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Selenskyj wirft den russischen Besatzern Folterpraktiken vor

17. Sept. 2022 · Lesedauer 4 min

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Russland nach der Niederlage seiner Truppen im nun befreiten Gebiet Charkiw grausame Folter vorgeworfen.

Es seien inzwischen mehr als zehn Folterkammern in verschiedenen Städten des befreiten Gebiets entdeckt worden, sagte Selenskyj in einer am Samstag in Kiew vom Präsidentenamt verbreiteten Videobotschaft. "Folter war eine weit verbreitete Praxis in dem besetzten Gebiet", sagte der Präsident.

Selenskyj: So hätten sich "Nazis" verhalten

Selenskyj bezeichnete die vor einer Woche geflohenen Besatzer als "Raschisten" und sagte, so hätten sich auch die "Nazis" verhalten. "Raschismus" vereint die Wörter Russland und Faschismus und wird von den Ukrainern als Begriff für "russischer Faschismus" benutzt.

Wie die "Nazis" würden auch die "Raschisten" auf dem Schlachtfeld und vor Gericht für ihre Taten zur Verantwortung gezogen, sagte Selenskyj. "Wir werden die Identitäten aller ermitteln, die gefoltert und misshandelt haben, die diese Grausamkeiten von Russland hier auf ukrainisches Gebiet gebracht haben", betonte der 44-Jährige. Bei ihrer Flucht hätten die Besatzer Foltergeräte zurückgelassen. Ukrainische Behörden veröffentlichten unterdessen Fotos, die Folterkammern und –geräte zeigen sollen.

Elektrische Folterwerkzeuge

Nach Darstellung Selenskyjs wurden Menschen mit Drähten und Stromschlägen gequält. So sei etwa auf einem Bahnhof in Kosatscha Lopan ein Folterraum mit elektrischen Folterwerkzeugen entdeckt worden. Auch bei den in einem Waldstück nahe der Stadt Isjum gefundenen Leichen seien neue Beweise für Folter sichergestellt worden. Die Exhumierung der Toten auf der "Massengrabstätte" sei am Samstag fortgesetzt worden, sagte Selenskyj.

Massengräber entdeckt

In Isjum sind mehr als 440 Gräber mit Leichen gefunden worden. Die Menschen sollen ersten Erkenntnissen zufolge ums Leben gekommen sein, als Russland die Stadt Ende März heftig beschossen habe. Die tschechische EU-Ratspräsidentschaft forderte wegen der neuen Entdeckungen bereits die Einsetzung eines internationalen Tribunals zur Verfolgung der russischen Verbrechen in der Ukraine.

Ende März waren auch in dem Kiewer Vorort Butscha nach dem Abzug russischer Truppen Hunderte getötete Zivilisten teils mit Folterspuren und gefesselten Händen gefunden worden. Butscha gilt seitdem als Symbol für schwerste Kriegsverbrechen im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Erfolge für ukrainische Armee

Die ukrainische Armee berichtete indes von weiteren Erfolgen im Kampf gegen die Invasoren. In Cherson hätten sich am Samstag vier starke Explosionen ereignet, bei denen rund 180 Besatzer ums Leben gekommen seien. Betroffen sei das Warenhaus einer Baumwollfabrik gewesen, in der die Russen Personal und Ausrüstung untergebracht hätten, meldete die Agentur Ukrinform unter Berufung auf die Armee. "Es waren drei Kühlautos erforderlich, um die Leichen aus der Stadt zu bringen. Mehrere Dutzend weitere seien mit lebensgefährlichen Verletzungen in Krankenhäuser von Cherson gebracht worden", hieß es.

Einnahme der Region Cherson

Die ukrainische Armee bemüht sich seit mehreren Wochen, die südukrainische Region Cherson einzunehmen. Die Offensive in Richtung der gleichnamigen Regionalhauptstadt kommt aber nur langsam voran. Die dortigen Kämpfe haben aber nach Einschätzung von Experten wesentlich dazu beigetragen, dass die Ukrainer Anfang September die Besatzer in der nordostukrainischen Region Charkiw in die Flucht schlagen konnten.

Gefangenenaustausch mit Russland

Selenskyj drängte indes auf einen Gefangenenaustausch mit Russland. In einem Reuters-Interview machte er klar, dass die Ukraine russische Ammoniak-Transporte passieren lassen würde, wenn der Aggressorstaat ukrainische Kriegsgefangene freilässt. "Ich bin gegen russische Ammoniak-Lieferungen über die Ukraine. Ich bin nur bereit, dem zuzustimmen, wenn es im Austausch für unsere Gefangenen passiert. Das habe ich auch der UNO vorgeschlagen", sagte Selenskyj.

Die Vereinten Nationen bemühen sich derzeit um ein entsprechendes Abkommen nach Vorbild jenes, das Getreidelieferungen aus der Ukraine und Russland über das Schwarze Meer ermöglich hat. Ammoniak ist für die Lebensmittelversorgung bedeutsam, weil es für die Erzeugung von Düngemitteln benötigt wird.

Quelle: Agenturen / Redaktion / poz