APA - Austria Presse Agentur

Barty entzückt Australien wie einst Vorbild Goolagong Cawley

11. Juli 2021 · Lesedauer 4 min

Wimbledon ist in den vergangenen Jahren kein gutes Pflaster für die Topgesetzten im Einzel der Frauen gewesen. Vor dem corona-bedingten Ausfall des Turniers im Vorjahr hatte zuletzt Serena Williams 2016 von der Top-Position aus den Londoner Grand-Slam-Titel gewonnen. Ashleigh Barty machte es der US-Amerikanerin am Samstag nun nach und bestätigte sich mit dem Gewinn der Siegestrophäe - die Venus Rosewater Dish - somit als derzeit Weltbeste ihres Sports.

Nach dem 6:3,6:7(4),6:3-Finalerfolg gegen die Tschechin Karolina Pliskova geht die Australierin am Montag in ihre 77. Woche als Ranking-Erste in Folge. Die 25-Jährige beendete also das davor muntere Wechselspiel der Regentschaft am Tennis-Thron der Frauen, obwohl sie während der Pandemie rund ein Jahr lang kein Turnier bestritt. Da kam ihr freilich das "Einfrieren der Punkte" zugute. Barty hatte es in dieser Zeit aber nicht unbedingt einfach, mehrheitlich war sie in Australien ohne Coach festgesessen.

Stattdessen gewann sie ein regionales Golfturnier, nachdem sie ihre polysportiven Qualitäten schon in früheren Jahren als Cricket-Halbprofi unter Beweis gestellt hatte. Tennis kann sie nun aber doch am besten, den Gewinn des Wimbledon-Titels bezeichnete sie als Erfüllung ihres größten Traums. Das schaffte sie in einem von Evonne Goolagong Cawley inspirierten Kleid. Die hatte 1980 als davor letzte Australierin ein Wimbledon-Einzel gewonnen. Barty: "Ich hoffe, ich habe Evonne stolz gemacht."

50 Jahre nach Goolagong Cawleys erstem Triumph an der Church Road stellte Barty die indigenen Wurzeln beider heraus - und die herzerwärmende Antwort aus der Heimat ließ nicht lange auf sich warten. Goolaong Cawley gab sich daheim extrem "stolz auf Ash, wie sie nicht nur auf dem Platz zurechtkommt, sondern auch daneben. Sie ist eine große Australierin, alle lieben sie", sagte die Gewinnerin von sieben Grand-Slam-Titeln und betonte: "Ash ist wie eine kleine Schwester und Teil meiner Familie."

Daheim fieberte die Sport-Nation Australien zu später Stunde an den Fernsehgeräten mit und überschlug sich mit Gratulationen. Zu Wort meldete sich auch Cathy Freeman: Die 400-m-Olympiasiegerin von Sydney 2000 ist ebenfalls indigener Abstammung. "Mächtig stolz auf unser Mädchen", twitterte sie. Australien platze vor Stolz, schrieb Premierminister Scott Morrison. Glücklich zeigte sich Tennis-Idol Rod Laver, 1969 als letzter Mann Gewinner aller vier Grand-Slam-Turniere in einer Saison.

Bartys Popularität in der Heimat gründet sich auch auf ihr bescheidenes Auftreten. "Ich habe einfach versucht, nach den Werten zu leben, die mir meine Eltern beigebracht haben. Ich denke, es ist wichtiger, ein guter Mensch zu sein als eine gute Tennisspielerin", erklärte sie. Bei ihrer Familie in der Nähe von Brisbane brach nach dem Endspiel Jubel aus. Der Kontakt zu den Schwestern und seiner Frau sei täglich da, so Vater Rob Barty. Heimkommen wird die Tochter aber wohl erst im November.

Die Wimbledon-Teilnahme der 1,65 m großen Championesse war eigentlich an einem seidenen Faden gehangen. Vor fünf Wochen hatte sie bei den French Open wegen akuter Hüftprobleme aufgeben müssen. Die Ärzte machten nicht viel Hoffnung. Wie bedrohlich die Blessur war, verriet ihr ihre Entourage erst nach dem Finale. "Normalerweise geht man bei dieser Verletzung von zwei Monaten Pause aus", erzählte Barty. "Es ist nichts anderes als ein Wunder, dass ich ohne Schmerzen spielen konnte."

Pliskova wiederum verlor auch ihr zweites Major-Finale nach den US Open 2016. Die 29-Jährige vermochte ihre große Nervosität nicht zu verbergen. Sie verlor die ersten 14 (!) Punkte der Partie. Zwischenzeitlich fing sie sich, doch besiegelte sie die Niederlage mit einem Rückhand-Fehler. "Der Start war natürlich schrecklich, aber gerade darum bin ich stolz, dass ich mich zurückgekämpft habe", meinte Pliskova. Ihren Traum vom Grand-Slam-Sieg werde sie mit gleicher Energie weiterverfolgen.

Quelle: Agenturen