Seifert über die Taliban: "Denen ist ein Menschenleben keinen Groschen wert"

20. Aug 2021 · Lesedauer 3 min

Thomas Seifert, Nahostexperte der "Wiener Zeitung", spricht im Interview mit PULS 24 über den hastigen Abzug der Amerikaner aus Afghanistan und darüber, wie es am Hindukusch nun weitergehen könnte.

Es sind Bilder, die schockieren und lange in Erinnerung bleiben werden: Verzweifelte Afghanen klammern sich an eine amerikanische C17-Transportmaschine und stürzen nach dem Start in den Tod. Diese Verzweiflung könne man sich gar nicht vorstellen, sagt Nahostexperte Thomas Seifert. 

Es sei am Flughafen in Kabul alles chaotisch abgelaufen. Die Amerikaner hätten rasch ihre Sachen gepackt und begonnen, ihre Leute auszufliegen. Derzeit haben die USA den Flughafen noch unter Kontrolle, was aber passiert, wenn die Amerikaner ihre Kräfte ausgeflogen haben, sei ungewiss, sagt Seifert, der die Vorgangsweise der USA durchaus kritisiert. 

Kritik an den USA

Die USA hätten die Europäer und Nato-Staaten 2001 beim Einmarsch in Afghanistan an Bord geholt, nun seien die europäischen Verbündeten nicht konsultiert worden, über den Truppenabzug und über die Rettungsaktionen. Die Kontrolle des Flughafens würde auch nur funktionieren, so lange es ein belastbares Abkommen mit den Taliban gebe, sagt Seifert. Denn die radikalen Islamisten hätten schwere Waffen, mit welchen man Flugzeuge vom Himmel holen könnte. Wenn die Amerikaner ihre Koffer gepackt haben, ist es fraglich, ob das noch funktionieren wird.

Ronzheimer: "Taliban sind administrativ nicht regierungsfähig"

Denn noch lange sind nicht alle Personen aus Afghanistan ausgeflogen worden. Paul Ronzheimer, Chefredakteur der "Bild", berichtet über "dramatische Schilderungen". Menschen, die für die Regierung, für Menschenrechtsorganisationen, für das deutsche Außenamt oder die Bundeswehr gearbeitet hätten, über ein Visum, aber keinen Pass verfügen, würden nicht zum Flughafen gelassen werden. Weder die Taliban noch die Amerikaner würden diese Personen in den Flughafen lassen. 

Dazu komme, dass viele dieser Menschen noch nicht in Kabul, sondern in anderen Städten sind. Und der Weg nach Kabul sei gefährlich, sagt Ronzheimer. Es gebe verschiedene Taliban-Gruppierungen, aber auch Gangster und Kriminelle, die die verschiedenen Gebiete Afghanistans kontrollieren würden.

Wie geht es weiter?

Ronzheimer vermutet, dass man die Taliban mit Hilfsgeldern unter Druck setzen könnte, zum anderen würden die Taliban noch mit ehemaligen Regierungsmitarbeitern kooperieren müssen, da sie selbst administrativ nicht regierungsfähig seien. Den Versprechen der Taliban, Frauen zur Schule gehen zu lassen oder Menschen, die für den Westen arbeiteten, zu verschonen, traut Ronzheimer nicht.

Auch Seifert sagt: "Denen ist ein Menschenleben keinen Groschen wert". Dennoch vermutet er, dass es "tatsächlich etwas Rationalität" oder "das Geleichgewicht des Schreckens" gebe. Die Taliban würden wissen, dass, "wenn sie es zu wild treiben" von den Amerikanern bombardiert werden würden.

Zudem müssten die Taliban aufpassen, da sich viele Afghanen - vor allem in den Städten - an Freiheiten gewöhnt hätten. "Die Menschen sind nicht erfreut über die Taliban", sagt der Journalist. Man könne schwächere Formen des Islamismus, wie etwa in Pakistan oder Saudi Arabien, einführen. Das sei zwar "auch nicht schön", aber dort gebe es keine Aufstände, so Seifert. 

Die Rolle Österreichs?

Seifert kritisiert auch die Rolle Österreichs, bei der es scheinbar nur um die Verhinderung von Flüchtlingsbewegungen und Abschiebungen geht. "Der Blick auf die Welt sollte ein breiterer sein", sagt der Nahostexperte. Es gebe eine große afghanische Community in Österreich, gegenüber der man eine Verantwortung hätte. Zudem gehe es auch darum, dass die EU sich nicht mehr auf Amerika verlassen könne, wenn es etwa um die geheimdienstliche Kontrolle der Taliban ginge. Österreich habe in Afghanistan also auch andere Interessen.

Quelle: Redaktion / koa