Mikhail Ulyanov Uljanow

Ukraine wirft russischem Diplomaten in Wien Völkermord-Aufruf vor

20. Aug. 2022 · Lesedauer 3 min

Der ständige Vertreter Russlands bei den internationalen Organisationen in Wien, Michail Uljanow, sorgte mit einem Tweet für Empörung. Vertreter der Ukraine interpretierten seinen später wieder gelöschten Tweet als Aufforderung zum Völkermord und fordern seine Ausweisung aus Österreich. Uljanow wird ins Außenministerium zitiert.

"Keine Gnade für die ukrainische Bevölkerung!", kommentierte Uljanow in der Nacht auf Samstag einen Tweet des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Der hatte sich für US-Waffenlieferungen bedankt hatte.

Scharfe Replik von Selenskyj-Berater 

"Der russische Botschafter in Österreich Uljanow spricht von der Notwendigkeit einer 'Endlösung der ukrainischen Frage' und ruft zum Völkermord auf", reagierte am Samstagvormittag Selenskyj-Berater Michajlo Podoljak ebenso auf Twitter. Er beklagte gleichzeitig, dass in Europa Stimmen wie "Nicht alle Russen sind Putin" oder "Vielleicht sollten wir Nord Stream 2 aktivieren" laut würden. Es sei Zeit zu verstehen, dass Russland eine faschistische Machtstruktur mit Millionen Menschen sei, schrieb Podoljak auf Ukrainisch.

Außenministerium: "Nicht zu relativieren"

 "Wir sind empört über die menschenverachtenden Aussagen des russischen Ständigen Vertreters und über seine Versuche zu relativieren, was nicht zu relativieren ist", kommentierte am Samstagnachmittag eine Sprecherin des österreichischen Außenministeriums in einer schriftlichen Stellungnahme. Das Ministerium stehe zwar für freie Meinungsäußerung, sei aber auch frei darin, "entschieden gegen solch verhetzende Äußerungen einzutreten", schrieb die Sprecherin und kündigte an, dass Uljanow für Sonntag ins Außenministerium zitiert werde.

Ukraine fordert Ausweisung aus Österreich

"Diese Völkermordsprache darf nicht toleriert werden", schrieb seinerseits der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Oleh Nikolenko, am Samstagnachmittag auf Twitter. Die gesamte diplomatische Community in Wien müsse Uljanjow boykottieren und Österreich müsse ihn als Gastland zur unerwünschten Person erklären, forderte er. Bereits zuvor hatte der ukrainische Parlamentspräsident Ruslan Stefantschuk Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) sowie Bundespräsident Alexander Van der Bellen ebenso auf Twitter aufgefordert, den russischen Diplomaten "sofort zu deportieren".

Uljanow: Missverständnis

Uljanow, der seinen in englischer Sprache verfasstem Tweet in Folge löschte, fühlte sich am Samstag missverstanden. Er trete "natürlich nicht" für einen Völkermord an den Ukrainern ein, erklärte er in einem Telefonat mit der APA. "Wenn Sie lesen, was ich in den letzten Jahren auf Twitter schreibe, werden sie nichts Verächtliches in Bezug auf das ukrainische Volk finden", sagte der Diplomat. Vielleicht hätte er jedoch in seinem Publikation anstelle eines Rufzeichens besser ein Fragezeichen schreiben sollen, gab er sich selbstkritisch. "Ich habe aber auf die Mitteilung von Selenskyj emotional reagiert - wieder nur Waffen, keine Diplomatie", erläuterte er.

Der zuletzt vor allem auch als russischer Verhandler bei den Wiener Atomgesprächen mit dem Iran tätige Uljanow ist nicht der erste russische Diplomat in Wien, dessen Aktivitäten in sozialen Netzwerken für Diskussionen sorgen. Auch der in Wien für Abrüstungsverhandlungen zuständige Konstantin Gawrilow brachte sich Mitte August mit Twitter eine parlamentarische Anfrage der NEOS bei Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) ein. Der hochrangige russische Diplomat hatte zuvor eine Twitter-Meldung geteilt, in der ein selbsterklärter Stalinist die Wiedereinführung eines stalinistischen Staatsterrors in Russland forderte. Gawrilows persönliche Einstellung zu dieser Forderung war dabei jedoch unklar geblieben.

Quelle: Agenturen / Redaktion / lam