"Comeback Vienna": Der älteste Fußballverein Österreichs im Aufwind

19. Mai 2022 · Lesedauer 12 min

Auf 128 Jahre Geschichte kann der First Vienna FC mittlerweile zurückblicken. Nachdem der Verein nach dem Zwangsabstieg und der Fast-Insolvenz 2017 vor dem Aus stand, ist man auf dem Weg zurück in den Profi-Fußball. Dieser könnte bereits in wenigen Tagen mit dem Aufstieg in die 2. Liga seinen vorläufigen Höhepunkt finden.

Beim First Vienna FC läufts. Die Kampfmannschaft der Herren ist kurz davor die Rückkehr in die 2. Liga zu fixieren. Ein Punkt in den letzten beiden Saisonspielen reicht, um den Meistertitel unter Dach und Fach zu bringen. Die Damenmannschaft spielt eine starke Debüt-Saison in der Bundesliga und könnte diese auf Platz drei beenden. Der Männer-Nachwuchs steuert überlegen auf den Meistertitel in der höchsten Jugendliga Wiens zu. Der 1b-Mannschaft der Männer ist der Meistertitel in der 1. Klasse B kaum noch zu nehmen. 

Die positive Energie rund um den Verein ist spürbar. Die Zuschauer strömen zu den Spielen und sorgen für Kulissen von denen mancher Zweitligist nur träumen kann. Für das traditionelle "Derby of Love" gegen den Wiener Sport-Club am 27.5 sind bereits mehr als 2.000 Tickets verkauft. Die Vienna ist oben auf und dennoch lange nicht am Ende ihrer Reise. In den nächsten fünf Jahren soll der Aufstieg in die Bundesliga gelingen. 

"Comeback Vienna": Von der Fast-Insolvenz zurück in den Profifußball

Dabei sah die Welt in Wien-Döbling vor nicht allzu langer Zeit ganz anders aus. Ein Sprung in das Jahr 2017: Obwohl die Vienna die Regionalliga Ost überlegen anführt, brauen sich dunkle Wolken über der Hohen Warte auf. Wegen Verbindlichkeiten in Höhe von 1,4 Millionen Euro muss der Verein Insolvenz anmelden. Ein Rechtsstreit mit dem ÖFB endet schließlich mit dem Urteil, dass der Verein in die 2. Landesliga (fünfthöchste Spielklasse) absteigen muss. Der älteste Fußballclub Österreichs steht vor dem Aus.

Nur durch den Einstieg von Hauptsponsor "Uniqa" kann der Spielbetrieb schließlich fortgeführt werden. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich der sechsfache österreichische Meister im sportlichen Niemandsland befindet. Damals wie heute an Bord: Kapitän und Vereinslegende Jiri Lenko. Der Tscheche, der 2015 aus Ritzing gekommen war, erinnert sich nur allzu gut an die schwierigste Zeit der 128-jährigen Vereinsgeschichte: "Die letzten sieben Jahre waren eine riesige Abenteuerreise."

Der 37-Jährige entschied sich trotz aller Turbulenzen, sowie finanziell lukrativeren Angeboten, den Weg mit der Vienna weiter zu gehen. Rückwirkend "eine richtige Entscheidung." 2017 gab es allerdings kaum Argumente, die für einen Verbleib sprachen. Warum Lenko sich dennoch dafür entschied? "Ich fand es spannend etwas zu bewegen und Teil dieses "Comeback Viennas" zu sein. Ich fand die Personen rund um den Verein spannend und ich wollte diesen Weg mitgehen. Der Erfolg gibt uns Recht."

Jiri Lenko ist nicht nur Kapitän und Identifikationsfigur der Kampfmannschaft, sondern mittlerweile auch als Nachwuchsleiter des Vereins tätig.

In jedem Satz wird deutlich, welche Bedeutung die Vienna für den Ex-Rapidler hat. In den letzten Jahren habe sich das Arbeitsverhältnis "fast zu einer Beziehung entwickelt." Dass sei auch einer der Gründe, warum der Kapitän dem Verein in turbulenten Zeiten die Treue hielt. Und das obwohl Lenko und Co. 2017 sogar einige Monate kein Gehalt ausbezahlt bekamen.

Seit Juli 2021 ist der Tscheche zusätzlich als Nachwuchsleiter tätig - gemeinsam mit Ex-ÖFB-Kapitän Andreas Ivanschitz. "Ich wollte dem Verein etwas zurückgeben. Ich weiß ganz genau, was auf diese jungen Menschen zukommt. Da habe ich mich verpflichtet gefühlt, diese Aufgabe zu übernehmen", erklärt Lenko die Beweggründe für sein Engagement über den Fußball hinaus. 

