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Russland will ukrainische Stadt Lyman erobert haben

28. Mai 2022 · Lesedauer 5 min

Die strategisch wichtige Stadt Lyman in der Ostukraine ist nach russischen Angaben eingenommen.

Sie sei vollständig unter Kontrolle russischer Truppen und den mit ihnen verbündeten Einheiten der Volksrepublik Donezk, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Am Freitag hatten bereits pro-russische Separatisten der selbst ernannten "Volksrepublik Donezk" die Eroberung Lymans verkündet. Das ukrainische Militär räumte indes nur einen Rückschlag im Kampf um Lyman ein.

"Durch das gemeinsame Vorgehen von Einheiten der Donezker Volksrepublik und der russischen Streitkräfte wurde die Stadt Krasny Liman vollständig von ukrainischen Nationalisten befreit", sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Samstag. Krasny Liman ist die noch aus sowjetischer Zeit stammende Bezeichnung für Lyman. Lyman ist als Eisenbahnknoten und Straßenverbindung zu den Ballungsräumen Sewerodonezk - Lyssytschansk im Osten und Slowjansk - Kramatorsk im Südwesten strategisch wichtig.

Konaschenkow berichtete zudem von schweren Luft- und Raketenangriffen gegen die Städte Bachmut und Soledar im Gebiet Donezk. Getroffen worden seien unter anderem Gefechtsstände und Munitionsdepots. Die ukrainischen Verluste allein durch die Luftwaffe bezifferte der russische Armeesprecher auf 260 Soldaten.

Der Feind "versucht sich im Raum Lyman festzusetzen" und beschieße bereits Ortschaften außerhalb der Stadt, hatte es zuvor am Samstag im Lagebericht des ukrainischen Generalstabs geheißen. Am Vortag hatte der Generalstab noch von Kämpfen in Lyman berichtet und mitgeteilt, die russischen Truppen versuchten, die ukrainischen Verteidiger aus der Stadt zu drängen.

Der Generalstab teilte weiter mit, dass die russischen Truppen die Ortschaften Oserne und Dibrowa mit Granat- und Raketenwerfern beschießen. Beide Dörfer liegen südöstlich von Lyman. Das deutet darauf hin, dass die Front nun südlich der Stadt verläuft. Das russische Militär hatte Lyman von Norden her angegriffen.

Sewerdonezk umkämpft 

Sewerodonezk war ein weiteres Ziel russischer Angriffe in der Nacht. Die Vorstöße auf die Stadt sowie deren Vororte Toschkiwka und Oskolonowka seien aber abgewehrt worden, teilte der Generalstab mit. Im nahe gelegenen Bachmut hätten die Russen versucht, in den Rückraum der ukrainischen Kräfte zu kommen und die Versorgungswege abzuschneiden. Auch diese Bemühungen seien gescheitert.

Richtung Slowjansk gab es laut Bericht keine Bodenoffensive der russischen Truppen. Stattdessen seien in dem Raum mit Artillerie und Luftwaffe mehrere Ortschaften bombardiert worden. Artilleriefeuer auf die ukrainischen Verteidigungslinien wird auch an den übrigen Schwerpunkten der Front gemeldet: Kurachowe, Awdijiwka sowie weiter südwestlich in Huljajpole.

Selenskyj zeigt sich zuversichtlich 

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Lage im umkämpften Donbass angesichts russischer Angriffe am Freitag in seiner allabendlichen Videoansprache als sehr schwierig. Aber er zeigte sich kämpferisch - und trat der Darstellung entgegen, Russland habe Lyman eingenommen. "Wenn die Okkupanten denken, dass Lyman und Sewerodonezk ihnen gehören werden, irren sie sich. Der Donbass wird ukrainisch bleiben", sagte er.

Wenn Russland Zerstörung und Leid bringe, werde die Ukraine jeden Ort wiederherstellen. Dort werde nur die ukrainische Fahne wehen - und keine andere, betonte Selenskyj. Moskau setze im Donbass ein Maximum an Artillerie und Reserven ein, es gebe Raketen- und Luftangriffe. Die ukrainische Armee verteidige das Land mit allen derzeit verfügbaren Ressourcen. "Wir tun alles, um die Armee zu stärken", versicherte der Präsident.

Artillerie, Panzer, Mörser

Die ukrainische Armee berichtete von heftigen Angriffen per Artillerie, Panzer, Mörser und aus der Luft auf zivile Infrastruktur und friedliche Wohngebiete im Donbass. "Die Okkupanten feuerten auf 49 Orte in den Regionen Donezk und Luhansk", hieß es. Der Gouverneur des Gebiets, Pawlo Kirilenko, berichtete im Nachrichtenkanal Telegram, dass "Russen fünf Bürger des Donbass getötet und vier weitere verwundet" hätten.

Die ukrainische Armee hat nach eigenen Angaben in dem Gebiet 60 russische Kämpfer getötet und fünf Panzer zerstört. Die Angaben sind nicht unabhängig zu prüfen. Nach Angaben der Regierung konnten einige Dutzend Bewohner aus beschossenen Orten in dem von Kiew kontrollierten Teil des Donbass herausgebracht werden. Ukrainische Medien berichteten zudem von Angriffen im Raum Charkiw.

Schwierige Lage in Sewerdonezk 

Der Gouverneur von Luhansk, Serhij Hajdaj, sprach von einer schwierigen Lage in Sewerodonezk. Zwar habe man genug Mittel, um die Verteidigung zu halten, sagte er. Es könne aber sein, dass sich das ukrainische Militär aus taktischen Gründen zurückziehe. Russische Soldaten seien in der Stadt.

Seinen Schätzungen zufolge halten sich in der Region Luhansk insgesamt 10.000 russische Soldaten auf. Das seien die Einheiten, die dauerhaft dort seien, die versuchten, anzugreifen und in jede Richtung vorzurücken, in die sie das könnten, sagte der Gouverneur im ukrainischen Fernsehen laut Reuters. Unabhängig überprüfen kann die Nachrichtenagentur diese Angaben nicht.

Nach Einschätzung britischer Geheimdienste dürften sich die russischen Streitkräfte in der Ukraine auch in den kommenden Tagen auf die Kleinstadt Lyman als Knotenpunkt konzentrieren. Sollte es Moskau gelingen, die Stadt sowie die Region um die Großstadt Sewerodonezk unter seine Kontrolle zu bringen, werde der Kreml dies seinen Bürgern als wichtigen politischen Erfolg verkaufen, schreiben die Briten. Schon seit Beginn des Krieges veröffentlicht die britische Regierung in ungewöhnlich offener Art und Weise regelmäßig Geheimdienstinformationen zum Verlauf des Angriffskriegs. Moskau wirft London eine gezielte Desinformationskampagne vor.

Quelle: Agenturen