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Ukraine: Russische Truppen in der Hauptstadt

25. Feb. 2022 · Lesedauer 6 min

Die ukrainische Armee kämpft nach eigenen Angaben mittlerweile gegen vordringende russische Truppen in der Hauptstadt Kiew. Im nördlichen Bezirk Oblonsky kam es am Freitag zu Gefechten.

Auch Explosionen waren dort, wie ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Medienberichten waren zudem später Schüsse in der Nähe des Regierungsviertels im Zentrum zu hören. Das meldet die russische Agentur RIA Nowosti unter Berufung auf die amerikanische AP.

Russische Invasion

Russland hatte am Donnerstagmorgen mit einem großen Angriff auf die Ukraine begonnen. In mehreren Städten schlugen Raketen und Artilleriegranaten ein. Russische Bodentruppen waren anschließend binnen weniger Stunden bis in den Großraum Kiew vorgedrungen. Luftlandetruppen nahmen einen Militärflughafen am nordwestlichen Stadtrand von Kiew ein. Laut dem ukrainischen Innenministerium hat Russland in den letzten 24 Stunden auch 33 zivile Ziele getroffen. Zwei Kinder seien getötet worden.

Größere Explosionen in Kiew

Von den Explosionsorten in Oblonsky rannten Menschen weg, um sich in Sicherheit zu bringen. Schüsse waren dem AFP-Reporter zufolge dort zu hören und bis ins Stadtzentrum auch größere Explosionen. Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums handelte es sich um eine Sabotageaktion eines russischen Aufklärungstrupps. Das Ministerium rief die Zivilisten in dem Viertel zu den Waffen. "Wir bitten die Bürger, uns über feindliche Bewegungen zu informieren, Molotowcocktails zu werfen und die Besatzer zu neutralisieren", hieß es in einer Erklärung auf Facebook.

Fliegeralarm am Morgen

Das ukrainische Fernsehen berichtete am Freitag auch von Fliegalarm in Kiew in der Früh. Die Stadtverwaltung rief alle Bürgerinnen und Bürger auf, sich möglichst in Sicherheit zu bringen. Die U-Bahn-Stationen der Stadt mit etwa 2,8 Millionen Einwohnern dienten als Schutzräume. Es gebe falsche Berichte, dass er Kiew verlassen habe, erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. "Ich bleibe in der Hauptstadt, bleibe bei meinem Volk." Russland strebt nach Angaben eines Beraters von Selenskyj die Einnahme von Kiew an, und Selenskyj solle getötet werden, sagt Mychailo Podoljak. Das sei das einzige Ziel der russischen Aktion.

Vormarsch in die Stadt

Am Freitagmorgen meldete die ukrainische Armee nördlich von Kiew auch Kämpfe gegen vordringende russische Truppen. Zu Gefechten kam es demnach in den Orten Dymer, das rund 45 Kilometer nördlich von Kiew liegt, sowie Iwankiw, rund 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt. Dort sei "eine große Anzahl von Panzern des Feindes eingetroffen".

Später teilten die ukrainischen Streitkräfte mit, der Vormarsch der russischen Truppen sei am Fluss Teterow gestoppt worden. "Die Brücke über den Fluss wurde zerstört." Das ukrainische Militär eroberte zudem nach Angaben des Generalstabs einen Militärflugplatz in Gostomel nahe Kiew zurück.

Russische Raketenangriffe

Russland hat am Freitag in der Früh auch die Raketenangriffe auf die Ukraine wieder aufgenommen. Beschossen würden sowohl zivile als auch militärische Ziele, teilte Präsident Selenskyj in einer im Fernsehen übertragenen Rede mit. So griffen Medienberichten zufolge russische Truppen etwa auch den Flughafen der Stadt Riwne im Westen des Landes an. Auch aus Sumy im Nordosten des Landes nahe der russischen Grenze wurden Kämpfe gemeldet. Diese Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Laut ukrainischem Grenzschutz gab es mehrere Tote durch Raketenbeschuss auf einen seiner Posten im Süden des Landes am Asowschen Meer. Der Ort Primorskyj Posad liegt an der Küste zwischen der von Russland annektierten Halbinsel Krim und dem ostukrainischen Separatistengebiet. Das ukrainische Militär geht davon aus, dass die russische Armee einen Korridor zwischen beiden Gebieten erobern will. In der westukrainischen Stadt Lwiw schrillten nach Augenzeugenangaben die Sirenen.

