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Tiroler Landesrätin prüft Anstellung pflegender Angehöriger

28. Nov. 2022 · Lesedauer 5 min

Die Tiroler Gesundheitslandesrätin Cornelia Hagele (ÖVP) will sowohl die Anstellung pflegender Angehöriger beim Land nach dem Vorbild Burgenland, als auch den Ausbau der 24-Stunden-Betreuung prüfen. Es gelte der Grundsatz "mobil vor stationär", so Hagele, die in der neuen Regierung für die Agenden Pflege, Bildung, Wissenschaft und Forschung verantwortlich ist, im APA-Interview. Weiters im Fokus sei die Verbesserung der Ausbildungsbedingungen.

Den Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung sah sie als "wichtigen Schritt für die Unterstützung von Familien", der "schnellstmöglich umgesetzt" werden sollte. Was die Ausbildung (angehender) Pflegekräfte betrifft so wolle sie unterschiedlichste Formen evaluieren, darunter auch eine - unter den Parteien durchaus umstrittene - Pflegelehre.

Klar sei hier allerdings, dass man "Jugendliche nicht mit 15 Jahren schon verheizen" dürfe, die Inhalte müssten sukzessive vermittelt werden, um "traumatischen Erfahrungen" vorzubeugen, hielt Hagele fest. Einen vierwöchigen Schnellkurs zu Pflegeassistentinnen und -assistenten, wie er von den NEOS im Wahlkampf ventiliert worden war, sah sie kritisch, schloss eine verkürzte Ausbildungszeit aber nicht dezidiert aus. Aktuell dauert die Ausbildung ein Jahr in Vollzeit bzw. 21 Monate berufsbegleitend. Das Modell "Pflegeferrari" - eine Ausbildung an höher bildenden Schulen und Landwirtschaftlichen Lehranstalten - will sie nach wie vor auf das ganze Bundesland ausrollen.

Es gelte jedenfalls die Prämisse "mobil vor stationär", betonte die ÖVP-Politikerin. Rund 80 Prozent aller hilfsbedürftigen Personen werden aktuell zuhause versorgt. Pflegende Angehörige wolle sie demnach durch unterschiedliche Maßnahmen unterstützen. Eine Anstellung pflegender Angehöriger "hat sicher gewissen Charme", ließ die Politikerin wissen. Das Modell würde derzeit geprüft. Als notwendig erachtete Hagele hierbei "eine entsprechende begleitende Ausbildung". Auch die Tages- und Übergangspflege sowie die 24-Stunden-Betreuung will sie ausbauen. Dass Betroffene "so lange wie möglich" zuhause versorgt werden sei "im Interesse aller", war sie sich sicher. Dafür brauche es einen "Mix aus unterschiedlichen Dingen", weshalb sie nicht nur ins Burgenland, sondern auch in die anderen Bundesländer blicke. "Man muss das Rad nicht neu erfinden", fand Hagele, könne es "aber neu zusammensetzen".

Erfreut über Hageles Vorstoß in Bezug auf die Anstellung pflegender Angehöriger zeigte sich am Montag indes der Vorsitzende des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) Tirol LAbg. Philip Wohlgemuth (SPÖ). Per Aussendung forderte er, dass die Umsetzung "so schnell wie möglich angegangen" werden solle. Je nach Pflegeausmaß soll eine Anstellung "von der Geringfügigkeitsgrenze bis zur Vollzeitanstellung" möglich sein. "Darüber hinaus setzen wir uns für ein entsprechendes Aus- und Weiterbildungsangebot für pflegende Angehörige sowie den Anspruch auf eine zweiwöchige Auszeit zum Selbstkostenbeitrag von 50 Euro ein", fügte Wohlgemuth hinzu. Zudem drängte er darauf, die Bezahlung in der Pflege an das deutsche Modell anzulehnen. Konkret würde das bedeuten: Hilfskräfte würden bei Vollzeitanstellung künftig um 372 Euro mehr verdienen, qualifizierte Hilfskräfte 476 Euro und Pflegefachkräfte 562 Euro.

