APA - Austria Presse Agentur

Deutsche Bundesliga als "Lokomotive"

15. Mai 2020 · Lesedauer 5 min

63 Tage nach dem Corona-Stopp wagt die deutsche Fußball-Bundesliga mit angepasstem Regelwerk den Sprung zurück in den Alltag - und steht beim Neustart als erste große internationale Sportliga überhaupt unter maximaler Beobachtung, auch aus dem Ausland. "Die Lokomotive des europäischen Fußballs kommt wieder in Bewegung", schrieb etwa der italienische "Corriere della Sera".

Ab Samstag soll sich aus Sicht der Deutschen Fußball Liga wieder alles um Fußball drehen, doch so einfach ist das nicht. Der unter strengen Auflagen genehmigte Neustart mit Geisterspielen wird für die ganze Liga zum Stresstest, weil sich der Fokus mit Beginn der Spiele um 15.30 Uhr ganz auf die Aktiven richtet. Benutzt jeder seine eigene Trinkflasche? Wird auf der Bank und beim Torjubel Abstand gehalten? Fragen, die vor Monaten nach Satire klangen, entscheiden nun mit über den Erfolg eines mühevoll ausgearbeiteten Konzepts der DFL-Taskforce.

So wurde nun etwa die Maskenpflicht für Trainer aufgehoben. Im DFL-Konzept der Taskforce stand bisher, dass auch die Coaches Masken während des Spiels benutzen müssen und die nur für Anweisungen absetzen dürfen - wenn der Sicherheitsabstand von 1,5 Metern zur nächsten Person gewährleistet ist. Der Abstand soll in der Coaching-Zone weiter gelten.

Um zumindest die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung von Spielern auf ein Minimum zu reduzieren, ordneten Bund und Länder zudem an, dass Vereine sich vor dem Neustart in ein quarantäneartiges Trainingslager begeben sollen. Dieses sollte sieben Tage dauern. Doch auch damit gab es Schwierigkeiten: Während Gladbach sein Hotel erst am Montag bezog und damit deutlich zu kurz vor dem ersten Spiel in Frankfurt am Samstag (18.30 Uhr), nahm es Augsburgs neuer Coach Herrlich mit der Anordnung nicht so genau. Um Hautcreme und Zahnpasta zu besorgen, ging der frühere Profi zum Supermarkt, wie er am Donnerstag freimütig in einer Presserunde erzählte.

Was der frühere Profi zunächst wie eine Schmonzette schilderte, hat nun schnell Konsequenzen. Herrlich räumte das Fehlverhalten nach wachsender Kritik noch am Abend ein und verordnete sich selbst eine Zwangspause für das Training am Freitag und die Partie gegen den VfL Wolfsburg am Samstag. Sein Debüt verschiebt sich also zunächst um eine Woche. "Ich habe einen Fehler gemacht, indem ich das Hotel verlassen habe. Auch wenn ich mich sowohl beim Verlassen des Hotels als auch sonst immer an alle Hygienemaßnahmen gehalten habe, kann ich dies nicht ungeschehen machen", sagte Herrlich.

Sportliche Themen wie der offene Meisterkampf oder das bevorstehende Revierderby blieben auch in der Woche des Neustarts Randaspekte. Bei der Abstiegsfrage wurde weniger über die Qualität von Bremen oder Paderborn diskutiert als mehr über mögliche Wertungsfragen, falls in der derzeitigen Krise doch noch abgebrochen werden muss. Die DFL hat diesen sensiblen Streitpunkt zunächst vertagt und geht ohne Abbruchlösung in seinen Laborversuch, der die Beteiligten des Milliardenbusiness für mehrere Wochen so gut wie möglich von der zuletzt immer weiter geöffneten Gesellschaft abschotten soll.

Die breite Akzeptanz aus der Bevölkerung hat der Fußball für sein Pilotprojekt jedenfalls nicht. Die Mehrheit der Deutschen ist gegen eine Fortsetzung zum jetzigen Zeitpunkt. Demnach kritisieren 56 Prozent der Befragten den Saison-Neustart am kommenden Wochenende, wie aus dem "Deutschlandtrend" im ARD-"Morgenmagazin" hervorgeht. 31 Prozent der Befragten sind für die Fortführung. Auch zahlreiche Fangruppen sind in Anbetracht der aktuellen Umstände gegen einen Neubeginn mit Geisterspielen.

Auch im Ausland ist man gespannt auf den Neustart der deutschen Bundesliga. "Aus Deutschland ertönt das Signal, auf das der gesamte europäische Fußball gewartet hatte", titelte die französische Sportzeitung "L'Equipe". DFB-Nationalspieler Toni Kroos bestätigte, mit welch großem Interesse die spanische Primera Division am Wochenende nach Deutschland blickt. "Man hat hier so den Eindruck: Wenn die Deutschen das nicht hinkriegen, dann kriegt das keiner hin, da weiterzumachen", sagte der Real-Madrid-Profi. Die Bundesliga wird am Samstag nach zweimonatiger Zwangspause wegen der Coronavirus-Pandemie als erste der europäischen Top-Ligen den Spielbetrieb wieder aufnehmen.

Es sei beeindruckend, "dass die Deutschen das mit den Viruszahlen, mit den Infektionen und den Verstorbenen noch mit am besten hinbekommen haben", meinte der Weltmeister von 2014. "Und wenn die nicht in der Lage sind, die Bundesliga zu beenden, wer ist es dann? Von daher wird sicher hingeguckt, wie es läuft", meinte Kroos.

Der frühere Weltmeister und Weltfußballer Rivaldo sagte, er sei davon überzeugt, dass bei der Wiederaufnahme des Spielbetriebs in Deutschland "alles gut verlaufen" werde. "Die Bundesliga wird mit gutem Beispiel vorangehen, damit andere Länder diesem Drehbuch folgen können."

Ex-Bayern-Profi Owen Hargreaves geht sogar noch einen Schritt weiter: "Vergesst Fußball, die ganze Welt wird an diesem Wochenende zuschauen, um zu sehen, ob das funktioniert, denn die NFL, die NBA, die werden alle sehen wollen, ob das klappt. Es geht nicht nur um den Sport. Wenn das jetzt gut geht, werden die Leute versuchen, das auf der ganzen Welt umzusetzen", sagte der Experte von BT Sport.

Die britische Tagezeitung "The Independent" zieht Rückschlüsse auch für die Premier League, die voraussichtlich erst ab 19. Juni starten soll: "Für alle ist es wichtig, dass diese erste Woche gut geht. (...) Wenn Deutschland es nicht hinbekommt, trotz der niedrigeren Kurve und obwohl so vieles so reibungslos verlaufen ist, dann ist es schwer, sich vorzustellen, dass jemand anderes es in nächster Zeit hinbekommt."

Riesig ist das Interesse bei Fernsehstationen in aller Welt. Die Deutsche Fußball Liga wollte sich zwar zum internationalen TV-Interesse nicht äußern, nach dpa-Informationen ist die Bundesliga am Wochenende in mehr als 200 FIFA-Mitgliedsländern zu sehen. Ein ähnliches Interesse verzeichnete die Eliteliga in den vergangenen Jahren nur beim Schlager FC Bayern gegen Borussia Dortmund.

Quelle: Agenturen