APA - Austria Presse Agentur

Paris sagte Treffen mit London zu Ärmelkanal-Flüchtlingen ab

26. Nov 2021 · Lesedauer 3 min

Im Streit um die politische Verantwortung für das Flüchtlingsdrama mit 27 Toten im Ärmelkanal hat der französische Innenminister Gérald Darmanin ein Treffen mit seiner britischen Amtskollegin Priti Patel abgesagt. In einer Nachricht an Patel begründete er die Absage mit einem Brief, in dem der britische Premierminister Boris Johnson den französischen Präsidenten Emmanuel Macron zur Rücknahme von Migranten aufforderte.

Darmanin schrieb in seiner Mitteilung, dass der Brief an sich zwar eine "Enttäuschung" sei - die Tatsache, dass Johnson diesen Brief auch noch öffentlich gemacht habe, sei aber noch "schlimmer". Stattdessen sollen sich die zuständigen Minister von Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Deutschland am Sonntag gemeinsam mit Vertretern der EU-Kommission im nordfranzösischen Calais nun ohne britische Beteiligung treffen, wie AFP aus Kreisen des französischen Innenministeriums erfuhr.

Macron kritisierte bei seinem Besuch in Rom am Freitag seinerseits Großbritannien. "Man kommuniziert nicht mit Tweets oder Briefen von einer Seite zur anderen", so der Präsident auf einer Pressekonferenz mit Italiens Premier Mario Draghi. "Was im Ärmelkanal geschieht, ist zu ernst, um nicht als ernste Angelegenheit behandelt zu werden. Ich bin überrascht von den Methoden der britischen Regierung."

In seinem Schreiben vom Donnerstagabend hatte Johnson Macron mitgeteilt, die Rücknahme von Migranten "würde die Überfahrten erheblich reduzieren - wenn nicht gar stoppen - und tausende Menschenleben retten, indem sie das Geschäftsmodell der kriminellen Banden, die hinter dem Menschenhandel stehen, grundlegend stören".

Johnson schlug eine stärkere Zusammenarbeit mit Frankreich vor, etwa durch gemeinsame Grenzpatrouillen, Luftüberwachung und den Austausch von Informationen. "Wir sind bereit, ab Anfang nächster Woche mit solchen Patrouillen zu beginnen", schrieb Johnson in dem Brief, den er auf Twitter veröffentlichte.

Auch Frankreichs Regierungssprecher übte herbe Kritik an London. "Das Schreiben ist unverschämt, denn es zeigt keinerlei Respekt für die Arbeit, die wir bisher geleistet haben", sagte Gabriel Attal am Freitag dem Sender BFMTV. Attal verwies darauf, dass Frankreich bereits 7.800 Migranten aus Seenot gerettet habe. "Der Vorschlag einer Rückführung ist wirklich keine Lösung, um dieses Problem zu regeln", betonte Attal. "Man fragt sich, ob Boris Johnson es nicht bereut, die EU verlassen zu haben, denn immer, wenn es ein Problem gibt, erwartet er, dass die EU sich kümmert", sagte der Regierungssprecher.

Zuvor hatte die britische Innenministerin Patel mit ihrem französischen Amtskollegen Darmanin gesprochen, um Pläne für eine stärkere "Zusammenarbeit und Innovation" vorzustellen, wie es in einer Erklärung hieß. Die beiden sollten sich demnach am kommenden Wochenende treffen. Patel wollte zudem Beamte nach Paris schicken, nachdem sie angeboten hatte, mehr Personal vor Ort für den Kampf gegen Schmuggler zu stellen.

Bei dem Unglück mit dem Flüchtlingsboot im Ärmelkanal waren am Mittwoch mindestens 27 Menschen ums Leben gekommen, darunter sieben Frauen und drei junge Menschen. Zwei Männer überlebten. Die Gruppe war aus Dünkirchen mit einem Schlauchboot losgefahren, aus dem die Luft entwich.

Bereits kurz nach dem Bootsunglück am Mittwoch waren die Spannungen zwischen Frankreich und Großbritannien in der Migrationsfrage wieder hochgekocht. Johnson wirft Frankreich schon lange vor, nicht genug gegen die stark ansteigende Zahl an Flüchtlingen zu tun, die in einfachen Booten nach England übersetzen. Durch den Austritt Großbritanniens aus der EU ist es für die britischen Behörden zudem schwieriger geworden, die Ankömmlinge in EU-Länder zurückzubringen.

Quelle: Agenturen