APA/EDGAR SCHÜTZ

Ukraine: Laut Staatsanwältin 1.222 Tote in Region Kiew entdeckt

In der Region um die ukrainische Hauptstadt Kiew sind nach ukrainischen Angaben bisher mehr als 1.200 Tote gefunden worden.

Staatsanwältin Iryna Wenediktowa nannte im Interview mit dem britischen Sender Sky News am Sonntag die Zahl von 1.222 geborgenen Toten "allein in der Region Kiew". Die russische Armee hatte sich vor rund einer Woche aus der Region rings um die ukrainische Hauptstadt Kiew zurückgezogen und stellt sich derzeit im Osten der Ukraine neu auf. In den nahe Kiew gelegenen Orten herrschten nach dem Abzug der russischen Truppen dramatische Zustände.

Erste Berichte am vergangenen Wochenende über möglicherweise Hunderte getötete Zivilisten im Kiewer Vorort Butscha hatten international für Entsetzen gesorgt. Im Laufe der Woche häuften sich ähnliche Schilderungen aus weiteren Orten wie Irpin oder Borodjanka.
 

Moskau bestreitet jegliche Verantwortung für die Tötungen und spricht von gefälschten Fotos und Videos. Material wie Satellitenaufnahmen und Mitschnitte von abgehörter Funkkommunikation legen aber eine Verantwortung russischer Soldaten nahe.

In dem Interview mit dem britischen Sender kündigte Staatsanwältin Wenediktowa auch Ermittlungen zu 5.600 mutmaßlichen Kriegsverbrechen gegen 500 Verdächtige aus den Reihen des russischen Militärs und der Regierung in Moskau an, unter ihnen der Kreml-Chef. "Wladimir Putin ist der Hauptkriegsverbrecher des 21. Jahrhunderts", sagte Wenediktowa.

Sie verwies auch auf den Raketenangriff auf den Bahnhof von Kramatorsk in der Ostukraine, bei dem am Freitag nach ukrainischen Angaben 52 Menschen getötet worden waren. Es lägen Beweise dafür vor, dass Russland hinter dem Angriff stecke, sagte die Staatsanwältin. Auch hier hatte Moskau die Verantwortung von sich gewiesen und die ukrainische Armee beschuldigt.

Unter dem Eindruck neuer Kriegsverbrechen nach Russlands Angriff auf die Ukraine hat Präsident Wolodymyr Selenskyj seine Forderung nach einem Öl-Embargo gegen Moskau bekräftigt. Nach Treffen mit mehreren europäischen Regierungschefs wie Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) am Samstag telefonierte er am Sonntag mit dem deutschen Kanzler Olaf Scholz (SPD). Die Ukraine warf dem russischen Militär indes weitere Gräueltaten vor und russische Raketenangriffe setzten sich am Wochenende fort.

"Wenn die Tyrannei eine Aggression gegen alles gestartet hat, worauf der Frieden in Europa ruht, müssen wir sofort handeln", sagte Selenskyj in einer am Samstagabend veröffentlichten Videobotschaft. Ein Öl-Embargo müsse der erste Schritt der "gesamten zivilisierten Welt" sein. "Dann wird Russland das spüren. Dann wird es für sie ein Argument sein, den Frieden zu suchen, die sinnlose Gewalt zu beenden", so der ukrainische Staatschef. Die demokratische Welt könne definitiv auf russisches Öl verzichten.

Selenskyj telefonierte mit deutschem Kanzler

Selenkyj telefonierte am Sonntag mit dem deutschen Kanzler Olaf Scholz (SPD) und forderte eine Verfolgung von Kriegsverbrechen sowie weitere Hilfe und weiteren Sanktionsdruck gegen Russland. Dieser sicherte "den Menschen in der Ukraine die Solidarität und volle Unterstützung Deutschlands" zu, wie die Vizeregierungssprecherin Christiane Hoffmann mitteilte. "Der Bundeskanzler verurteilte die abscheulichen Kriegsverbrechen des russischen Militärs in Butscha und in anderen Orten in der Ukraine", hieß es dazu weiter.

