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NÖ: Deutschpflicht in Schulpausen? Lehrer gegen "Zwang"

Das schwarz-blaue Bündnis in Niederösterreich will Deutsch in den Schulpausen "forcieren". Die Sprachwissenschaft zeigt hingegen, dass gerade die Pflege der Muttersprache Kindern mit Migrationshintergrund beim Lernen von Deutsch hilft.

Die schwarz-blaue Koalition in Niederösterreich will Deutsch als Sprache in den Schulpausen durchsetzen. Dieses Vorhaben gab es bereits in Oberösterreich, als dort im Jahr 2015 ebenfalls ÖVP und FPÖ zusammenfanden. Im Jahr 2016 erklärte der Verfassungsdienst im Bundeskanzleramt aber, dass eine Deutschpflicht in Pausen rechtlich nicht möglich ist.

Schwarz-Blau in Niederösterreich nimmt nun einen neuen Anlauf. Man wolle die Verwendung der deutschen Sprache auch in Pausen und in den Schulhöfen "forcieren", wie es im schwarz-blauen Pakt heißt. Gelingen soll dies über die "Aufnahme in die schulautonom zu beschließenden Hausordnungen".

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Lehrer wollen "nicht Polizei spielen"

Lehrerinnen und Lehrer halten nichts von diesem Plan. "Abgesehen davon, dass keine einzige Studie meines Wissens die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme bestätigt, passt dieser Zwang aus meiner Sicht nicht zur Schulautonomie und auch nicht zur Kultur, die an unseren Schulen gepflegt wird", sagte Isabella Zins, Sprecherin der AHS-Direktor:innen Österreichs, zu Ö1.

Zins, die selbst in Mistelbach im Weinviertel Schuldirektorin ist, erklärte: "Es wäre ganz schlecht für die Beziehung zwischen Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern, dass man sozusagen Polizei spielen und sagen muss: 'Bitte, sprich jetzt Deutsch!' Wir müssen auch an die ukrainischen Kinder, die da sind, denken. Man müsste dann, wenn man es überspitzt sagt, auch fragen: Sind Dialekte erlaubt? Wenn man bedenkt, wie lange oder kurz Pausen sind, sollten diese Pausen nicht durch einen Zwang von außen belastet werden."

Die Schulpausen seien zum Durchatmen da, um wieder konzentriert am Unterricht teilnehmen zu können, sagte die AHS-Direktor:innen-Sprecherin. Aus Sicht der Pädagogin ist der Plan von Schwarz-Blau in Niederösterreich auch nicht durchführbar. Zins: "Das ist vielleicht eine Schlagzeile oder eine Überschrift in einem Regierungspapier, aber nicht umsetzbar."

Zins: Muttersprache hilft beim Deutschlernen

"Wir leben in einem Land, in dem viele Sprachen gepflegt werden. Wenn die Kinder im gemeinsamen Spiel mehrere Sprachen verwenden, sehe ich das eher als Bereicherung nicht als Nachteil", betonte Zins. Es sei klar, dass es ein wichtiges Gut ist, Deutsch zu lernen, aber eben dafür sei es wichtig, "auch die Muttersprache zu pflegen", erinnerte Zins. Das sei durch viele Studien belegt.

Warum die Pflege der Muttersprache für Kinder mit Migrationshintergrund auch beim Erlernen von Deutsch wichtig ist, erläuterte der deutsch-österreichische Sprachlernforscher Hans-Jürgen Krumm einmal in einem Interview. In der Muttersprache fühle man sich "zuhause" und sicher, das gelte gerade für Kinder, sagte Krumm im April 2017 auf Ö1. Unter Druck und Zwang lerne man eine neue Sprache hingegen schlechter. Dass der Welser Bürgermeiter Andreas Rabl (FPÖ) damals das Auswendiglernen von deutschen Gedichten und Liedern durchsetzen wollte, hielt Krumm für einen "pädagogisch-psychologischen Unsinn".

ribbon Zusammenfassung
  • Das schwarz-blaue Bündnis in Niederösterreich will Deutsch in den Schulpausen "forcieren".
  • Die Sprachwissenschaft zeigt hingegen, dass gerade die Pflege der Muttersprache Kindern mit Migrationshintergrund beim Lernen von Deutsch hilft.