Mitropokal, Mario Kempes und Co.  

Dass die Vienna mehr als einen gewöhnlichen Fußballverein verkörpert, ist schnell ersichtlich. Zum einen wäre da die langjährige Geschichte des Vereins und die Tradition durch die man sich von anderen Vereinen abhebt. 

1894 gegründet feierten die Blau-Gelben in den 1930er-Jahren ihre größten Erfolge. Neben zwei Meisterschaften und zwei Cupsiegen gilt vor allem der Erfolg im Mitropokal, dem Vorläufer des Europapokals bzw. der UEFA Champions League, als historisch. 1931 blieb man als einzige Mannschaft in der Geschichte des Bewerbs ungeschlagen.

Obwohl die großen Erfolge lange zurück liegen, sorgte man 1986 noch einmal für ein Ausrufezeichen, als es gelang den argentinischen Weltmeister Mario Kempes in die österreichische Bundesliga zu lotsen. Ein Sensationstransfer, der auch zahlreiche Nicht-Vienna-Fans auf die Hohe Warte lockte. Das letzte sportliche Ausrufezeichen setzte die Vienna mit dem ÖFB-Cup-Finaleinzug 1997. Dennoch genießt der Verein in Österreich nach wie vor einen hohen Stellenwert. Oder wie es Sportdirektor Markus Katzer formulieren würde: "Die Vienna ist einfach Kult. Hier herzukommen war eine der besten Entscheidungen, die ich im Fußball getroffen habe."

"Spezielle und einzigartige" Fankultur

Wesentlich zum Kult-Status, den der Verein in Österreich ohne Zweifel genießt, tragen die "Vienna Supporters" bei. Die Fans des Traditionsvereins distanzieren sich offen von Diskriminierung und Gewalt und setzen durch diverse Aktionen ein Zeichen. Im Gegensatz zum nationalen Spitzenfußball, in dem das Wiener Derby neulich wieder mit Ausschreitungen negative Schlagzeilen schrieb, bzw. zum internationalen, in dem Frankfurt-Fans im Zuge des Europa League Finales festgenommen wurden, bleibt man im Lager der Vienna von solchen Meldungen verschont.

"Die Fankultur ist speziell und einzigartig. Es ist eine freundschaftlich, positive Stimmung. Wenn man verliert, klopfen dir die Fans auf die Schulter und muntern dich auf. Das habe ich zuvor nicht gekannt", schwärmt Katzer. Der langejährige Rapid-Spieler berichtet vom letzten Wiener Derby als er mit seiner Familie dem Match beiwohnte und von Austria-Anhängern beschimpft wurde. "Da muss man überlegen, ob man mit den Kindern ins Stadion geht." Sowas sei bei der Vienna undenkbar. "Das zeichnet uns aus", meint Katzer. 

"Bei aller Verschiedenheit der SupporterInnen aus unterschiedlichsten Milieus steht die „Vienna-Family“ für den Grundkonsens: "Blau-Gelb supporten, homophobe, rassistische, sexistische bzw. herabwürdigende Äußerungen/Anfeindungen unterlassen, auf gewalttätige Auseinandersetzungen verzichten", heißt es auf der Homepage. Der Schriftzug "Kein Platz für Diskriminierung" ziert die Haupttribüne der Hohen Warte.

Historische Heimstätte

Jene Hohe Warte stellt ebenfalls ein Unikat da. Als eine der wenigen Naturarenen in Europa galt sie bei ihrer Gründung 1921 als größtes und modernstes Fußballstadion Kontinentaleuropas. Länderspiele wie jenes gegen Italien 1923, vor 80.000 Zuschauern, sind fest in der österreichischen Fußballgeschichte verankert. Auch Boxkämpfe und Opernaufführungen fanden zu dieser Zeit auf der Hohen Warte statt.

Heute beträgt das Fassungsvermögen der Arena 4.500 Zuschauer. Mit einem Zuschauerschnitt von 1.399 Fans pro Spiel liegt man hinter dem Sport-Club klar auf Platz zwei in der Regionalliga Ost. Ein Schnitt, der sich in der 25. und letzten Runde der Saison noch einmal deutlich erhöhen wird. Denn dann kommt es auf der Hohen Warte zum "Derby of Love" zwischen den beiden Wiener Vereinen.

"Derby of Love" als Zuschauermagnet

Das "kleine Wiener Derby" zieht selbst in der Regionalliga die Massen an. Beim Hinspiel, das die Vienna mit 3:0 für sich entscheid, pilgerten 6.500 Zuschauer in die Alszeile. Eine Zuschauerzahl von der so mancher Bundesligist nur träumen kann. Obwohl das Spiel die Massen anzieht, kommt es kaum zu Ausschreitungen. "Es ist eher ein Miteinander. Ein Fußballfest, das man gemeinsam feiert", stellt Katzer fest. Ob sich Rapid oder die Austria davon eine Scheibe abschneiden sollten, will Katzer nicht beurteilen: "Ich sage nur, dass es gut so ist, wie es bei der Vienna ist."

