APA - Austria Presse Agentur

US-Abzug aus Afghanistan zu 95 Prozent abgeschlossen

03. Aug 2021 · Lesedauer 4 min

Die USA haben ihren Truppenabzug aus Afghanistan zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen. Das teilte das US-Verteidigungsministerium am Dienstag in Washington mit. Die Menge des bisher ausgeflogenen Materials entspreche etwa 984 Ladungen von C-17-Transportflugzeugen. Die USA hätten bisher außerdem sieben Einrichtungen offiziell an das afghanische Verteidigungsministerium übergeben.

Bis Ende August wollen die USA ihren Militäreinsatz in Afghanistan vollständig beenden - nach knapp 20 Jahren. Danach sollen nur noch US-Soldaten zum Schutz der Botschaft in Afghanistan bleiben. Mit der Abzugsentscheidung der Amerikaner endet auch der Einsatz der Nato insgesamt.

Wie es in dem Land nach dem Abzug der internationalen Truppen weitergeht, ist unklar. Seit dem Beginn des Abzugs der US- und Nato-Truppen Anfang Mai haben die Taliban große Gebiete erobert. Sie beherrschen mittlerweile etwas mehr als die Hälfte der Bezirke des Landes und bedrohen mehrere Provinzhauptstädte.

US-Außenminister Antony Blinken telefonierte am Dienstag mit dem afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani, wie das amerikanische Außenamt mitteilte. Beide hätten die andauernden Attacken der Taliban verurteilt und die Notwendigkeit betont, die Bemühungen um eine politische Lösung für das Land zu beschleunigen.

Die andauernden Gefechte in der Provinzhauptstadt Lashkargah im Süden Afghanistans fordern unterdessen immer mehr zivile Opfer. Binnen 24 Stunden seien in der Stadt mindestens 40 Zivilisten getötet und 118 verletzt worden, teilte die UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) am Dienstag auf Twitter mit. Sollten die Parteien nicht mehr für den Zivilschutz in Afghanistan tun, drohten "katastrophale" Auswirkungen.

Seit Beginn des Abzugs der US- und Nato-Truppen haben die Taliban bedeutende Gebietsgewinne vor allem im ländlichen Raum erzielt. Aktuell verlagern sich die Gefechte zunehmend in die Städte. Kämpfe gibt es etwa im Herat im Westen sowie in Kandahar und Lashkargah im Süden.

Am Dienstag griffen die militant-islamistischen Taliban dem Provinzrat Ataullah Afghan zufolge in Lashkargah im Zentrum in der Nähe des Gouverneurssitzes und der Polizeizentrale an. Die Regierung hält nur mehr zwei der zehn Polizeibezirke der Stadt. Sollte Kabul keine Verstärkung schicken, drohe die Hauptstadt der Provinz Helmand an die Islamisten zu fallen, sagte Afghan. Die Verteidiger würden seit elf Tagen praktisch ohne Schlaf kämpfen. Ihr größtes Problem sei, dass sich Taliban-Kämpfer in Wohnhäusern verschanzt hielten.

Laut Verteidigungsministerium gab es weitere Luftangriffe auf Taliban-Stellungen in der Stadt. Lokale Journalisten berichteten, diese hätten auch zivile Einrichtungen getroffen, darunter eine private Universität und eine Fabrik.

Der Journalistenorganisation NAI zufolge haben in Helmand mindestens 15 Medienorganisationen, darunter fünf Fernsehstationen, wegen der Sicherheitslage den Betrieb eingestellt. Am Montag seien Taliban in die Räumlichkeiten der staatlichen Rundfunkanstalt RTA eingedrungen und hätten vier Stunden lang selbst ein Programm gesendet.

Berichte über Dutzende Tote und Hunderte Verletzte in den vergangenen zehn Tagen gab es auch aus den Städten Herat und Kandahar. In Herat schlugen am Dienstag dem lokalen TV-Sender ToloNews zufolge zwei Raketen in der Nähe der Flughafen-Rollbahn ein. Ein Flugzeug, das gerade hätte landen sollen, sei nach Kabul zurückgekehrt.

In einer Ansprache vor beiden Kammern des Parlaments hatte der afghanische Präsident Ashraf Ghani am Montag die "plötzliche Entscheidung" der USA und der Nato-Truppen zum Abzug für die Verschlechterung der Sicherheitslage verantwortlich gemacht. Er versprach, binnen sechs Monaten für Stabilität im Land zu sorgen.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) stoppte am Dienstag mit einer einstweiligen Verfügung die geplante Abschiebung eines abgelehnten Asylwerbers aus Österreich nach Afghanistan, berichtete puls24.at unter Berufung auf die Deserteurs-und Flüchtlingsberatung in Wien. Als Grund wurde die Sicherheitslage vor Ort genannt. Im Innenministerium bestätigte man dies auf APA-Anfrage. Der Spruch betreffe aber nur einen Einzelfall und sei "kein pauschales Verbot für uns".

Quelle: Agenturen