Rohrer: "Unterrichten zuhause ist sozialer Wahnsinn"

03. Sept 2021 · Lesedauer 3 min

Im Newsroom LIVE spricht Anchor Werner Sejka mit Journalistin und Politik-Expertin Anneliese Rohrer über die stagnierenden Impfungen, die Situation in den Schulen und prognostiziert Probleme für das demokratische System.

"Die Bundesregierung sagt, dass sie einen Plan hat, aber nicht welchen", attestiert Journalistin und Politik-Expertin Anneliese Rohrer der Politik ein schlechtes Urteil in der Corona-Politik. "Dieses Spiel hatten wir letztes Jahr, das ging aber im Herbst nicht so gut aus". Jetzt, wo die Zahlen wieder hinaufgehen, sei man ratlos. "Ich weiß nicht, warum sie immer wieder den selben Fehler wiederholen", so Rohrer. Dieses Verhalten sie nicht verantwortungsvoll. 

"Regierung rennt ein zweites Mal gegen die Wand"

Das der Impffortschritt praktisch zum Erliegen gekommen ist, sei der Kommunikation der Regierung zu verdanken. "Wenn ich Anfang des Sommers verkünde, 'es ist eh alles normal, wir haben die Pandemie erledigt und es ist eh alles wunderbar', will man natürlich später, wenn man bemerkt, dass man sich geirrt habe, nicht die politische Notbremse ziehen", so Rohrer. Die Regierung sei "Gefangene ihrer Erwartungen oder falschen Prognosen". 

Dass sich die ÖVP mit Maßnahmen zurückhält, um Wähler vor der Oberösterreichwahl nicht zu verschrecken, würde Rohrer nicht ausschließen. Sie würde aber hoffen, dass dem nicht so ist.

Auch der schleppende Impffortschritt sei auf Schwächen in der Regierungskommunikation zurückzuführen. Es sei nicht "gottgegeben, dass die Leute sich weniger impfen", das hänge mit den Aussagen der Regierung zusammen, dass alles nicht so schlimm sei. Sobald man gemerkt hatte, dass die Impfwilligkeit nachlässt, hätte man sofort mit einer Kampagne beginnen sollen. "Ein Teil der Regierung ist ja kampagnenfähig, wie man sieht, wenn es um sie selbst geht".

Kinder nicht einsperren

Dass 5.600 Schülerinnen und Schüler von den Schulen abgemeldet wurden, hat die selben Gründe wie die Impfunwilligkeit der Österreicher. "Wenn man überall liest, die Regierung hat verschlafen, die Schulen aufzurüsten, braucht man sich nicht wundern". Es sei jedoch zum Schaden der Kinder. Dass mit schärferen Regeln statt mit Nachrüstung der Schulen reagiert werde, kritisiert die Journalistin. Das Unterrichten zuhause sei sozial ein Wahnsinn, urteilt Rohrer. Es sei zwar in der besten Absicht der Eltern, um die Kinder zu schützen, die Reaktion könne aber nicht sein, sie einzusperren.

Vertrauenskrise als Demokratieproblem

Man müsse untersuchen, ob es sich bei den Schulabmeldern um Corona-Leugner oder auch um Menschen handle, die der Politik nicht vertrauen. Roher ortet eine tiefe Vertrauenskrise in allen Bereichen. Vorhersagen zu machen, die dann nicht stimmen, würde das nicht besser machen. Darum müsse sich die Regierung kümmern, denn das hätte langfristige demokratiepolitische Folgen. Würde sich daran nichts ändern, könnte es in einigen Jahren ein Demokratieproblem geben. 

Marianne LamplQuelle: Redaktion / lam