Nordkorea schießt Raketen abAPA/AFP/KCNA VIA KNS/STR

Nordkorea: Tests mit atomwaffenfähigen Raketen

02. Nov. 2022 · Lesedauer 5 min

Bei neuen Raketentests hat Nordkorea nach Angaben Südkoreas und Japans auch eine mutmaßliche atomwaffenfähige Rakete mit Tausenden Kilometern Reichweite abgefeuert.

Nordkorea habe am Donnerstag auf den Tag verteilt sechs ballistische Raketen in Richtung offenes Meer abgeschossen, von denen die erste offenbar eine Interkontinentalrakete (ICBM) gewesen sei, teilte der südkoreanische Generalstab mit. Die ICBM könnte bei dem Test abgestürzt sein.

Nun soll sich der UN-Sicherheitsrat am Freitag in einer Dringlichkeitssitzung mit der Lage auf der koreanischen Halbinsel befassen. Die USA, Frankreich, Großbritannien, Irland, Norwegen und Albanien beantragten am Donnerstag ein Treffen des mächtigsten UN-Gremiums, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Diplomatenkreisen erfuhr. Die genaue Uhrzeit blieb zunächst unklar.

Vierte Rakete abgefeuert

Wie japanische Medien am späten Abend (Ortszeit) unter Berufung auf das südkoreanische Militär und die Regierung in Tokio berichteten, sei auch diese vierte Rakete in Richtung Japanisches Meer geschossen worden. Es handle sich vermutlich erneut um eine ballistische Rakete.

Der Generalstab bestätigte zunächst nicht Berichte südkoreanischer Medien, wonach es nach der Startphase zu Problemen kam und der Test letztlich fehlschlug. Die Regierung in Tokio bestätigte allerdings nach anfänglicher Verwirrung wegen der Flugroute, dass die Rakete über dem Japan-Meer vom Radar verschwand. Verteidigungsminister Yasukazu Hamada erklärte, die potenzielle Flugbahn hätte die Rakete über Japan hinwegfliegen lassen können. Warum sie vom Radar verschwunden sei, werde noch untersucht.

Unklarheit bei Bestimmung des Raketentyps

Unklarheit gab es in Südkorea zunächst auch bei der Bestimmung des Raketentyps. Nach erster Einschätzung des Büros für nationale Sicherheit des Präsidialamts könnte es sich auch um eine sogenannte Mittelstreckenrakete größerer Reichweite (IRMB) handeln, berichtete der Sender KBS. Laut dem Militär flog die Rakete nach dem Start in der Region um Pjöngjang in einer Höhe von bis zu 1.920 Kilometern etwa 760 Kilometer weit.

Beide Typen sind Trägermittel für atomare Gefechtsköpfe, deren Erprobung der selbsterklärten Atommacht Nordkorea durch UN-Resolutionen untersagt ist. Zu ICBM zählen dabei Raketen mit einer Reichweite von mindestens 5500 Kilometern.

Luftschutzsirenen läuteten

Südkoreas Armee vermutete, dass die erste Rakete gegen 7.40 Uhr Ortszeit (23.40 Uhr MEZ) aus dem Bezirk Sunan der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang abgefeuert wurde. Die zwei später abgefeuerten Geschosse seien mutmaßlich gegen 8.39 Uhr Ortszeit aus der Stadt Kaechon gestartet. Die südkoreanische Armee verbleibe "in voller Bereitschaft", arbeite "eng mit den USA zusammen" und verstärke "Überwachung und Wachsamkeit".

Lokalmedien zufolge ertönten auf der südkoreanischen Insel Ulleungdo am Donnerstag wie bereits am Vortag Luftschutzsirenen. Auch im Norden Japans wurde dem japanischen Verteidigungsministerium zufolge die Bevölkerung gewarnt.

