Selenskyj, Erdogan und Guterres beginnen Gespräche in Lwiw

17. Aug. 2022 · Lesedauer 5 min

Der Dreiergipfel des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit UN-Generalsekretär António Guterres und dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat begonnen. Der UN-Chef und die beiden Präsidenten seien am Donnerstag in Lwiw im Westen der Ukraine zusammengekommen, berichtete die türkische staatliche Nachrichtenagentur Anadolu.

Im Anschluss an das Treffen soll es eine Pressekonferenz geben - laut UNO dürfte diese aber nicht live übertragen werden.

Einstieg in Verhandlungen soll ausgelotet werden

Bei den Treffen geht es für die Vereinten Nationen und die Türkei um den Versuch, knapp ein halbes Jahr nach dem russischen Angriff auf die Ukraine den Einstieg in eine Verhandlungslösung auszuloten. Daneben soll es um die Regelungen für den Getreideexport aus der Ukraine sowie die Lage in dem von russischen Truppen besetzten AKW Saporischschja und die Möglichkeiten einer internationalen Expertenmission gehen. Selenskyj forderte am Mittwochabend erneut einen Abzug russischer Soldaten aus Europas größtem Kernkraftwerk.

Weitere Angriffe auf Saporischschja

Die russischen Besatzer des Kraftwerks warfen der ukrainischen Führung unterdessen erneut gefährliche Angriffe vor. Es gebe die Gefahr, dass durch den Beschuss das Kühlsystem der Reaktoren und die Lagerstätten für nukleare Abfälle beschädigt würden, sagte der Besatzungschef der Region, Jewgeni Balizki, am Donnerstag im russischen Staatsfernsehen. "Das Kühlsystem garantiert die zuverlässige Arbeit des Atomkraftwerks", sagte er und warnte vor einer Katastrophe wie 1986 im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl.

Angriffe im Nordosten der Ukraine

Im Osten der Ukraine kamen bei massiven russischen Raketenangriffen auf die Stadt Charkiw nach offiziellen Angaben in der Nacht zum Donnerstag mindestens elf Menschen ums Leben. Dabei handle es sich ausschließlich um Zivilisten, teilte der ukrainische Militärgouverneur Oleh Synjehubow per Telegram mit. Weitere 35 Menschen seien verletzt worden. Angriffe gab es demnach auch in der rund 80 Kilometer südwestlich gelegenen Stadt Krasnohrad. Dort wurden nach Angaben der Behörden zwei Menschen getötet und zwei weitere verletzt. Die Informationen ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.

Vorstoß im Süden

Im Süden sei es ukrainischen Soldaten unterdessen gelungen, einen Vorstoß russischer Truppen nordöstlich von Cherson zu verhindern, sagte ein ukrainischer Militärexperte. Selenskyjs Berater Olexij Arestowytsch sagte in einer Videobotschaft, derzeit herrsche eine strategische Pattsituation. Seit vergangenen Monat seien russische Truppen nur "minimal vorangekommen", und in einigen Fällen hätten die ukrainischen Streitkräfte Boden gutgemacht.

Explosionen auf der Krim

Für Aufsehen sorgten zuletzt unter anderem mehrere Explosionen in russischen Militäreinrichtungen auf der Krim, wo Russlands Schwarzmeerflotte stationiert ist. Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes hat dies Russland dazu veranlasst, einige seiner Flugzeuge und Hubschrauber ins Landesinnere der Halbinsel und auf Flugplätze in Russland zu verlagern. Nach russischen Medienberichten wurde zudem der Kommandant der Schwarzmeerflotte ausgetauscht.

Der Krieg tobt seit fast einem halben Jahr. Tausende Menschen wurden getötet, Millionen sind auf der Flucht. Die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland stecken in einer solch tiefen Krise wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Mit Spannung wurde daher das Treffen zwischen Selenskyj, Erdogan und UN-Chef Guterres erwartet. Im Laufe des Tages sollen sie im westukrainischen Lwiw zusammenkommen.

Diplomatische Versuche 

Bei dem Dreier-Treffen soll es darum gehen, wie der Krieg politisch gelöst werden kann, sowie um die Wiederaufnahme der monatelang blockierten Getreide-Exporte aus den ukrainischen Schwarzmeerhäfen. Diese liefen erst kürzlich wieder an, nachdem dazu unter Vermittlung der Vereinten Nationen und der Türkei in einem seltenen diplomatischen Durchbruch eine Vereinbarung zwischen den Kriegsparteien erzielt werden konnte. Am Freitag ist ein Besuch von Guterres in Odessa am Schwarzen Meer geplant, am Samstag wird er in Istanbul erwartet.

PULS 24 Militärexperte Gerald Karner meint im Interview, dass das heutige Treffen lediglich den Zweck gehabt hätte die "Gesprächskanäle offenzuhalten". Er glaubt zudem auch nicht, dass konkrete Ergebnisse erzielt werden können, solange beide Länder noch eine gewisse "Überlegenheit" verspüren und an einen Sieg glauben würden. 

Atomkraftwerk Saporischschja

Thema wird auch die Lage rund um das Atomkraftwerk Saporischschja sein. Europas größtes AKW soll zuletzt mehrfach unter Beschuss geraten sein, Russland und die Ukraine geben sich dafür gegenseitig die Schuld.

Das russische Verteidigungsministerium warf der Ukraine am Donnerstag laut einem Bericht der Nachrichtenagentur RIA vor, am Freitag "eine Provokation" bei dem Kernkraftwerk zu planen. Es erklärte zudem, es seien in der von Russland kontrollierten Anlage oder in der umliegenden Gegend keine schweren russischen Waffen stationiert. "Dort sind nur Wachmannschaften", erklärte das Ministerium am Donnerstag.

Karner: Lage des AKWs ist "brenzlig"

Karner schätzt die Lage des AKWs als "brenzlig" ein. Ein Beschuss auf die Reaktoren würde zunächst keine Schäden anrichten. Falls die Kühlsysteme jedoch getroffen werden, könne es zu "weitreichenden Folgen" kommen. Nicht nur könnte es zu einer Verstrahlung des AKW Geländes kommen, auch eine Kontaminierung von weiten Teilen der Ukraine oder je nach Windlage "größeren Teilen Europas" wäre möglich. 

Russlands Behauptungen, es hätte nur Wachmannschaften positioniert und keine schwere Waffen dort gelagert, könne man durch Satellitenbilder widerlegen, meint der Militärexperte. Rechtlich gesehen, dürfte man auf dem Geländer eines nuklearen Kraftwerkes keine Kampfhandlungen durchführen oder Waffensysteme sowie Munition lagern. Laut Karner wäre es, wie ein "gut geschütztes Kulturgut" - es "hat nicht für militärische Zwecke verwendet zu werden".

Das Verteidigungsministerium erklärte, die Ukraine habe Truppen in das Gebiet entsandt und plane, am Freitag von der Stadt Nikopol aus einen Artillerieangriff auf das Atomkraftwerk zu starten, während Guterres die Stadt Odessa besucht. "Die Verantwortung für die Konsequenzen" solle dann "den russischen Streitkräften" zugeschoben werden.

Quelle: Agenturen