Die Unterschiede zwischen dem kleinen und dem großen Wiener Derby ortet Katzer bei den Fans in deren Motivation zu einem Spiel zu gehen. "Bei uns kommen die Zuschauer, weil sie die Vienna sehen wollen. Bei anderen Spielen kommen Fans ins Stadion, um Radau zu machen. Das ist der Unterschied."

Das "Derby of Love" entwickelte sich als solches erst in den 2000er-Jahren als beide Mannschaften jahrelang in der Regionalliga spielten. Die Partie sorgt vor allem aufgrund der Fanfreundschaft und der positiven Fankultur der beiden Mannschaften national und vereinzelt auch international für Aufsehen. Im Frauenfußball ziehen die Duelle zwischen der Vienna und dem Sportclub ebenfalls ein bereits mediales Interesse auf sich. Vereinzelt wird in der Fanszene jedoch auch Kritik am Begriff "Derby of Love" geäußert, den von beiden Vereinen zu Marketingzwecken gebraucht wird. 

Endziel: Bundesliga 

Vorab wird das Spiel am 27.5 gegen den Sport-Club wohl das letzte "Derby of Love" auf unbestimmte Zeit bleiben. Die Vienna wird sich aller Voraussicht nach in der Saison 2022/23 in der 2. Liga neuen sportlichen Aufgaben widmen.

Die Reise soll mit dem Aufstieg jedoch noch nicht zu Ende sein. Bereits vor der Saison machten die Verantwortlichen mit der Vorstellung eines ambitionierten Fünf-Jahres-Plan klar, wo es hingehen soll: Die Rückkehr in die Bundesliga – nach 30 Jahren Abstinenz – ist das erklärte Endziel. "Fakt ist: Wir werden irgendwann wieder in der Bundesliga spielen", gibt sich Sportdirektor Markus Katzer selbstbewusst. Zeitlich unter Druck setzen wolle man sich bei diesem Vorhaben jedoch nicht. "Der richtige Zeitpunkt wird dann sein, wenn wir den Meisterteller in der zweiten Liga in den Händen halten", so Katzer. 

2015 wechselte der langjährige Rapidler Markus Katzer von der Admira zur Vienna. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere, hat er sich der Mission verschrieben die Vienna nach 30 Jahren zurück in die Bundesliga zu führen. 

Um diese zu schaffen, will man im Verein nichts dem Zufall überlassen. In der Spielmanngasse, knapp zehn Gehminuten von der Hohen Warte entfernt, entsteht gerade der "Vienna Campus". Zwei moderne Trainingsplätze sind bereits fertiggestellt worden, einige weitere Investitionen folgen.

1,5 Millionen Euro sind bereits in das Projekt geflossen, bis zum Ende der Bauphase (in fünf bis sieben Jahren) sollen es gar 8,5 Millionen Euro werden. "Der Vienna Campus soll binnen weniger Jahre zum Denk-, Spiel und Lernraum für neue Ideen im Fußball reifen." So lautet die Vision. "Hier ist einiges am Entstehen", merkt Spieler Mario Konrad an. 

Jugendarbeit vs. Transferoffensive 

Neben der Kampfmannschaft sollen die Investitionen vor allem der Jugend zu Gute kommen. Die Nachwuchsschmiede der Blau-Gelben genießt nach wie vor einen guten Ruf. Der Vienna Nachwuchs (U15-U18) dominiert die WFV-Liga, die höchste Spielstufe im Wiener Jugendfußball, und liegt mit knapp 50 Punkten Vorsprung auf Verfolger TWL Elektra klar auf Meisterkurs.

"Mentalität und Charakter kann man nicht einkaufen. Das muss man entwickeln", meint Nachwuchsleiter Jiri Lenko. Die Entwicklung einer "Vienna-DNA" zählt zu seinen Projekten. Dafür bedarf es allerdings auch arrivierte, erfahrene Spieler, die ihre Erfahrungen an die Nachwuchstalente weitergeben. "Charakter und Mentalität stehen bei uns vor Talent", so Lenko. "Wenn man merkt, dass sich die Spieler auf dem Platz für den Verein zerreißen, haben wir nicht viel falsch gemacht. Das ist uns ganz wichtig."

