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Thiem: "Man verliert die Sicht auf die Realität"

24. Okt. 2022 · Lesedauer 6 min

Dominic Thiem vor seinem Wien-Comeback im Interview über die veränderte Erwartungshaltung, den Aufschwung in den vergangenen Wochen und darüber wie er die kleinen Erfolge nun besser zu schätzen weiß.

Am Dienstag nicht vor 17.30 Uhr ist es soweit: Dominic Thiem kehrt nach zwei Jahren wieder in die Wiener Stadthalle zurück. Sein erklärtes Ziel seit einigen Monaten war es, sich den Fans in Österreich wieder in guter Form zu zeigen. Diese Form hat sich der 29-jährige US-Open-Sieger von 2020 in den vergangenen Wochen hart erarbeitet, er kommt mit zwei Semifinali in Gijon und Antwerpen und dem Sieg über den Weltranglisten-11. Hubert Hurkacz zurück.

Im Interview vor seinem Erstrunden-Auftritt gegen Tommy Paul (USA) sprach Thiem am Montag über seine Erwartungshaltung, seine Gefühlslage und auch über den Wunsch, kommende Woche für Paris-Bercy eine Wildcard zu erhalten. In jedem Fall hat Thiem in der schwierigen Zeit gelernt, mit Demut und mehr Freude auf seine früher schon selbstverständlichen Siege zu reagieren.

Frage: Hat sich nach den guten vergangenen beiden Woche die Erwartungshaltung für Wien geändert?

Thiem: "Die letzten zwei Wochen waren richtig gut. Ich habe es schon gemerkt. Ich habe vor Gijon eine Trainingswoche gespielt, die sehr gut war und dann Gijon war ein guter Schritt vorwärts. Ich glaube, der Sieg gegen Hurkacz war dann einer der schönsten seit richtig langer Zeit. Einfach weil es der erste Sieg gegen einen absoluten Weltklassemann war, das hat sich unglaublich angefühlt. Am nächsten Tag war es genau in die andere Richtung, aber das Match war trotzdem schwer in Ordnung. Sicher hat mir das auch einen Riesenboost gegeben für Wien. Ich freue mich riesig aufs Match morgen."

Sind Sie etwa gar in eine Mitfavoritenrolle aufgestiegen?

Thiem: "Favorit bin ich sicher nicht. Man muss immer noch sagen, dass Gijon und Antwerpen 250er-Turniere waren, zwar auch mit absoluten Topspielern, aber Wien ist noch einmal eine andere Hausnummer. Wenn man es sich generell ein bisserl detaillierter anschaut, war ich gegen Giron in Gijon ganz kurz vor dem Aus und dann hätte es auch in Antwerpen gegen Cerundolo locker schon vorbeisein können. Also es waren auch viele enge Matches dabei. Hier in Wien sind eh nur Top-40-Spieler am Start, so weit, dass ich mich jetzt als Favorit nenne, bin ich sicher noch nicht."

Ist es was besonders, wenn man von vier Tiebreaks drei gewinnt wie vergangene Woche?

Thiem: "Es ist immer ein sehr gutes Zeichen, wenn ich viele enge Matches gewinne. Aber man muss auch ganz klar sagen, bei vielen engen Matches ist vieles Glückssache wie gegen Hurkacz. Das ist auf dem Level einfach so. Es ist ein Zeichen, dass ich wieder mental top auf der Höhe bin, wenn ich mehr solche Matches gewinne als verliere."

AFP

Ist die Konstanz noch immer ein Problem?

Thiem. "Das ist ganz sicher so. Da fehlen mir immer noch ein paar Prozent, dass ich das ganze Match weniger Auf und Abs habe. Das kann sich nur verbessern, wenn man Woche für Woche spielt. Genauso kann ich mir diese Konstanz zurückholen, in einem einzelnen Match aber auch über eine ganze Turnierwoche."

Ihr geschütztes Ranking läuft diese Woche ab. Wie sehr schauen Sie auf die Weltrangliste?