Der deutsche Bundeskanzler habe sich zudem "über die aktuelle Lage und zum Verhandlungsprozess zwischen der Ukraine und Russland informiert". Außerdem sei es um aktuelle Möglichkeiten der weiteren Unterstützung der Ukraine gegangen. Die deutsche Bundesregierung werde zusammen mit ihren internationalen Partnern alles daransetzen, dass "die Verbrechen schonungslos aufgeklärt und die Täter identifiziert werden, damit sie vor nationalen und internationalen Gerichten zur Verantwortung gezogen werden", machte Scholz den Angaben zufolge deutlich. Scholz und Selenskyj hätten verabredet, weiter eng in Kontakt zu bleiben.

"Ausmaß des Leids ist einfach immens"

Der Leiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in der Ukraine, Pascal Hundt, sagte dem Sender Sky News, Menschen lebten ohne Essen, Strom, Wasser und Heizung unter schrecklichen Bedingungen. "Das Ausmaß des Leids, das wir sehen, ist einfach immens, und ich kann mich nicht erinnern, das in der jüngeren Geschichte gesehen zu haben", so Hundt.

Die Ukraine rechnet nicht mit einem baldigen Treffen Selenskyjs mit Putin zu Verhandlungen über ein Ende des Krieges, wie Präsidentenberater Mychajlo Podoljak im ukrainischen Fernsehen sagte. Die Ukraine bestehe weiter auf starken Sicherheitsgarantien und zahle dafür einen sehr hohen Preis, meinte Podoljak. "Ja, es ist hart, wir verlieren jeden Tag Menschen und Infrastruktur. Aber Russland muss sich von seinen imperialen Illusionen befreien", sagte er.

Dem ukrainischen Chefunterhändler David Arachamija zufolge gebe es bei den Verhandlungen keine greifbaren Fortschritte. Für Kiew bleibe die territoriale Einheit eine rote Linie. "Wir werden keine Gebiete aufgeben, und wir werden nichts anerkennen", sagte er mit Blick auf die 2014 von Russland annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim und die ostukrainischen "Volksrepubliken" Luhansk und Donezk. Putin hatte beide als unabhängige Staaten anerkannt und danach am 24. Februar den Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen.

Angriffe und Aufmarsch im Osten

Russland setzte seine Raketenangriffe auch am Wochenende fort. Insgesamt seien 86 Objekte innerhalb eines Tages getroffen worden, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Sonntag. Im Gebiet Dnipropetrowsk seien der Stab und Basis des Bataillons Dnipro vernichtet worden. Zerstört worden seien auch auf dem Militärflugplatz der Garnisonsstadt Tschuhujiw im Gebiet Charkiw Startkomplexe des Luftabwehrsystems S-300 sowie in der Ostukraine mehrere Drohnen, zwei Munitions- und drei Treibstofflager.

Durch Beschuss in der Region Donezk und im nordöstlichen Gebiet Charkiw wurden nach ukrainischen Angaben auch mehrere Zivilisten getötet und verletzt. Die ukrainische Militärverwaltung machte Russland dafür verantwortlich. Ukrainische Kräfte hätten bei Angriffen auf russische Truppen am Samstag unter anderem 80 Soldaten getötet sowie drei Panzer und je ein Flugzeug und einen Hubschrauber zerstört, hieß es. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig prüfen. Auch in der Hafenstadt Mariupol dauerten die Gefechte an.

Nach Militärangaben in Moskau sollen mehr als 700.000 Menschen aus Donezk und Luhansk sowie anderen Teilen der Ukraine seit dem 24. Februar nach Russland evakuiert worden sein. Allein am Samstag hätten knapp 27.000 Menschen die umkämpften Regionen Richtung Russland verlassen, sagte Generaloberst Michail Misinzew. Aus der seit Anfang März umkämpften südukrainischen Stadt Mariupol seien 134.000 Menschen gerettet worden. Die Zahlen sind nicht unabhängig zu prüfen.

ribbon Zusammenfassung
  • In der Region um die ukrainische Hauptstadt Kiew sind nach ukrainischen Angaben bisher mehr als 1.200 Tote gefunden worden.
  • Staatsanwältin Iryna Wenediktowa nannte im Interview mit dem britischen Sender Sky News am Sonntag die Zahl von 1.222 geborgenen Toten "allein in der Region Kiew".
  • Die russischen Truppen hatten sich in den vergangenen Tagen aus der Region zurückgezogen.