APA - Austria Presse Agentur

Österreicher erlebte 1961 in der DDR den Berliner Mauerbau

11. Aug 2021 · Lesedauer 4 min

"Die Entwicklung ist so, dass das Land entvölkert wird. In der Landwirtschaft braucht man kaum mehr Leute", sagt Franz Hofer über die Entwicklung der vergangen Jahrzehnte im Osten Deutschlands, kurz bevor er zu einer Reise nach Sachsen aufbricht. Vor genau 60 Jahren hat er in der damaligen DDR (Deutsche Demokratische Republik) ein Praktikum gemacht. Just in den Tagen des Baus der Berliner Mauer. Zum Jahrestag will er die Orte von damals wieder besuchen.

An den 13. August 1961 kann sich der pensionierte Agrarjournalist aus Oberösterreich noch genau erinnern: 25 Jahre war er damals alt. Es war ein Sonntag, er hatte von seinem Betrieb, einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) frei bekommen und fuhr mit dem Zug nach Leipzig. Dort wurde über öffentliche Lautsprecher in den Straßen Marschmusik gespielt, unterbrochen von Meldungen, warum gerade in Berlin mit der Errichtung einer Mauer begonnen werde. "Weil angeblich so viele westliche Saboteure ins Land kommen", erinnert sich der mittlerweile 85 Jahre alte Hofer.

Als er wieder zur LPG zurückkehrte, war die Stimmung gedrückt. Die Kollegen der Traktoristenbrigade, wo er eingesetzt war, hatten sich anfangs ihm gegenüber zurückhaltend gezeigt, weil sie vermuteten, er sei von der österreichischen Kommunistischen Partei entsandt worden. Allerdings fassten sie mit der Zeit Vertrauen, und einer sagte zu ihm: "Mensch, Franz, wenn ich das gewusst hätte, wäre ich gestern noch abgehauen."

Ein Transparent über dem Stand der DDR auf der Welser Landwirtschaftsmesse hatte in dem jungen Studenten der Landwirtschaftsschule Wieselburg den exotischen Entschluss reifen lassen, um ein Praktikum in der DDR anzusuchen. "Wo die Bauern Millionäre sind", stand darauf zu lesen. Prompt erhielt er einen Platz für die Sommerferien in einer sächsischen LPG, in Oberwiera.

Heute steht an der Fassade der langgestreckten Bauten in großen Lettern "Agrargenossenschaft Oberwiera" geschrieben. "Damals war das eine LPG, die ein Aushängeschild war", erzählt Hofer. "Ich habe schnell bemerkt, dass alle Genossenschaften rundherum nicht in diesem Leistungszustand waren wie diese hier."

1.740 Hektar groß war der Betrieb, später kam noch ein mächtiger Stall mit 400 Kühen dazu. Höchstens 1.200 Hektar sind es heute noch, denn so genannte "Wiedereinrichter", die nach der Wende Eigentumsrechte anmelden konnten, bekamen ihren Anteil wieder zurück. "120 Mitarbeiter gab es damals auf der LPG. Heute arbeiten höchstens 20 Leute in der Agrargenossenschaft", sagt Hofer. "Die LPG war damals der Mittelpunkt, da war alles beisammen", erinnert er sich. Jede LPG habe ihre eigenen Gewerbeeinrichtungen, sogar eine Bauabteilung, gehabt.

Es gab noch einen weiteren großen Unterschied zu heute: Die Arbeitskräfte waren nicht rund um die Uhr einsetzbar. Nur zur Erntezeit wurde auch am Sonntag gearbeitet. "Es hat im Prinzip einen Acht-Stunden-Tag gegeben, der allerdings variiert worden ist." Das Ende des freien Bauerntums in der DDR lag in Hofers Praktikumsmonaten im Sommer 1961 noch nicht lange zurück. Die Kollektivierung hatte neun Jahre zuvor mit der Gründung der ersten LPGs begonnen und war erst 1960 abgeschlossen worden. Einige ehemalige Bauern waren mit Begeisterung dabei, doch der überwiegende Teil der Zwangs-Genossenschafter hatte sich in sein Schicksal gefügt.

Hofer vermutet, wohl der einzige westliche Landwirtschaftspraktikant in der DDR gewesen zu sein. Regelmäßig besucht er seit der Wende die ehemaligen Kollegen und Kolleginnen von damals und bringt Schnaps aus seiner Heimat als Gastgeschenk mit. Seine Erfahrung der vergangenen 30 Jahre: "Fast alle Betriebe sind größer geworden. Teilweise sind die Landwirte branchenfremd, haben eingeheiratet. Da geht sicher einiges schief."

Es könnte auch Spekulation mit im Spiel sein, vermutet Hofer: Boden sei etwas, das nur teurer werden könne, und als Sicherheit für die Banken von hoher Bedeutung. Mit Landwirtschaft im eigentlichen Sinn hat das mitunter nicht mehr viel zu tun. Hofers Resümee: "Aufpachten um jeden Preis und so lange außerlandwirtschaftlicher Zuerwerb dies ermöglicht - das Kolchose-System feiert, bei westlicher Besitzsicherheit, fast fröhlich ́ Urständ. Doch nur für Wenige."

Quelle: Agenturen