Russischer Politikwissenschaftler: Gefahr für nuklearen Angriff ist "groß"

22. Apr. 2022 · Lesedauer 4 min

Der russische Politikwissenschaftler Greg Yudin spricht im Interview mit PULS 24 Reporter Paul Batruel über die russische Motivation hinter dem Krieg, die Stimmung in der russischen Bevölkerung. Er sieht die Gefahr eines Nuklearschlags und kritisiert Nehammers Treffen mit Putin.

Greg Yudin, russischer Politikwissenschaftler und Soziologe, hat den "sinnlosesten Krieg in der Geschichte" - Putins Krieg in der Ukraine - bereits am 22. Februar vorausgesagt. Im PULS 24 Interview erklärt der Experte für öffentliche Meinung und Umfragen in Russland, der für ein Hintergrundgespräch beim Internationalen Institut für Frieden nach Wien kam, wie in Russland über den Krieg gedacht wird, was Putin will und ob die Sanktionen wirken. 

Putin hat auf passenden Zeitpunkt gewartet

Der russische Machthaber Wladimir Putin habe den Krieg gestartet, weil er sich bedroht fühle, so der Experte. "Die politische Dynamik der letzten Jahre war nicht vorteilhaft für ihn" - innenpolitisch hätten sich vor allem Junge von ihm abgewendet, außenpolitisch habe er befürchtet, dass "das Regime in der Ukraine von anderen Ländern militärisch gesichert werden würde, was es als klare Alternative zu seiner Herrschaft etablieren würde".

Putins Pläne: Wie der Krieg weitergehen soll

Die Ukraine hätte für Putin ein Ort werden können, von dem seine Herrschaft herausgefordert hätte werden könne. "Das hat den Krieg fast unvermeidbar gemacht", sagt Yudin. Putin habe nur auf einen passenden Zeitpunkt gewartet: Politische Unruhen in den USA, Regierungswechsel in Deutschland und hohe Energiepreise.

Entgegen mancher Wahrnehmung im Westen sei der Kriegsbeginn aber auch in Russland eine Überraschung, ein Schock gewesen, sagt der Politikwissenschaftler, der immer noch in Moskau lebt und arbeitet. "Die Menschen in Russland interessieren sich nicht für Politik, sie sind unpolitisch". Meinungsumfragen in Russland würden auch so funktionieren, dass "der Führer" eine Entscheidung trifft und die Menschen nachher zustimmen, schildert Yudin.

"Was immer Putin will, wird er auch bekommen"

Dennoch würden sich vor allem Junge gegen den Krieg wenden. Sie seien von Anfang an skeptisch gewesen - aber sie sehen, dass der Krieg zu Problemen führt. Die Idee, dass die Sanktionen die Meinung der Russen beeinflussen könnte, sei aber falsch, meint Yudin. Es gebe aber auch eine andere Tendenz: Andere beginnen, sich mit Putin zu identifizieren und sehen den Krieg als "patriotischen Krieg". "Der Großteil der Russen glaubt, was immer Putin will, wird er auch bekommen. Also gibt es keinen Sinn sich ihm zu widersetzten. Man fordert nicht Gott heraus, nur weil es Sanktionen gibt".

Nur wenn die Sanktionen in Russland zu wirklich schwerwiegenden Problemen führen würden, könnte sich etwas ändern: "Das würde die Idee der Allmächtigkeit von Putin untergraben".

Dazu könnte etwa ein Öl- und Gasembargo führen, sagt Yudin. Allerdings: "Dann würden wir einen schnellen Showdown sehen. Weil sich dann die verfügbare Zeit für diese Militärintervention verkürzen würde".

Hohe Gefahr eines nuklearen Angriffs

Auch die Gefahr für einen nuklearen Schlag Russlands sei groß. Die russische Führung nehme die Situation als "existenzbedrohend" wahr. Eine Existenzbedrohung für Russland rechtfertige den Einsatz von Nuklearwaffen. 

Nehammer in Moskau: "Zeichen der Schwäche"

Zum Treffen des österreichischen Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) mit Wladimir Putin sagt Yudin: Dass das Treffen für Russland ein Zeichen der Schwäche des Westens gewesen sei. "Der Besuch war ein Zeichen, dass bereits Menschen kommen, um über eine Kapitulation zu verhandeln. "Ich denke nicht das die Zeit reif für Verhandlungen ist, denn die militärischen Ziele beider Seiten haben sich nicht geändert."

Putin werde den Krieg jedenfalls nicht beenden, ehe er die militärische Kontrolle über die Ukraine erlangt habe. "Trotz Rückschlägen denke ich nicht, dass sich Putins Ziele geändert haben", sagt Yudin.

Quelle: Redaktion / koa