Pflege - Hilfswerk forderte bessere Prävention für Ältere
Hilfswerk-Präsident Othmar Karas betonte bei einer Pressekonferenz in Wien, die oftmals hervorgekehrten Schlagworte Eigenverantwortung und Prävention seien "im Grunde nicht falsch", es brauche beides. Allerdings werde sich die Hoffnung, dadurch den Pflegeaufwand zu reduzieren, nicht erfüllen, solange in Österreich Prävention "oberflächlich diskutiert wird" und solange "völlig verfehlte Maßnahmen" gesetzt werden. "Wenn Prävention politisch falsch verstanden wird, wird sie nicht zur Lösung, sondern ist Teil des Problems - eine milliardenschwere Stolperfalle".
Laut Hilfswerk ereignen sich in Österreich jährlich hochgerechnet zwischen 800.000 und einer Million Stürze bei Personen über 65 Jahren. Ein Viertel davon sei medizinisch behandlungsbedürftig, so Anselm. Besonders schwerwiegend seien Hüftfrakturen, im Jahr 2024 hätten diese in 9.800 Fällen zu Krankenhausaufenthalten geführt.
Viele Stürze wären vermeidbar, betonte das Hilfswerk. Anselm verwies darauf, dass in Österreich kaum belastbare Daten erhoben werden. Internationale Beispiele, etwa aus Schweden, würden aufzeigen, dass sturzbedingte Verletzungen Kosten in Milliardenhöhe verursachen. Legt man dies auf Österreich um, so wären das rund 1,7 Milliarden Euro pro Jahr, sagte Anselm. Mangelnde Nachsorge und fehlende Therapiepläne würden sogenannte "Drehtüreffekte" (wiederholte Krankenhausentlassung und -aufnahme) erzeugen, ebenso bleibende Schäden und damit oft auch dauernden Pflegebedarf.
Karas: Prävention "neu denken"
Wenn Prävention wirklich helfen soll, den Pflegebedarf zu dämpfen, "dann müssen wir Prävention breiter umfassender und - ich möchte fast sagen - neu denken", so Karas. Anselm verwies darauf, dass in der politischen Diskussion meist von der Primärprävention die Rede sei, also dem Erhalt der Gesundheit durch einen entsprechenden Lebensstil. Man müsse aber auch die Sekundär- und Tertiärprävention in den Blick nehmen. Hierbei gehe es um die Früherkennung von Erkrankungen und die gezielte Behandlung, um deren Fortschreiten zu verhindern. Tertiärprävention ziele auf die bestmögliche Wiederherstellung der Gesundheit ab, auf die Vermeidung von nicht notwendigen Krankheitsverschlechterungen oder auf die Verzögerung von Folgeschäden einer bereits eingetretenen Erkrankung, beispielsweise durch Rehabilitation.
Rehabilitation dürfte dabei nicht vorrangig als Nachsorge verstanden werden, sondern als Prävention, erklärte dazu auch Regina Roller-Wirnsberger, Professorin für Geriatrie an der Medizinischen Universität Graz. Geriatrische Prävention müsse darauf abzielen, Funktion, Selbstständigkeit und Teilhabe zu erhalten - "trotz Multimorbidität".
6-Punkte-Programm als Vorschlag
Das Hilfswerk hat daher einen 6-Punkte-Forderungskatalog erstellt. Erstens müsste zu Krankheits- und Unfallursachen eine bessere Datengrundlage geschaffen werden, erklärte Karas. In Schweden werde beispielsweise ein einheitliches "Sturzregister" geführt, um zu verstehen, warum Menschen stürzen und wie man dies verhindern kann.
Punkt zwei betreffe den Grundsatz "Rehabilitation vor Pflege": Maßnahmen zur Rehabilitation würden in Österreich häufig nicht oder zu spät gesetzt, so der Präsident. Und pflegebedürftige Menschen hätten oft gar keinen Zugang zu Rehabilitation, gefordert sei daher der Ausbau geriatrischer Rehabilitation. Drittens brauche es Bewegung und Therapie "auf Rezept". "Wir investieren viel zu viel und viel zu spät in Reparatur", sagte Karas, es müssten vielmehr rechtzeitig niederschwellige Maßnahmen gesetzt werden.