Trotz der guten Jugendarbeit machten Sportdirektor Katzer und Co. in der jüngeren Vergangenheit des Öfteren mit Verpflichtungen von Ex-Bundesliga-Spielern auf sich aufmerksam. Die Wintertransfers Tomas Simkovic (34), Deni Alar (32), Stephan Auer (31) und Lukas Grozurek (30) sind das jüngste Beispiel.

Konrad: "Die Mischung stimmt" 

Weitere Leistungsträger wie Topscorer Mario Konrad (39), Jiri Lenko (37) oder Goalie Andreas Lukse (34) zählen auch nicht mehr zum jungen Eisen. Mit 26,8 Jahren weist die Vienna das höchste Durchschnittsalter der Regionalliga Ost auf. Für Katzer widersprechen die Wintertransfers aber nicht der grundsätzlichen Philosophie des Vereins. "Wir wollten eine gewisse Garantie haben, um das erste Etappenziel zu erreichen", so Katzer, der darauf verweist, dass Spieler wie Noah Steiner (23), Kerim Abazovic (18), Luca Edelhofer (21) oder Cedomir Bumbic (22) ebenfalls fester Bestandteil des Kaders sind. 

Mario Konrad pflichtet seinem Sportdirektor bei: "Die Mischung stimmt. Wir haben viele junge Spieler, die sich an den Arrivierten festhalten. Das ist einfach eine stimmige Sache." Wie weit der Ex-Rapidler Konrad den Weg mit der Vienna noch weiter gehen möchte, will er nicht verraten. "Der Verein ist mir in den drei Jahren sehr ans Herz gewachsen. Wie es schlussendlich weiter geht, wird die Zukunft zeigen."

Mit acht Treffern in dieser Saison führt Mario Konrad die interne Schützenliste der Vienna an. 

In Zukunft soll der Kader jedoch verjüngt werden, gibt Katzer die Marschroute vor. "Wenn du ein Ausbildungsverein bist, kannst du nicht acht Spieler in der Startformation haben, die über 30 Jahre sind." Ausbilden möchte man in Zukunft nicht nur Spieler, sondern auch Trainer. Mit Alexander Zellhofer (28) sitzt aktuell ein blutjunger Chefcoach auf der Bank. "Er hat es bis jetzt sensationell gemacht", lobt Katzer. 

Burgers Frauen-Sektion auf dem Vormarsch

Nicht unerwähnt bleiben darf die Frauen-Sektion des First Vienna FC, die sich – wie der gesamte Verein – im Aufwind befindet. Vergangene Saison gelang der Vienna in souveräner Manier der Aufstieg in die Bundesliga. In der Debüt-Saison im Oberhaus etablierte man sich im Mittelfeld. Zwei Spieltage vor Saisonende liegt die Vienna auf Platz fünf.

Maßgeblich an den jüngsten Erfolgen beteiligt ist mit Nina Burger keine Geringere als die österreichische Rekordtorschützin. Die 109-fache Nationalspielerin kam im Juli 2020 zum Verein und ist als sportliche Leiterin für den Damen-Bereich hauptverantwortlich. Kaderplanung und Budgetverwaltung zählen ebenso zu ihren Aufgaben wie die Betreuung des Nachwuchs und die Entwicklung einer langfristigen Strategie.

Nina Burger will dem First Vienna FC hoch hinaus. 

"Ein klares Bekenntnis zum Frauenfußball, eine gute Infrastruktur und der Reiz mit einem Traditionsverein in die Bundesliga zu marschieren", haben Burger gereizt sich nach ihrer aktiven Karriere dem Projekt Vienna zu verschreiben. In Sachen Videoanalysen, Trainingssteuerung und Mentaltraining sieht die 34-Jährige Aufholbedarf. Mittelfristig sei es das Ziel sich im Spitzenfeld der Frauen-Bundesliga zu etablieren. Ein ambitioniertes Vorhaben. Insgesamt gehe es darum "den Stellenwert des Frauenfußballs weiter zu heben."

Kitschiges Ende der Erfolgs-Saison? 

Insgesamt blickt die Vienna auf eine höchst erfolgreiche Spielzeit zurück. Die Krönung ist noch ausständig. Ein Punkt in den abschließenden zwei Saisonspielen fehlt dem Verein um den Meistertitel in der Regionalliga Ost zu fixieren. Am heutigen Freitag (19:00 Uhr) müssen die Blau-Gelben auswärts bei Bruck/Leitha ran.

Sollte man nicht gewinnen und Verfolger Stripfing (gegen Traiskirchen) voll punkten, könnte es am 27.5 zum großen Showdown gegen den Wiener Sport-Club kommen. Vor mehreren Tausend Zuschauen auf der Hohen Warte könnte man ausgerechnet im "Derby of Love" den Titel fixieren. Ein beinahe kitschiges Szenario.  

Maximilian PatakQuelle: Redaktion