APA/APA/HANS KLAUS TECHT/HANS KLAUS TECHT

Saniertes Parlament vor Wiedereröffnung

10. Jan. 2023 · Lesedauer 4 min

Mehr als fünf Jahre lang wurde das im 19. Jahrhundert erbaute Parlamentsgebäude in Wien saniert und modernisiert. Am Donnerstag (12. Jänner) wird das denkmalgeschützte Haus am Ring nun festlich wiedereröffnet. Damit geht zu Ende, was 2014 von allen Parlamentsfraktionen einstimmig per Gesetz beschlossen worden war. Fast eine halbe Milliarde Euro floss - inklusive Ausweichquartier in der Hofburg und am Heldenplatz - in das Projekt.

Erbaut wurde Österreichs Parlament nach den Plänen von Theophil Hansen von 1874 bis 1883. Im Jahr 1918 wurde auf seiner Rampe die Erste Republik ausgerufen. Nach dem austrofaschistischen Ständestaat ab 1934, der nationalsozialistischen Diktatur und schweren Zerstörungen am Ende des Zweiten Weltkriegs fungierte es ab 1945 wieder als Parlament. Bis 1956 dauerte jedoch der von den Architekten Fellerer & Wörle geleitete Wiederaufbau, bei dem der neue Sitzungssaal des Nationalrats entstand. Die nunmehrige, bereits ab 2010 von der damaligen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ) angestoßene Sanierung - mit der die wegen aufgestauter Mängel bereits drohende baupolizeiliche Sperre abgewendet wurde - plante das Büro Jabornegg & Pálffy.

Die Kosten wurden 2014 im "Parlamentsgebäudesanierungsgesetz" mit 352,2 Mio. Euro (sowie 51,4 Mio. Euro für das Ausweichquartier) festgelegt, jeweils samt 20-prozentiger Reserve. Diese wurde 2020 auch aktiviert. Die Schlussabrechnung soll Ende 2023 vorliegen, nach Parlamentsangaben besteht weiterhin ein finanzielles Restrisiko von zwei bis drei Prozent. Die Fertigstellung - zunächst für 2020 angepeilt - war immer wieder hinausgeschoben worden. Ausschreibungen mussten wegen überhöhter Preise wiederholt werden, auch Corona sorgte für Verzögerungen.

Einige Zahlen: Unter dem operativen Baumanagement der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) wurden 55.000 Quadratmeter Netto-Geschoßfläche in dem denkmalgeschützten Haus saniert, 40.000 m2 Böden abgebrochen und samt Technikinstallationen neu verlegt, 740 Fenster und 600 Türen saniert sowie 500 Luster in Schuss gebracht. Die Nutzfläche wurde um 10.000 Quadratmeter erhöht, durch neue Räume und ein 1.500 Quadratmeter großes Besucherzentrum ("Demokratikum") im Erdgeschoss. Neu sind auch 800 m2 Gastronomiefläche (vor allem im ausgebauten Dachgeschoss) und vier Terrassen mit insgesamt 400 m2 Fläche.

Highlight des Umbaus ist die Glaskuppel über dem Nationalratssitzungssaal mit 28 Metern Durchmesser und einer Fläche von 550 m2. Die Paneele sind elektrochrom, ihre Lichtdurchlässigkeit kann gesteuert werden. Im Saal wurde zuletzt noch bei der Akustik nachgebessert, durch Dämmmaterial im Unterboden und durchsichtigen Akustiksegeln in der Kuppel. Alle Abgeordneten bekommen Computeranschlüsse und ein Zehn-Zoll-Display. Eine elektronische Abstimmungsanlage gibt hingegen weiterhin nicht, dafür bräuchte es eine Geschäftsordnungsnovelle. Die technischen Voraussetzungen für eine Nachrüstung sind aber vorhanden.

Direkt unter der Glaskuppel im Nationalratssaal entstand ein verglaster Rundgang für Besucherinnen und Besucher - das "Plenarium". Führungen können so auch während laufender Sitzungen stattfinden. In der Beletage übersiedelte der Bundesrat in den bisherigen Budgetsaal. Unter den beiden großen Sitzungssälen wurden zwei Ausschusslokale neu errichtet, u.a. für Untersuchungsausschüsse. Es wurden vier neue Haupttreppenhäuser gebaut.

Verbessert wurde die Sicherheitstechnik und Infrastruktur, auch Barrierefreiheit gibt es - zumindest weitgehend. Die Fassade hat man ringstraßenseitig restauriert, ebenso den Pallas-Athene-Brunnen und 44 Attika-Figuren aus Carrara-Marmor. Mit 1,8 Mio. Euro wurde zudem für Kunst im Parlament gesorgt - und das nicht nur mit einem angemieteten, gold-geschmückten Bösendorfer-Flügel, der dem aktuellen Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) ebenso viel Kritik eingebracht hat wie die recht eigenmächtige Benennung von Ausschusslokalen.

Am 14. und 15. Jänner 2023 öffnet sich das wiedereröffnete Parlament den Bürgerinnen und Bürgern mit zwei Tagen der offenen Tür. Besichtigt werden können Nationalrats-, Bundesrats- und Bundesversammlungssaal, die Amtsräume von Nationalrats- und Bundesratspräsident, die Säulenhalle, das neue Besucherzentrum und die Bibliothek. Am 26. Jänner wird Alexander Van der Bellen im Historischen Sitzungssaal erneut als Bundespräsident angelobt. Das erste reguläre Nationalratsplenum im runderneuerten Haus ist für 31. Jänner vorgesehen. Die drei Pavillons des Ausweichquartiers (am Heldenplatz und im Bibliothekshof) werden dann demontiert, die Redoutensäle in der Hofburg, wo seit 2017 National- und Bundesrat tagten, rückgebaut.

Quelle: Agenturen