50 nordkoreanische Raketentests dieses Jahr

Durch den jüngsten Test verschärft sich die Eskalationsspirale auf der koreanischen Halbinsel. Während Nordkorea unablässig Raketentests ausführt, nahmen Südkorea und die USA in diesem Jahr ihre gemeinsamen Militärmanöver wieder in vollem Umfang auf. Seit Beginn des Jahres gab es bereits mehr als 50 nordkoreanische Raketentests - allein am Mittwoch erfasste Südkoreas Militär mehr als 20 Raketentests durch den Nachbarn. Als Folge unternahm Südkorea eigene Waffentests.

Diesmal reagierten die verbündeten Streitkräfte Südkoreas und der USA mit der Ankündigung, ihre laufenden Luftwaffenübungen "Vigilant Storm" zu verlängern, die eigentlich am Freitag enden sollten. Details würden später genannt, teilte Südkoreas Militär mit. Die Entscheidung sei "in Verbindung mit den jüngsten Provokationen durch Nordkorea" getroffen worden.

USA: "Eindeutige Verletzung der Resolutionen"

Die USA forderten die Weltgemeinschaft zur Durchsetzung von Sanktionen gegen die Regierung in Pjöngjang auf. Es sei wichtig, dass "alle Staaten die auf Nordkorea bezogenen Sanktionen des UN-Sicherheitsrats umsetzen", die derartige "destabilisierenden Raketentests" unterbinden sollten, sagte der Sprecher des US-Außenministeriums, Ned Price. China und Russland hatten zuletzt im Mai weitergehende Sanktionen gegen Nordkorea im Sicherheitsrat verhindert.

Price erklärte, die Raketenstarts seien eine "eindeutige Verletzung" der Resolutionen des UN-Sicherheitsrats, die den Abschuss von Interkontinentalraketen verbieten. Sie zeigten, dass Nordkorea eine Bedrohung für "seine Nachbarn, die Region, den internationalen Frieden und die Sicherheit sowie die globalen Regeln für Rüstungskontrolle" sei. Japans Ministerpräsident Fumio Kishida kritisierte Nordkoreas Raketentests "als barbarisches Verhalten und total inakzeptabel".

Raketentests in Richtung Japan

Neben der mutmaßlichen ICBM feuerte Nordkorea den Angaben zufolge auch zwei Kurzstreckenraketen in Richtung Japanisches Meer ab. Das Militär ging nach Berichten südkoreanischer Sender davon aus, dass diesmal die größte nordkoreanische ICBM vom Typ Hwasong-17 getestet werden sollte, die auch US-Festland erreichen könnte.

Nordkorea treibt seit Jahren die Entwicklung von atomwaffenfähigen Raketen voran. Die Entwicklung strategischer Raketen mit großen Reichweiten richtet sich dabei besonders gegen die USA, denen Pjöngjang eine feindselige Politik vorwirft. Die jüngsten Raketentests wurden in Seoul auch als Reaktion auf die Luftwaffenübungen in Südkorea gesehen. Doch dient der Großteil der Tests laut Fachleuten in erster Linie dazu, die Einsatzfähigkeit der Raketen zu verbessern.

Pjöngjang will Atommacht werden

Das Ziel Pjöngjangs ist es, eine vollwertige Atommacht zu sein und von den USA als solche anerkannt zu werden. Die USA und Japan kamen schon 2017 zu der Erkenntnis, dass Nordkorea in der Lage ist, seine Raketen mit Miniatur-Atomsprengköpfen zu bestücken. Damals hatte Nordkorea auch seinen bisher letzten und größten von sechs Atomwaffentest unternommen.

Kein Zweifel besteht in Washington und Seoul, dass Nordkorea kurz davor ist, einen neuen Atomtest zu unternehmen. In Südkorea wird nicht ausgeschlossen, der Test könne noch vor oder kurz nach den Zwischenwahlen in den USA in der nächsten Woche erfolgen. Die Menschen in der Region befürchten deshalb, die Lage könnte sich so zuspitzen wie vor fünf Jahren, als sie Angst vor einem neuen bewaffneten Konflikt auf der koreanischen Halbinsel spürten.

Quelle: Agenturen / Redaktion / poz