APA - Austria Presse Agentur

US-Drohnen-Angriff nach Anschlag in Kabul traf wohl eine Familie

31. Aug 2021 · Lesedauer 5 min

Nach dem Anschlag am Flughafen Kabul haben die USA Angriffe gegen die Terrormiliz IIS gestartet. Dabei sollen einem Bericht zufolge zehn Mitglieder einer Familie umgekommen sein. Die USA wollen die Vorwürfe prüfen.

Am Sonntag hat das US-Militär nach eigenen Angaben aus der Luft ein Auto in Kabul angegriffen. So sollte angeblich eine "unmittelbare Bedrohung" für den Flughafen Kabul durch Terroristen abgewendet werden. Laut einem Bericht der "New York Times" sollen dabei zehn Zivilisten gestorben sein - zehn Mitglieder einer Familie.

Eine Drohne habe auf ein Fahrzeug des örtlichen Ablegers der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gefeuert, erklärte das US-Militär am Sonntag. Weil es nach dem Raketeneinschlag zu "bedeutenden sekundären Explosionen" kam, sei davon auszugehen, dass in dem Fahrzeug eine große Menge Sprengstoff gewesen sein müsse, hieß es weiter von US-Seite. Es werde geprüft, ob es bei dem Angriff zivile Opfer gab. Es gebe aber keine Hinweise darauf, hieß es kurz nach dem Angriff.

Mittlerweile gibt es mehrere Berichte, die auf zivile Opfer hindeuten. Demnach sei das Auto in der Nähe eines Einfamilienhauses gesprengt worden. Überlebende und Nachbarn sagten der "New York Times", unter den zehn Opfern des Angriffs seien sieben Kinder, ein Hilfsarbeiter einer amerikanischen Wohltätigkeitsorganisation und ein Auftragnehmer des US-Militärs gewesen.

Ein afghanischer Beamter habe der "New York Times" bestätigt, dass drei der toten Kinder am Sonntag mit einem Krankenwagen aus dem Heim überführt wurden. Journalisten vor Ort waren nicht in der Lage, die Aussagen der Familie unabhängig zu überprüfen.

Pentagon untersucht Angriff

Das Pentagon räumte gegenüber der "New York Times" die Möglichkeit ein, dass afghanische Zivilisten bei dem Drohnenangriff getötet wurden, deutete jedoch an, dass alle zivilen Todesfälle auf die Detonation von Sprengstoff in dem Fahrzeug zurückzuführen seien. "Wir sind nicht in der Lage, das zu bestreiten", sagte John F. Kirby, der Sprecher des Pentagons, am Montag über Berichte über zivile Opfer. Er wiederholte frühere Aussagen des Pentagons, wonach das Militär den Angriff auf ein Fahrzeug zwei Meilen vom internationalen Flughafen Hamid Karzai entfernt untersuche.

US-Truppen-Abzug abgeschlossen, Taliban jubeln

Unterdessen hat der letzte US-Soldat Afghanistan verlassen. Der 20 Jahre lange Einsatz der US-Truppen in Afghanistan ist damit beendet. Taliban-Sprecher Zabiullah Mujahid gratulierte den Afghanen zum US-Abzug und sagte, "dieser Sieg gehört uns allen". Laut Berichten feiert Anhänger der Taliban den Abzug mit Feuerwerk und Freudenschüssen. 

Nach dem Abzug der US-Truppen fielen auch zahlreiche zahlreiche Waffen wie etwa US-Sturmgewehre bis hin zu schwerem Gerät der afghanischen Armee in die Hände der radikalislamischen Extremisten. Die ehemals als militärisch zusammengewürfelt angesehene Miliz der Taliban wurde so zu einer veritablen Armee – teils auch mit Uniform und rasiert. Laut dem US-Generalinspekteur für den Wiederaufbau in Afghanistan (SIGAR) besitzen die Taliban nun auch Black Hawks, Humvees und Kampfflugzeuge.

Mit dem US-Abzug endete auch die militärisch gesicherte Evakuierung von US-Bürgern, Verbündeten und schutzbedürftigen Afghanen. Zurückgebliebene Amerikaner und andere Schutzsuchende wollen die USA nach Worten von Präsident Joe Biden mit diplomatischen Mitteln aber weiter aus dem Land holen. Biden wollte sich am Dienstag (19.30 Uhr MEZ) in einer Ansprache an die Nation zum Abzug äußern.

Die meisten europäischen Staaten hatten ihren Rettungseinsatz Schutzbedürftiger bereits am Donnerstag und Freitag vergangener Woche beendet. Immer noch befinden sich aber Zehntausende Menschen in Afghanistan, die vor den Taliban fliehen wollen - die meisten davon sind Afghanen. 

Einzig UN wollen Flüge fortsetzen

Unmittelbar nach dem Abzug der US-Truppen rückte die gut ausgerüstete Taliban-Spezialeinheit "Badri 313" demonstrativ am Flughafen Kabul ein - zu deren Sicherung, wie es hieß. Bei weiteren Evakuierungen sind westliche Staaten jetzt auf Zusammenarbeit mit den Taliban angewiesen. Diese haben zumindest zugesagt, Ausreisen zu gewähren. Derzeit kann der zivile Teil des beschädigten Flughafens allerdings keine Flüge abfertigen.

Die Vereinten Nationen wollen ihren humanitären Einsatz in Afghanistan nach dem Abzug jedenfalls fortführen, wie das UNO-Nothilfebüros (OCHA) mitteilte. Ein Versorgungsflug der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erreichte am Montag Mazar-i-Sharif, zwei weitere Flüge seien in den nächsten Tagen geplant, sagte eine Sprecherin in Genf. Das Welternährungsprogramm wolle eine humanitäre Luftbrücke aufrechterhalten. Die Flugzeuge sollen demnach auch Kabul anfliegen. Sie würden sowohl Material ins Land bringen als auch Menschen ausfliegen.

Lage in Kabul ruhig, Kämpfe in Panjshir-Provinz

Bewohner Kabuls sprachen am Dienstag von einem insgesamt ruhigen Tagesbeginn. Die meisten Geschäfte im Stadtteil Shahr-e Nau seien geöffnet, sagte ein Anrainer. Ein paar Banken hätten große Filialen nach zwei Wochen wieder geöffnet. Hunderte stünden an, um Geld abzuheben. 

In der Provinz Panjshir versuchten indes Taliban-Kämpfer laut Angaben der dortigen Widerstandskämpfer, bereits am Montagabend (Ortszeit) vorzudringen. Sie hätten am Eingang zum Panjshir-Tal angegriffen, sagte der Sprecher der Nationalen Widerstandsfront, Fahim Dashti, in einer am Dienstag auf Whatsapp geteilten Videonachricht.

Widerstand gegen Taliban

Die Islamisten hätten sieben oder acht Kämpfer verloren, die gleiche Zahl sei verletzt worden. Auch mehrere Widerstandskämpfer seien verwundet worden. Zuletzt hatte es von beiden Seiten geheißen, man wolle die offene Machtfrage durch Verhandlungen lösen. Gleichzeitig bauen prominente Afghanen aus dem Tal einen Widerstand gegen die Islamisten auf. Die Taliban äußerten sich noch nicht zu dem Vorfall.

Quelle: Redaktion / koa