Welthungerhilfe: Ukraine-Krieg verstärkt Hungerkrisen

12. Juli 2022 · Lesedauer 3 min

Die Welthungerhilfe befürchtet wegen explodierender Nahrungsmittelpreise und vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges eine steigende Zahl von Unterernährten auf der Welt. Angesichts eines auch von Klimawandel und zunehmenden Dürreperioden befeuerten Trends zum Anstieg der Zahl von Hungernden weltweit wirke "der russische Angriffskrieg auf die Ukraine wie ein erneuter Brandbeschleuniger", warnte Welthungerhilfe-Präsidentin Marlehn Thieme am Dienstag vor der Presse in Berlin.

Global seien nach jüngsten Zahlen der Vereinten Nationen (UNO) bereits 828 Millionen Menschen chronisch unterernährt. Das heißt: Ihnen steht seit mindestens einem Jahr nicht ausreichend Ernährung zur Verfügung. Die von der UNO-Welternährungsorganisation FAO jüngst bereitgestellten Zahlen stellten "einen richtigen Weckruf an die gesamte Welt dar", sagte Thieme. Die Gefechte in der Ukraine, die als eine der Kornkammern der Welt gilt, verschärfen nun die Lage. Die Erntesaison hat dort begonnen. Doch es zeichnet sich laut Thieme bereits ab, dass nur zwei Drittel der Flächen abgeerntet werden können: "Das wird sicher einen großen Einbruch darstellen."

Ersten Schätzungen zufolge könnte dies letztlich dazu führen, dass 50 Millionen Menschen mehr auf der Welt hungern müssten. Doch sei diese Zahl mit großer Vorsicht zu genießen: "Weil wir noch nicht wissen, wie die Märkte reagieren." Es sei beispielsweise unklar, ob China und Brasilien Getreide und Lebensmittel in dem erforderlichen Maße exportierten oder nicht. Auch müsse sich noch herausstellen, wie die Ernten in Mitteleuropa ausfallen würden. Es sei aber zu befürchten, dass sie etwas geringer sein könnten.

"Wer nur knapp drei US-Dollar pro Tag zum Überleben hat, kann sich die Verdoppelung der Brotpreise einfach nicht leisten", sagte Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe, am Dienstag im ZDF-"Morgenmagazin". Die Weltgemeinschaft müsse dafür sorgen, dass die Märkte offen blieben.

Hinzu kämen auch Dürren und der Klimawandel: "Das sind nicht herauszurechnende Einflussfaktoren", sagte die Welthungerhilfe-Präsidentin Thieme. Die Ausfuhr von Weizen und anderem Getreide aus der Ukraine ist wegen des Krieges zurückgegangen. Vor der russischen Invasion am 24. Februar waren beide Staaten zusammen für fast ein Drittel der weltweiten Weizenexporte verantwortlich. Seitdem stocken die Ausfuhren über die Schwarzmeer-Häfen der Ukraine, vor denen russische Kriegsschiffe patrouillieren.

Die Welthungerhilfe sieht mit großer Sorge, dass die Zahl der Hungernden weiter steigt und gleichzeitig die Nahrungsmittel- und Transportpreise explodieren. "Uns erreichen aus allen Projektländern verzweifelte Hilferufe. Von Afghanistan bis Zimbabwe kämpfen die Menschen mit Preissteigerungen für Brot, Getreide oder Obst um bis zu 60 Prozent", so Thieme. Zugespitzt habe sich Lage insbesondere am Horn von Afrika, wo 17 Millionen Menschen nicht mehr genug zu essen hätten. In Somalia, Kenia und Äthiopien herrsche die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Die desolate Situation der Familien in Äthiopien wird durch die Folgen des Krieges in der Provinz Tigray sowie Konflikten in anderen Regionen noch verschärft.

Allein im Jahr 2021 hat die Welthungerhilfe nach eigenen Angaben in 36 Ländern mit 526 Auslandsprojekten rund 16,6 Millionen Menschen unterstützt. Die Welthungerhilfe ist eine der größten privaten Hilfsorganisationen in Deutschland und laut eigenen Angaben politisch und konfessionell unabhängig. Seit ihrer Gründung 1962 übernimmt der jeweils aktuelle deutsche Bundespräsident die Schirmherrschaft der Welthungerhilfe.

Quelle: Agenturen