Als vierten Punkt nannte der langjährige ÖVP-Politiker die bessere Koordinierung von Behandlungen. Viele ältere Menschen hätten mehrere Krankheiten gleichzeitig und würden von verschiedenen Ärzten betreut. Es brauche daher besser abgestimmte Therapiepläne und Therapiepfade sowie die regelmäßige Überprüfung der Medikamentation. Die Punkte fünf und sechs betreffen das Schließen von Nachsorgelücken nach dem Krankenhausaufenthalt und die Sturzprävention in den eigenen vier Wänden. Für Letzteres schlägt das Hilfswerk eine gezielte Förderung von Wohnraumadaption vor sowie Beratung zur Beseitigung von Sturzrisiken und zur Schaffung von bestmöglicher Barrierefreiheit.
Bundespolitik gefordert
"Alle sechs Forderungen richten sich an die politisch Verantwortlichen", sagte Karas, der auch auf den Zusammenhang zwischen Sozialversicherungsträgern und Politik verwies. "Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern", sagte er. Anselm betonte, es seien Bund und Länder gefordert, ebenso die Sozialversicherungsträger, "vielleicht auch die Statistik Austria". Es gehe aber darum, "dass man das zentral in die Hand nimmt". Die Frage sei, welche Daten man generieren will.
"Wenn ich ganz ehrlich sein darf, sehe ich schon das Ministerium (von Sozialministerin Korinna Schumann, Anm.) sehr stark in der Verantwortung", sagte sie. Dieses werde das Problem nicht alleine lösen können, weil es in Österreich eine dezentrale Steuerung im Gesundheits- und Pflegesystem gebe. "Aber anstoßen muss das die Bundesebene." Auch verwies Anselm auf den aktuellen Gesundheitsreformprozess und die "Reformpartnerschaft" zwischen Bund und Ländern. Die oben genannten Fragen würde sie "gerne in diesen Reformkreisen behandelt sehen".
Auch ÖGB sieht Handlungsbedarf
Auch der Gewerkschaftsbund (ÖGB) sah am Montag Handlungsbedarf. "Eine Pflegepolitik, die vor allem auf Defizite und Einschränkungen blickt, greift zu kurz. Wir brauchen endlich einen Kurswechsel: Weg von der reinen Verwaltung von Pflegebedürftigkeit, hin zu einer Politik, die Gesundheit schützt, Prävention stärkt und die Fähigkeiten der Menschen fördert", erklärte ÖGB-Pflegeexpertin Martina Lackner als Reaktion in einer Aussendung. Es sei im Interesse jedes Einzelnen, aber auch gesellschaftlich und finanziell vernünftig, alles dafür zu tun, "dass Menschen länger gesund bleiben und später pflegebedürftig werden".
Zusammenfassung
- Das Hilfswerk fordert von der Politik mehr und bessere Prävention für ältere Menschen, insbesondere bei Sturzprävention und Nachsorge.
- In Österreich ereignen sich laut Hilfswerk jährlich zwischen 800.000 und einer Million Stürze bei Personen über 65 Jahren, wovon etwa ein Viertel medizinisch behandelt werden muss.
- Die Kosten für sturzbedingte Verletzungen werden auf rund 1,7 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt, wobei mangelnde Nachsorge oft zu dauerhaftem Pflegebedarf führt.
- Das Hilfswerk schlägt ein 6-Punkte-Programm vor, darunter bessere Datenerhebung, Ausbau der geriatrischen Rehabilitation und gezielte Wohnraumanpassungen zur Sturzprävention.
- Auch der ÖGB fordert einen Kurswechsel in der Pflegepolitik, hin zu mehr Prävention und Förderung der Gesundheit älterer Menschen.
