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Platter mit Ehrenamt-Ambition, Kritik an Polit-Medien-Blase

23. Okt. 2022 · Lesedauer 5 min

Am kommenden Dienstag endet die politische Karriere von Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP). Er habe keine konkrete andere berufliche Aufgabe im Auge und wolle in der "Pension" vor allem ehrenamtlich tätig sein, sagte Platter im APA-Abschiedsinterview. Scharfe Kritik übte Platter an der "Verrohung" in der Politik bzw. den "verbalen Übergriffen", die auf die Bevölkerung abfärben würden, sowie an der polit-medialen "Blase" mit vorwiegend Negativberichten.

"In der politischen Diskussion vor allem auf Bundesebene, aber mittlerweile auch vermehrt in den Ländern, hat sich sehr viel verändert. Früher wurden auch hart Positionen ausgetauscht. Aber diese persönlichen Verletzungen hat es nicht gegeben, man hat sich nach einer politischen Diskussion wieder getroffen und zusammengesetzt. Es war ein anderes Miteinander. Mittlerweile ist es äußerst aggressiv geworden, vor allem auf persönlicher Ebene", erklärte der Noch-Landeshauptmann und Ex-Verteidigungs- sowie Innenminister nach einer mehr als 30-jährigen Karriere in der Politik, davon knapp 20 in der ersten Reihe. Auch das Verhältnis zwischen Politik und Bevölkerung habe sich verändert. Denn der Umgang in der Politik selbst färbe auch auf die Bevölkerung ab und habe wiederum Einfluss auf deren Umgang mit Politikern.

Kritisch sah Platter auch die Rolle vieler Medien bzw. der polit-mediale "Blase": "Man neigt dazu, vorwiegend nur das Negative zu sehen und zu melden. Das verunsichert die Menschen derart, dass sie teilweise nichts mehr davon wissen wollen, sich nichts mehr anschauen, nichts mehr lesen." Die Mediengesellschaft habe zwar die Verantwortung "klar und beinhart" darzustellen, was Sache ist, den Menschen aber auch "Zuversicht zu geben." Wo es positive Meldungen gebe, sollte man diese auch zulassen. "Diese negative Stimmungslage, die wir derzeit haben, bedrückt mich. Und sie trägt dazu bei, dass manche Menschen eine depressive Haltung entwickeln", so Platter.

Bürgermeister, Nationalratsabgeordneter, Landesrat, mehr als fünf Jahre Minister, mehr als 14 Jahre Landeshauptmann: Am kommenden Dienstag endet Platters bemerkenswerte Karriere mit der Wahl der schwarz-roten Landesregierung im Landtag. Im Juni hatte er seinen politischen Rückzug angekündigt, Wirtschaftslandesrat Anton Mattle setzte er als möglichen Nachfolger durch. Dieser ging als Spitzenkandidat in die von der ÖVP gewollte Neuwahl Ende September. Die Volkspartei verlor mehr als neun Prozentpunkte, erreichte knapp 35 Prozent, ihr historisch schlechtestes Ergebnis. "Ich übernehme für diese Entscheidung die Verantwortung. Ich würde sie heute nicht anders treffen", meinte der 68-Jährige zu seiner Rückzugs-Strategie. Hauptgrund sei gewesen, dass die anderen Parteien im Frühsommer schon den Wahlkampf begonnen hätten. Angesichts der europaweiten Großwetterlage mit der Abwahl vieler Regierungsparteien und null bundespolitischem Rückenwind habe die Tiroler ÖVP ein "beachtliches Ergebnis" eingefahren, so Platter, der zudem daran erinnerte, dass die Volkspartei doppelt so viele Mandate errungen hatte wie der Zweitplatzierte. Mattle werde ganz sicher kein "Übergangslandeshauptmann" sein, im Gegenteil: Bei der nächsten Wahl in fünf Jahren habe dieser "alle Chancen, dazuzugewinnen". Zu aktuellen politischen Themen und Entwicklungen, speziell auf Bundesebene, etwa jenen rund um die ÖVP, wollte Platter unter Verweis auf das unmittelbar bevorstehende Ende seiner politischen Zeit nicht mehr Stellung nehmen.

Was bleibt vom Politiker, vom Landeshauptmann Günther Platter? "Ich glaube, dass viele Menschen sagen werden, der Platter hat eine solide Politik gemacht für die Menschen und auf die nächsten Generationen geschaut, vor allem mit einer soliden Finanzpolitik. Und dass er auf Land und Leute geschaut sowie den sozialen Frieden im Auge gehabt hat. Bei ihm hat man gewusst, woran man ist". Einiges sei auch nicht erreicht worden: "Ich wollte erreichen, dass wir in der Transitfrage besser dastehen. Das ist nicht gelungen. Obwohl wir alles unternommen haben, was EU-rechtlich möglich ist. Es gab von unseren Nachbarn massiven Widerstand. Nun beginnt aber auch in Bayern ein Umdenken." Auch beim Leistbaren Wohnen hätte er - obwohl "einige Eckpfeiler" eingeschlagen worden seien - "gern mehr erreicht", dass vor allem junge Menschen bessere Möglichkeiten haben, Eigentum zu erwerben.

Auf einige bewegende Momente könne er jedenfalls zurückblicken wie etwa auf den Wahltriumph 2018 mit über 44 Prozent oder auch auf die Verkündung seines Abschieds. In negativer Hinsicht unvergessen bleibe jener 15. März 2020, an dem er aufgrund der Corona-Lage den Tirolerinnen und Tiroler gegenüber habe erklären müssen: "Bleibts dahoam".

Am Ende seines politischen Weges empfinde er "Dankbarkeit und Freude". "Es ist keine Selbstverständlichkeit, mehr oder weniger alle Ämter in der Politik inne gehabt zu haben. Ich habe mich bemüht, ich bilde mir ein, fleißig gewesen zu sein. Es gab auch immer gute Wahlergebnisse", resümierte Platter. Wehmut verspüre er nicht, in ein schwarzes Loch werde er nicht fallen. Er habe schließlich den Abschied selbst gewählt - "auch keine Selbstverständlichkeit". Es sei aber auch an der Zeit, denn: "Die Jahresringe sind da, die Geburtsurkunde war keine Fälschung". Jeder Mensch habe einen Beruf und beendet irgendwann einmal die berufliche Tätigkeit. Ganz sicher werde er kein Kommentator des politischen Tagesgeschehens: "Ich will mich nicht unbedingt unsympathisch machen und alles kommentieren". Und weiter: "Ein Anruf dahingehend seitens der APA wäre nicht sehr ergiebig", lachte Platter.

"Es wird ein ganz neues Lebensgefühl sein. Aber ich habe durchaus viele Hobbys, ich weiß mit meiner Freizeit etwas anzufangen. Bergsteigen zum Beispiel. Die Natur genießen", meinte der im Oberländer Zams lebende, verheirate Vater zweier erwachsener Söhne und mittlerweile "Opa". Es gehe jetzt darum, "Ruhe zu finden" und eine gewisse Distanz zur Politik zu entwickeln. Auch wenn man sich nie komplett festlegen sollte, strebe er vor allem ehrenamtliche Tätigkeiten an. Soziale Anliegen seien ihm wichtig. "Ich bin zum Beispiel Präsident des Tiroler Blasmusikverbandes und der Trachtler. Das ist authentisch. Das passt zu mir", so der leidenschaftliche Musiker Platter.

Quelle: Agenturen