Rede von Alexander Van der Bellen im Wortlaut

03. Mai 2020 · Lesedauer 4 min

Die Rede von Bundespräsident Alexander Van der Bellen vom 3.5.2020 anlässlich der Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen im Wortlaut.

Guten Abend!
Sieben Wochen sind nun vergangen, seit Corona unsere Gemeinschaft in ihrem Kern getroffen hat. Sieben Wochen, in denen wir versucht haben, dieses Virus unter Kontrolle zu bringen, mit allem was wir haben. Die Medizin, die wir schlucken, ist bitter: Isolation, Einschränkung der persönlichen Rechte, weitgehender Stillstand unseres kulturellen Lebens und unserer Wirtschaft. Und obwohl wir weiter sehr vorsichtig bleiben müssen, so können wir doch auch vorsichtig optimistisch sein, denn die Medizin wirkt.

Liebe Österreicherinnen und Österreicher
und alle Menschen, die in Österreich leben!
Jetzt, wo die akute Bedrohung vorerst hinter uns liegt, ist es Zeit, einmal innezuhalten, einander in die Augen zu blicken und uns selber auch zuzugestehen: Das alles war und ist wirklich verdammt hart. Für jede und jeden von uns. Damit meine ich nicht nur die Einschränkungen unserer Freiheiten. Ich meine auch die vielen Ungewissheiten, mit denen wir jetzt gerade leben müssen:

Wir haben die Gewissheit unseres gewohnten Lebensalltages weitgehend aufgegeben. Wir haben keine Gewissheit, wann diese Pandemie zu Ende ist. Niemand kann genau sagen, wann es eine Impfung gibt. Wir wissen nicht genau, was der morgige Tag, die nächste Woche, der nächste Monat bringen werden.

Wie sieht unser Leben mit Corona nach den Ausgangsbeschränkungen aus? Die Aussicht auf wirtschaftlich turbulente Zeiten und hohe Arbeitslosigkeit bringt weitere Ungewissheit. Diese Ungewissheiten verunsichern uns. Das ist normal. Aber Angst, Angstbrauchen wir keine zu haben.

Denn wir haben auch Gewissheiten. Wir haben uns. Unsere Gemeinschaft, unseren Zusammenhalt. Wir haben unsere Fähigkeiten. Sie werden uns wie in der Vergangenheit auch jetzt helfen. Und daraus werden wir Zuversicht schöpfen.

Meine Damen und Herren!
Ich glaube nicht, dass es uns möglich ist, jetzt schon zu erkennen, welche Bedeutung diese Krise für unsere Gesellschaft haben wird. So wie es einem Wassertropfen nicht möglich ist, den Lauf eines Flusses zu erfassen. Man wird die Bedeutung oder sogar so etwas wie einen Sinn, wenn überhaupt, erst sehr viel später und im Rückblick erkennen können. Aber wir können durch das, was wir jetzt tun, beeinflussen, wie man uns, diese Zeit, wie man uns später sehen wird.

Ich glaube daran, dass die Generationen nach uns dies als jene Zeit sehen werden, die unsere guten Eigenschaften zum Vorschein gebracht hat. In der die Menschen in Österreich ihre eigenen Fähigkeiten und ihre Flexibilität nutzten. Wir sehen das schon jetzt jeden Tag. Im ganzen Land vertraut man wieder mehr in die eigene Kraft.

Ich glaube daran, dass man dies als die Zeit sehen wird, in der man den Wert von Solidarität, persönlicher Verbindung und Freundschaft wieder mehr zu schätzen gelernt hat. Menschen, die früher kaum von ihren Nachbarn Notiz genommen haben sind plötzlich füreinander da. Zum Einkaufen, um einander Mut zuzusprechen. Um gemeinsam zu singen und zu musizieren.

Im Rückblick wird man erkennen, dass auch Europa die Zeit genutzt hat. Nach anfänglichen Fehlern in der Union werden wir zurück zum Wert unserer politischen Gemeinschaft finden. Und einander noch stärker helfend zur Seite stehen. Wir werden einmal mehr um den Nutzen der Wissenschaft als solide Basis unserer Gesellschaft und unserer Entscheidungen wissen.

Meine Damen und Herren, im Rückblick werden wir sehen, dass dies auch die Zeit war, in der populistische Führerfiguren ihren Glanz verloren haben, weil ihre zu simplen Rezepte nicht geeignet sind für die komplexe Wirklichkeit.

Ich glaube daran, dass wir die Chance in der Krise ergreifen, die Arbeitslosigkeit überwinden und die Wende zu nachhaltiger Wirtschaft schaffen. Mit der Natur, nicht gegen sie. Für ein gesundes Klima. Im Rückblick, das wünsche ich mir, soll man sagen, dass durch diese Krise einmal mehr das Beste in uns zum Vorschein gekommen ist.

Was mich so sicher macht? Uns ist das schon früher gelungen. Nicht nur für uns, sondern für einander. So werden wir auch diesen Wiederaufbau hinbekommen.

Liebe Österreicherinnen, liebe Österreicher,
und alle Menschen die hier leben!
Ich glaube an die Wirksamkeit gemeinsamer Symbole. Eines davon, ein sehr starkes, ist unsere Bundeshymne. Der Beginn der zweiten Strophe hat es mir besonders angetan. Denn er definiert, wie wir sind, wenn es wirklich ernst wird: Und keine Angst ich werde nicht singen, nur zitieren. Ich zitiere die zweite Strophe, da heißt es: „Mutig in die neuen Zeiten, frei und gläubig sieh uns schreiten. Arbeitsfroh und hoffnungsreich.“

Meine Damen und Herren: So sind wir.
Und deshalb kriegen wir das hin.

Quelle: Agenturen / moe