USA-Experte Pick: Anschlag in Kabul kann Bidens ganze Amtszeit dominieren

27. Aug 2021 · Lesedauer 4 min

Nach dem verheerenden Anschlag in der Nähe des Flughafens von Kabul mit über 180 Toten verkündete US-Präsident Joe Biden "Vergeltung". Das umzusetzen werde schwer, sagen Experten im PULS 24 Interview.

Joe Bidens Worte wirken im Nachhinein wie eine düstere Prophezeiung. "Jeder weitere Tag im Einsatz bringt zusätzliches Risiko für unsere Soldaten", sagte der US-Präsident am Dienstag, als er das baldige Ende der Afghanistan-Mission bekräftigte. Insbesondere vor Terroranschlägen warnte Biden. Nur zwei Tage später wurde die Warnung grausame Realität: Bei einem Anschlag nahe des Flughafens von Kabul wurden zahlreiche Menschen getötet, unter ihnen mindestens 13 US-Soldaten.

Damit wird der Afghanistan-Abzug für Biden immer mehr zu einer Katastrophe. USA-Experte Yussi Pick spricht im PULS 24 Interview von einem "Turning point" in der Amtszeit Joe Bidens. Politiker der oppositionellen Republikaner fordern seinen Rücktritt oder ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten. "Joe Biden hat Blut an den Händen", schrieb etwa die konservative Abgeordnete Elise Stefanik im Kurzbotschaftendienst Twitter. 

Joe Biden selbst drohte den Terroristen mit "Vergeltung":  "Wir werden euch jagen und euch dafür bezahlen lassen", sagte er am Donnerstag im Weißen Haus. Er kündigte Einsätze des US-Militärs gegen die für den Anschlag verantwortliche Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an - und die Fortsetzung der Evakuierungen aus Afghanistan. Die Terroristen könnten die USA nicht dazu bringen, ihre "Mission" zu stoppen, betonte Biden mit Blick auf die verbliebenen Amerikaner im Land. "Wir werden sie finden, und wir werden sie da rausholen."

Es war der erste große Terroranschlag in Bidens Amtszeit - seine Politik war bisher auf Wirtschaft und Corona fokussiert, nun werde sich das ändern, sagt USA-Experte Yussi Pick. Nun werde er an seiner Außenpolitik gemessen werden. Das könnte den Rest seiner Amtszeit dominieren. 

Versprechen zu halten, wird schwer für Biden

Der versprochene Vergeltungsschlag gegen die IS-Terroristen wird aber schwer einzuhalten sein, sagt Pick. Der Anschlag wirke sich negativ auf Bidens Beliebtheit aus - die Bevölkerung in den USA würde den Rückzug unterstützen, das Chaos hingegen, die Art und Weise wie, sei weniger beliebt, so Pick. 

Nun gebe es jedenfalls eine "verzwickte Situation", denn die USA und die Taliban würde nun ein gemeinsamer Feind - der "Islamische Staats" einen.

Seifert: Weitere Anschläge in Kabul "sind zu erwarten"

Es könne auch niemand garantieren, dass nicht noch mehr Anschläge passieren, sagt der Nahost-Experte der "Wiener Zeitung" Thomas Seifert. Mehr Anschläge seien sogar zu befürchten. Der "Islamische Staat" wolle damit beanspruchen, die USA aus Afghanistan vertrieben zu haben. Dadurch könne es zu einem Bruch zwischen den Taliban und dem IS kommen, die zumindest durch Netzwerke verbunden seien. Denn die Taliban müssten beweisen, das Land regieren und für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen zu können, sagt Seifert. Der Anschlag habe aber für Chaos gesorgt. 

IS zu früh für besiegt erklärt

Der örtliche Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamiert den Angriff mit Selbstmordattentätern und Schützen am Flughafen von Kabul für sich. Laut Biden sehen auch die US-Geheimdienste den IS als Drahtzieher der Bluttat, bei der Dutzende getötet wurden. In Syrien und dem Irak hatte Trump den IS im März 2019 für besiegt erklärt, das stellte sich als verfrüht heraus. In Afghanistan haben sich dem dortigen IS-Zweig Kämpfer angeschlossen, denen selbst die militant-islamistischen Taliban nicht radikal genug waren.

US-General Kenneth McKenzie, der das US-Zentralkommando Centcom führt, sagt, man habe bei der Evakuierungsmission in Kabul mit einem Anschlag gerechnet - "und wir rechnen damit, dass sich diese Angriffe fortsetzen werden". Dass die USA nun aber rasch herausfinden werden, wo sich die Attentäter aufhalten, hält Seifert für unwahrscheinlich.

Quelle: Redaktion / koa