Thiem: "Ich habe einen Matchball quasi gegen Korda gehabt und vergeben (in Bezug auf die Rückkehr in die Top 100 bei Sieg, Anm.). Aber das große Ziel habe ich mir nach den US Open gesetzt, da war es noch weit entfernt, aber jetzt bin ich relativ nahe dran und hoffe schon, dass ich das schaffe. Top 100 bzw. Hauptbewerb in Australien."

Ist Wien nun definitiv das letzte Turnier 2022?

Thiem: "Ich habe in Paris um eine Wildcard angefragt. Wenn das was wird, spiele ich auf jeden Fall noch Paris. Wenn nicht, dann kommt es drauf an, wie ich in Wien spiele. Wenn ich mein Ziel mit den Top 100 erreicht habe in Wien, kann es sein, dass ich die Saison beende, wenn nicht, kann es sein, dass ich ein oder zwei Challenger noch dranhänge."

Sie sind zuletzt als frischgebackener US Open-Sieger nach Wien gekommen, jetzt geht es um die Rückkehr in die Top 100. Wie unterschiedlich fühlt sich das an?

Thiem: "Ja, es war nicht nur 2020 so, sondern ich würde sagen seit 2016. Da bin ich immer als Top-Ten-Spieler hergekommen und sowohl von außen als auch von mir selber habe ich die Erwartungshaltung gehabt, nicht das Turnier zu gewinnen, aber zumindest richtig weit zu kommen. Zum Glück ist mir das 2019 (Titel) gelungen, aber es ist jetzt auf jeden Fall eine ganz andere Ausgangslage. Obwohl die letzten Wochen sehr positiv waren, wäre es trotzdem für mich schon ein richtig großer Erfolg, die Partie morgen zu gewinnen. Vor zwei Wochen oder ein bisserl länger waren Siege gegen die Top 30, - dort wo Tommy Paul auch steht -, fast eine Sensation. Und so viel hat sich nicht geändert in den zwei Wochen. Darum gehe ich jetzt mit dem Ziel ins Turnier, jetzt einmal das Match morgen zu gewinnen. Das wäre schon einmal eine Riesensache."

Auf der Tour gibt es Spieler, die nicht viel gewinnen müssen und trotzdem viel Selbstvertrauen haben. Sie holen sich das Selbstbewusstsein auf dem Platz durch Erfolge.

Thiem: "Ja, das sehe ich auch so. Ich brauche viele Siege und gute Matches helfen auch, zum Beispiel gegen Rublev und noch mehr gegen Korda. Das war für das Selbstvertrauen trotzdem gut, weil ich gut gespielt habe. So wie ich jetzt auch punktemäßig bin, ist es besser als erwartet. Ich habe geglaubt, dass ich vielleicht nach Wien um 150 stehe und dann auf jeden Fall noch Challenger spielen muss. Jetzt habe ich die Chance schon gehabt und habe in Wien wieder die Chance."

Können Sie die jetzigen Erfolge anders genießen als früher?

Thiem: "Definitiv, weil vor der Handgelenksverletzung ist es durchgehend bergauf gegangen. Mitte 2016 war ich Top Ten und bin bis zur Verletzung dort geblieben. Es war vieles selbstverständlich. Es war selbstverständlich, dass ich bei den French Open als Mitfavorit hinfahre und dann eigentlich bei allen großen Turnieren außer Wimbledon. Man verliert schon ein bisschen die Sicht auf die Realität, aber das ist auch normal, wenn man nie etwas anderes erlebt hat. Die Verletzung hat mir aufgezeigt, wie schwer es eigentlich ist, wie viel Arbeit da dahintersteckt, wieder an die Spitze zu kommen. Zwei so gute Wochen wie Gijon und Antwerpen fühlen sich jetzt sicher besser an als ein 1000er-Viertelfinale oder ein Grand-Slam-Viertelfinale. Ich bin auch froh drüber, dass ich das durch die schwierige Zeit wieder viel mehr zu schätzen gelernt habe."

Quelle: Agenturen / mpa