APA - Austria Presse Agentur

Schallenberg besuchte Flüchtlingscamp in Äthiopien

15. Jan 2021 · Lesedauer 4 min

Ethnische Konflikte, Stammesfehden, politisch instabile Nachbarn, oft katastrophale Infrastruktur, Gebermüdigkeit. Bei einem Besuch des Flüchtlingscamps Aysaita in Äthiopiens Nordosten werden viele der Herausforderungen, mit denen das Land kämpft, deutlich. 25.000 Menschen, großteils aus Eritrea, leben dort - meist seit vielen Jahren, ohne eine echte Perspektive auf Rückkehr. Insgesamt beherbergt das krisengebeutelte Äthiopien rund drei Millionen Flüchtlinge und Vertriebene.

797.000 Flüchtlinge befinden sich derzeit laut UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) in Äthiopien, hinzu kommen über zwei Millionen Binnenvertriebene (Internally Displaced People/IDPs) - Tendenz steigend, denn die Krise in der Region Tigray hat zu einem sprunghaften Anstieg der Zahlen geführt. Der ostafrikanische Staat mit seinen rund 110 Millionen Einwohnern ist damit nach Libyen das Land in Afrika, das am meisten Flüchtlinge versorgt.

Die zahlreichen Flüchtlingscamps in Äthiopien würden die "offenen Wunden und Bruchlinien, die es in Afrika gibt und die Menschen dazu zwingen, ihr Land zu verlassen" aufzeigen, sagte Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP), der einen vollen Tag seines zweitägigen Aufenthaltes in Äthiopien für das Camp Aysaita in der Region Afar reservierte. Es sei ihm wichtig gewesen, auch ein Projekt außerhalb der Hauptstadt Addis Abeba zu besichtigen, meinte er.

Die Campbewohner nutzten den Besuch - Schallenberg wurde unter anderem vom World Food Programme (WFP) begleitet - um auf ihr Leid aufmerksam zu machen. "Wir haben hier viele Probleme", so Hawa Mohammed. Das größte sei, ergänzte ihr Mann Abdella, genügend Essen zu bekommen. In den vergangenen sechs Monaten musste das WFP aufgrund fehlender finanzieller Mittel westlicher Geberländer die Essensrationen um 20 Prozent kürzen. "Es reicht einfach nicht, wir bekommen nicht genug", klagte auch Ali Hamad. So wie die Mohammeds lebt auch er bereits seit zwölf Jahren in Aysaita.

"Wir sind mit nichts hierhergekommen und auf Ihre Unterstützung angewiesen", sagte Abella Mohammed - dankend und gleichzeitig fordernd nach mehr - in Richtung Schallenberg und Paul Turnbull, dem WFP-Leiter in Äthiopien. Man arbeite daran, die Rationen wieder aufzustocken, entgegnete Turnbull. Doch alleine für das kommende halbe Jahr gebe es eine Finanzierungslücke von etwa 46 Millionen Euro, erklärte der WFP-Experte gegenüber der APA.

Neben Problemen mit der Versorgung von Essen gebe es auch im Bereich Gesundheitsversorgung große Engpässe, berichtete Hawa Mohammed. Man benötige zudem mehr Bargeld, um sich selbst mit lokalen Nahrungsmitteln versorgen zu können.

Eine Rückkehr nach Eritrea ist zwar der Wunsch vieler Flüchtlinge in Aysaita und anderer Camps in Äthiopien. Realistisch ist sie aber nicht, zu instabil ist die Situation und auch ein Friedensabkommen mit dem Nachbarland, für das sich der äthiopische Premier Abiy Ahmed eingesetzt und dafür 2019 den Friedensnobelpreis bekommen hatte, hat die Chancen laut Beobachtern nicht vergrößert.

Noch besorgniserregender ist die Situation für eritreische Flüchtlinge allerdings in Afars Nachbarregion Tigray, wo die Regierung Ende vergangenen Jahres militärisch gegen die dort herrschende Volksbefreiungsfront (TPLF) vorging. Berichten zufolge soll Eritrea den Militäreinsatz Abiys mit Zehntausenden Soldaten unterstützt haben. Äthiopische Experten berichten von Zehntausenden Verschwundenen in Flüchtlingscamps.

Auch das UNHCR zeigte sich "extrem beunruhigt" angesichts kolportierter Menschenrechtsverletzungen und forderte ungehinderten Zugang zu den Camps. Vor allem Kontakt und Zugang zu den Camps im Norden Tigrays sei nicht möglich, berichtete UNHCR-Sprecher Chris Melzer der APA. "Ich bin wirklich besorgt über die Sicherheit und das Wohlergehen der eritreischen Flüchtlinge in diesen Camps. Sie sind schon seit vielen Wochen ohne Hilfe", meinte UNO-Flüchtlingshochkommissar Filippo Grandi am Donnerstag.

Als ob die Belastung durch die hohe Zahl an Flüchtlingen und die Kämpfe in Tigray nicht schon genug wären - auch andere Ethnien fühlen sich von der Zentralregierung diskriminiert oder vernachlässigt, was etwa vergangenen Sommer zu landesweiten Protesten der größten Gruppe, der Oromo, geführt hatte. In manchen Landesteilen des riesigen Binnenstaates, etwa in der Region um das Camp Aysaita, stehen Zusammenstöße zwischen Clans und Stammesfehden auf der Tagesordnung. Zudem hatte Äthiopien in den vergangenen Jahren immer wieder auch mit Naturkatastrophen wie Dürren und Überschwemmungen, die große Teile der Ernte zerstörten, zu kämpfen.

Die derzeitige Lage zeige, wie volatil das Horn von Afrika und Äthiopien selbst sei, fasste Schallenberg seinen Besuch in Ostafrika vor österreichischen Journalisten zusammen. Auch wenn die Region nicht so sehr im Fokus stehe, ein "fortgesetztes Engagement" der internationalen Gemeinschaft sei jedenfalls erforderlich.

Selbst ging er mit gutem Beispiel voran. Er komme nicht mit leeren Händen, sagte der Außenminister bei seinem Besuch in Aysaita. Mit im Gepäck für den Kurztrip hatte Schallenberg insgesamt drei Millionen Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds (AKF) für Äthiopien. Je eine Million davon soll an das WFP, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) sowie österreichische NGOs gehen.

Zum Abschluss seines Besuches wurde Schallenberg samt Delegation selbst reich beschenkt - mit traditionellem Gewand inklusive Dolch.

Quelle: Agenturen