch sehr junge Männer.

Frühere Größen sparten nicht mit deutlicher Kritik, nahmen dabei auch die Routiniers in die Pflicht. "Wenn du (Raheem) Sterling oder (Jack) Grealish bist, kannst du nicht dasitzen und ein junges Kind (Bukayo Saka, Anm.) vor dir den Elfmeter schießen lassen", tadelte etwa der frühere Manchester-United-Kapitän Roy Keane. "Sie haben viel Erfahrung, Sterling hat Trophäen gewonnen, sie müssen sich dieser Verantwortung stellen." Grealish immerhin merkte auf Twitter an, dass er für einen Elfmeter bereit gewesen sei.

Arsenal-Jungstar Saka leistete sich den entscheidenden Fehlschuss im fünften englischen Versuch - und kämpfte im Arm seines Trainers lange mit den Tränen. "Natürlich ist es herzzerreißend für die Spieler", sagte Southgate spät am Abend. Er nahm die Schuld auf sich und stellte klar: "Es ist nicht ihre Schuld."

Viele Enttäuschte sahen das offenbar anders und beleidigten die drei schwarzen Profis im Internet rassistisch. Über die Fehlschützen prasselten in den sozialen Medien so heftige rassistische Beschimpfungen ein, dass sich vom populistischen Premierminister Boris Johnson abwärts die Politik zum Einschreiten genötigt sah. "Die Verantwortlichen für diese entsetzlichen Beschimpfungen sollten sich schämen", twitterte Johnson.

Laut einem Twitter-Sprecher hat die Plattform über 1.000 Tweets gelöscht und Accounts ruhend gestellt. Abseits der digitalen Sphäre kam es in London zu Ausschreitungen. Die Polizei vermeldete 49 Festnahmen und 19 verletzte Einsatzkräfte, wobei es vor dem Wembley-Stadion schon vor dem Anpfiff zu Scharmützeln gekommen war. Ebenfalls zu erwähnen: Zehntausende feierten in den Straßen rund um das von Neubauten umgebene Wembley-Stadion friedlich.

Englands oft gnadenlos Boulevardpresse verzichtete auf Polemik, der Stolz über das Erreichte überwog. "Unerträgliche Schmerzen - die heldenhaften Three Lions verlieren im Elfmeterschießen", schrieb der "Mirror". Selbst "The Sun" rückte das Positive in den Vordergrund: "Schon wieder Herzschmerz für die Löwen. Eine Qual, als England im Elfmeterschießen verliert. Aber die Löwen haben uns stolz gemacht. Keine Sorge Jungs, die Weltmeisterschaft ist schon im nächsten Jahr." Die BBC meinte: "Es schmerzt für England. Das ist normal. Aber das bleibende Gefühl ist Stolz."

Tatsächlich können die Engländer mit viel Zuversicht in die Zukunft blicken, sobald sich der Schmerz gelegt hat. Der erstmalige Einzug in ein EM-Finale ist kein Zufallsprodukt, er fußt auf einer signifikant verbesserten Nachwuchsarbeit, die sich 2017 bei den Junioren schon bemerkbar gemacht hatte. In jenem Jahr triumphierten die Young Lions sowohl bei den U20- und U17-Weltmeisterschaften als auch bei der U19-EM. Es waren die Vorboten dafür, dass es auch mit dem A-Nationalteam aufwärts gehen würde.

Southgate machte bei seiner zweiten Endrunde als Englands Manager vieles richtig. Im Finale ging aber Entscheidendes nicht auf. Sein Defensivzugang, indem er einen weiteren Spieler aus dem hochkarätigen Angriff zugunsten eines Defensivspielers opferte, ging letztlich nicht auf. Nach dem frühen 1:0 durch Luke Shaw (2.) kamen die Briten kaum mehr gefährlich vor das italienische Tor.

Southgates Vertrag läuft noch bis nach der WM 2022 in Katar, bezüglich seiner Zukunft wollte er sich am Montag nicht festnageln lassen. "Ich brauche eine Pause. Das ist eine großartige Erfahrung, aber sein Land in diesem Turnier zu führen, kostet Kraft." Es gebe viel, worüber er nachdenken müsse. "Ich will mich zu nichts länger bekennen als ich sollte", sagte er: "So wie ich heute hier sitze will ich die Mannschaft nach Katar führen. Diese Mannschaft ist noch nicht an ihrem Höhepunkt."

Schon in der Nacht der Niederlage hatte er für seine Spieler nur Worte des Stolzes übrig gehabt. "Sie haben Geschichte geschrieben, mehrere Male im Turnier", sagte Southgate. "Sie haben alles gegeben, was sie konnten. Nicht nur heute Nacht, sondern das gesamte Turnier. Sie sollten ihren Kopf oben halten. Sie haben dem Land unglaubliche Momente beschert."

Quelle: Agenturen