118 Militärstandorte zerstört

Russland hat eigenen Angaben zufolge 118 ukrainische Militärstandorte zerstört. Laut dem Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, Igor Konaschenkow, wurden zudem fünf ukrainische Kampfflugzeuge, ein Hubschrauber sowie fünf Drohnen abgeschossen. Fallschirmjäger würden nach Tschernobyl gebracht, um dort das Atomkraftwerk zu bewachen, teilt das russische Verteidigungsministerium weiter mit. Die Strahlung rund um das Kraftwerk sei normal. Der ukrainischen Atombehörde meldete dagegen eine erhöhte Strahlung dort.

Russische Truppen im Vormarsch

Russische Truppen haben laut dem Verteidigungsministerium in Moskau eine Insel vor der ukrainischen Hafenstadt Odessa eingenommen. Die 13 ukrainischen Grenzschützer der Schlangeninsel im Schwarzen Meer seien durch Beschuss eines russischen Kriegsschiffs getötet worden. 82 ukrainische Soldaten hätten sich ergeben.

Konaschenkow sagte außerdem, dass Separatistenkämpfer aus der ostukrainischen Region Donezk mittlerweile neun Kilometer in bisher von ukrainischen Regierungstruppen kontrolliertes Gebiet weit vorgerückt seien.

Tote auf beiden Seiten

Am ersten Tag der russischen Invasion haben laut Selenskyj 137 Soldaten ihr Leben verloren. Insgesamt 316 Soldaten seien am Donnerstag verletzt worden, sagte er in der Nacht in einer Videobotschaft. Nach ukrainischen Angaben erlitten die russischen Truppen ihrerseits schwere Verluste. Das Verteidigungsministerium in Kiew sprach von 30 zerstörten russischen Panzern, 130 Panzerfahrzeugen, sieben Flugzeugen und sechs Hubschraubern. Etwa 800 russische Soldaten seien getötet worden. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Die russische Seite äußerte sich dazu nicht.

Selenskyj: "Wir verteidigen unseren Staat allein."

Selenskyj kritisierte mangelnde Unterstützung aus dem Ausland: "Wir verteidigen unseren Staat allein. Die mächtigsten Kräfte der Welt schauen aus der Ferne zu." Auch die neuen westlichen Strafmaßnahmen gegen Moskau seien nicht genug. Selenskyj bat die osteuropäischen NATO-Mitglieder um Unterstützung bei der Verteidigung. Er habe diesbezüglich mit dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda gesprochen, schreibt Selenskyj auf Twitter. Er habe auch um Hilfe gebeten, Russland an den Verhandlungstisch zu bringen. "Wir brauchen eine Anti-Kriegs-Koalition."

Gleichzeitig lobte der Staatschef die Ukrainer für ihren "Heldenmut" angesichts des russischen Vormarsches. Die russische Bevölkerung rief Selenskyj zum Protest gegen den Angriff auf die Ukraine auf.

NATO-Partner rüsten auf

Die Vereinigten Staaten verlegen 7.000 weitere Soldaten nach Europa, die zunächst in Deutschland stationiert werden und die Verteidigung der NATO-Partner stärken sollen. Nach Informationen des deutschen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" will auch Deutschland dem Bündnis weitere Unterstützung anbieten. Die Staats- und Regierungschefs der NATO-Staaten schalten sich an diesem Freitag zu einer Sondersitzung zusammen.

Generalmobilmachung

Das Staatsoberhaupt hat ein Dekret zur Generalmobilmachung unterschrieben, meldete die Agentur UNIAN unter Berufung auf das Präsidialamt in Kiew. Die Anordnung gilt demnach 90 Tage und sieht die Einberufung von Wehrpflichtigen und Reservisten vor. "Wir müssen operativ die Armee und andere militärische Formationen auffüllen", begründete Selenskyj eine Entscheidung. Bei den Territorialeinheiten werde es zudem Wehrübungen geben. Nach ukrainischen Behördenangaben dürfen zudem männliche Staatsbürger im Alter von 18 bis 60 Jahren das Land nicht verlassen.

100.000 auf der Flucht

Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine sind nach Angaben des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) rund 100.000 Menschen in dem Land auf der Flucht. Mehrere tausend Menschen seien zudem bereits aus dem Land geflüchtet, sagte Sprecherin Shabia Mantoo am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow will indes mit Abgesandten der selbst ernannten Republiken Donezk und Luhansk in der Ostukraine über deren Pläne zur Eröffnung diplomatischer Vertretungen in Moskau sprechen. Sein Ministerium teilte mit, beide Seiten würden zudem über die russische Militäroperationen in der Ukraine reden und über diplomatische Vertretungen Russlands in Donezk und Luhansk.

Quelle: Agenturen / Redaktion / foj