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USA untersuchen Fälle von mysteriösem "Havanna-Syndrom" in Wien

20. Juli 2021 · Lesedauer 3 min

Mehrere Dutzend US-amerikanische Botschafts- und Geheimdienstmitarbeiter in Wien klagen laut US-Medienberichten über unerklärliche Symptome wie Schwindel, Übelkeit und Schlafstörungen. Es scheint sich um das mysteriöse "Havanna-Syndrom" zu halten. Geheimdienste vermuten möglicherweise einen Angriff.

Das sogenannte "Havanna-Syndrom" wurde erstmals im Jahr 2016 von Mitarbeitern der kanadischen und US-Botschaft in der kubanischen Hauptstadt Havanna gemeldet. Mehrere Dutzend Menschen klagten über plötzlich auftretende Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Tinnitus sowie Konzentrations- und Schlafstörungen. Eine Ursache für die Symptome konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Die Theorien reichen von Mikrowellenstrahlen über spezielle Schallwellen und Pestizide bis zu Massenpsychose. Der US-Auslandsgeheimdienst CIA schließt einen gezielten Angriff nicht aus.

Das US-Magazin "New Yorker" berichtet am Wochenende, dass sich in letzter Zeit auch in der US-Botschaft in Wien Fälle des Havanna-Syndroms häufen würden und Wien gar zum "neuen Hotspot" des Phänomens geworden sei. Etwa zwei Dutzend Geheimdienstmitarbeiter, Diplomaten und Regierungsbeamte hätten über die inzwischen bekannten Symptome geklagt. Die US-Behörden ermitteln nun, wie amerikanische Medien berichten. Man wisse nicht, ob es sich bei diesen Vorfällen um eine Art Angriff handle oder was dahinterstecke, sagte die Sprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, am Montag.

"Was Wien betrifft, so gehen wir in Abstimmung mit unseren behördenübergreifenden Partnern Berichten über mögliche unerklärliche Gesundheitsvorfälle in der dortigen Gemeinschaft der US-Botschaft energisch nach", sagte dazu nun der Sprecher des US-Außenministeriums, Ned Price. Das gelte selbstverständlich auch für andere Orte, an denen diese Beschwerden auftreten würden. Was die betroffenen Mitarbeiter betrifft, so würden diese "sofortige und angemessene Aufmerksamkeit und Pflege" erhalten, wie Price nach Angaben des US-Senders CBS sagte.

Auch österreichische Behörden alarmiert

Auch in Österreich ist man alarmiert. "Wir nehmen diese Berichte sehr ernst und arbeiten gemäß unserer Rolle als Gaststaat mit den US-Behörden an einer gemeinsamen Aufklärung", teilte dazu am Wochenende das Außenministerium laut APA mit: "Die Sicherheit der nach Österreich entsandten Diplomaten und ihrer Familien hat für uns oberste Priorität."

Den "New Yorker"-Angaben zufolge sei der erste angebliche Fall in Wien ein paar Monate nach der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden gemeldet worden. Die Biden-Administration habe sich jedoch entschieden, die Vorfälle in Wien nicht bekanntzugeben – die Beamten seien besorgt gewesen, dass eine öffentliche Bekanntgabe die laufenden Ermittlungen behindern würde.

Russland als Verursacher?

Die genaue Ursache der Beschwerden in Wien ist nach wie vor unklar. In den USA verdächtigt man in Teilen des Geheimdienstapparates und der Politik Russland als Verursacher der Beschwerden. Der Neurologe Robert Baloh und der Medizinsoziologe Robert Bartholomew stellen in einem Buch über das Havanna-Syndrom allerdings auch die Vermutung in den Raum, dass es sich um Formen von Massenpsychose bzw. psychosomatischer Erkrankung handeln könnte, die durch Stressbelastung ausgelöst wurde.

Ein Expertenkomitee der US-Akademie der Wissenschaften vermutet in einem im Jahr 2020 vorgelegten Bericht, dass Radio- oder Mikrowellen die Symptome auslösen könnten. Ob es sich dabei um Waffensysteme oder um Nebenwirkungen von Abhörsystemen handeln soll, ist unklar. Auch dazu, wie dies technisch funktionieren soll und ob dies überhaupt machbar sei, gibt es keinerlei Beweise.

Letzteres würde zumindest erklären, warum Fälle des Havanna-Syndroms vor allem bei Mitarbeitern von Botschaften und Geheimdiensten von mehreren Orten weltweit gemeldet werden. Allerdings gab es auch bereits mutmaßliche Fälle im Weißen Haus in Washington. Dass Fälle auch in Wien auftreten, wo viele Staaten und internationale Organisationen Niederlassungen unterhalten und zahlreiche Geheimdienste vertreten sind, verwundert daher nicht.

Stephan HoferQuelle: Agenturen / Redaktion / APA