Darüber hinaus sah sich Hagele in all den von ihr geleiteten Ressorts mit einem Personalmangel konfrontiert - seien es Ärztinnen und Ärzte, insbesondere in der Allgemeinmedizin und am Land, Lehrkräfte oder eben Pflegepersonal. Die Anzahl der über 80-Jährigen werde bis 2040 im Bundesland um 80 Prozent steigen, in den nächsten zehn Jahren würden 7.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. In Bezug auf den ÄrztInnenmangel verwies sie auf die neue Stiftungsprofessur Allgemeinmedizin - für die es bereits unerwartet viele Interessentinnen und Interessenten gäbe, den sogenannten Karrierepfad Allgemeinmedizin und das "Landarztstipendium". Ferner soll nun eine Erhebung der Altersstruktur auch bei Fachärztinnen und Fachärzten im Land Klarheit schaffen, wo so schnell wie möglich Abhilfe geschaffen bzw. am dringendsten für eine Nachfolge gesorgt werden müsse. "Wir sprechen nicht von einem Zeithorizont von fünf, sondern eher 30 Jahren", räumte Hagele ein. Sie wolle in ihrer Amtszeit jedenfalls "Spuren hinterlassen" und jene Weichen stellen, die langfristig Besserung brächten.

Von einer Verpflichtung - wie sie im Zuge des Wahlkampfes etwa von den Freiheitlichen ins Spiel gebracht wurde, die vorschlugen, dass Medizinstudierende nach Abschluss mindestens zwei Jahre in Tirol praktizieren müssten - hielt Hagele wenig. Sie sei eine Befürworterin von "positiven Anreizen", sagte sie. So fand sie etwa auch, dass man dem Personalmangel in den Bereichen ihrer Zuständigkeit mit Imagekampagnen entgegenwirken könne - sei es in der Schule oder auch der Pflege.

Auch ein Ausbau der Kinderbetreuung würde dem Personalmangel entgegenwirken, zeigte sich Hagele überzeugt. Im Vorfeld der Landtagswahl hatten sich alle Parteien für einen Rechtsanspruch ausgesprochen. Um ein flächendeckendes, ganzjähriges und ganztägiges Angebot zu gewährleisten würden nun "so schnell wie möglich die Rahmenbedingungen geschaffen", sah Hagele das Vorhaben schon auf Schiene. Bis dieser umgesetzt werden kann, werde es allerdings noch dauern.

Welches Investitionsvolumen mit einem Rechtsanspruch einhergehe, würde derzeit evaluiert. Dass ein Betrag "in dreistelliger Millionenhöhe" in die Hand genommen werden müsste - davon war Hageles Vorgängerin Beate Palfrader (ÖVP) einst ausgegangen - glaubte die Neo-Landesrätin nicht. Schließlich sei das Angebot "bedarfsgerecht" umzusetzen. Nicht alle Eltern würden davon Gebrauch machen. Außerdem würden durch eine - mit einer besseren Kinderbetreuung einhergehende - höhere Erwerbstätigkeit auch die Steuereinnahmen steigen, zeigte sich Hagele optimistisch. Wichtig sei es auch, gemeindeübergreifende Modelle auf den Weg zu bringen und eine entsprechende Flexibilität zu gewährleisten. Schützend stellte sich die ehemalige Kommunalpolitikerin - Hagele war Vizebürgermeisterin in Tirols drittgrößtem Ort, Telfs - vor die Gemeinden, die, falls dem Rechtsanspruch nicht entsprochen werden könne, haften würden. Eine Arbeitsgruppe werde demnächst eingesetzt werde, um eine Umsetzung zu diskutieren und unterschiedliche Modelle, wie etwa in Bayern oder Südtirol, zu evaluieren.

Quelle: Agenturen