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Nehammer trifft Putin: Affront, "Falle" oder "historischer Moment"?

10. Apr. 2022 · Lesedauer 4 min

Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) trifft am Montag den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Moskau. Die Reaktionen.

"Es sieht aus wie eine PR-Show von Nehammer", zitiert die "Bild" einen nicht genannten EU-Diplomaten. "Was für eine Selbstüberschätzung des österreichischen Kanzlers, dass er ernsthaft glaubt, eine Reise zum jetzigen Zeitpunkt hätte irgend einen Sinn, nachdem Putin gezeigt hat, was für ein brutaler Kriegsverbrecher er ist", sagt dem deutschen Boulevardblatt ein ukrainischer Diplomat.

Es sind die ersten Reaktionen auf die Ankündigung von Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP), dass er am Montag den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Moskau treffen wird - PULS 24 berichtet ab 9 Uhr live in einer Sondersendung. Nehammer selbst ging von Kritik aus, wie er im vorhinein wissen ließ.

Aber nicht nur im Ausland, auch im Inland gibt es verhalten bis offen kritische Worte. Beate Meinl-Reisinger reagierte via Aussendung. Der Besuch dürfe nicht dazu führen, dass Österreich den gemeinsamen europäischen Weg verlässt. "Putin ist ganz klar der Aggressor in diesem Krieg. In dieser Frage kann es keine Neutralität geben." Für Meinl-Reisinger "besteht die Sorge, dass das Treffen Putin letztlich mehr nutzt als der Ukraine. Schließlich kam es schon vor, dass sich Österreichs Politiker vor den russischen Propaganda-Karren spannen ließen".

Im gleichen Atemzug kritisiert Meinl-Reisinger den Beitrag zu den EU-Sanktionen: "Was hat Österreich hier bereits getan? Ist überhaupt schon Vermögen von russischen Oligarchen eingefroren worden? Gerade, wenn Kanzler Nehammer nach Russland zu Präsident Putin fährt, müssen diese Fragen endlich beantwortet werden."

"Historischer Moment" oder "Falle"?

Die heimischen Medien waren vorbereitet. Kaum verkündete Nehammer das Treffen, wurden bereits die ersten Leitartikel und Kommentare publiziert. Für die "Krone" kann die Reise nach Russland "als Überraschung bewertet werden - und auch wieder nicht", heißt es darin.

Die österreichisch-russische Freundschaft sie seit Kriegs-Beginn "ein zentraler Kritikpunkt. Jetzt könnte die sehr spezielle Nähe führender österreichischer (Ex-)Politiker zu Moskau zur Eintrittskarte in das Reich des Bösen werden. Wobei das Risiko groß ist, dass die Aktion nicht zum Coup, sondern zur Falle werden könnte."

Für den "Kurier" ist es "ein historischer Moment, dass Österreich in diese Vermittlerrolle gelangt oder vielleicht auch gedrängt worden ist". Das relativiere "die Neutralitätsdebatte im eigenen Land" und "wir sind plötzlich wieder mittendrin statt nur dabei".

Propaganda-Erfolg für Putin

Gerade in und von der "Bild" wird nicht mit Kritik gespart - die Boulevardzeitung berichtete bereits vor der offiziellen Bestätigung vom geplanten Treffen. Der stellvertretende Chefredakteur Paul Ronzheimer sieht ebenfalls eine Propaganda-Erfolg für Putin kommen.

Er twitterte: "Jemand, der seit 5 Monaten Kanzler ist, will Putin vom Frieden überzeugen, nicht am Telefon, unbedingt Besuch in Moskau, den alle Propaganda-Sender in Russland als großen Putin-Erfolg verkaufen werden im Sinne von: Schaut her, ein EU-Regierungschef besucht uns wieder!"

Oliver Das Gupta, Journalist für den "Spiegel" und "Standard", sieht den Antrieb des Kanzlers als nicht so wichtig an, besonders, da dadruch die Lage in der Ukraine eher nicht verschlimmert werden wird. "Vielleicht hilft seine Visite, einer Waffenruhe in der #Ukraine näher zu kommen - verschlimmern wird Nehammer die Lage durch seine Reise eher nicht.

"Falter"-Chefredakteur Florian Klenk meint, "dass Nehammer morgen bei Putin auch nur irgendwas bewegt liegt bei 0.001 Prozent. Aber angesichts des Mordens ist es das Wert. Mehr als Blamieren kann sich Nehammer nicht. Das kann das neutrale Österreich aushalten. Einen Kneisslknicks wird er ja nicht machen".

 

Auch Osteuropa- und Russland-Experte Gerhard Mangott sieht eher die Gefahr, dass das Treffen der Putin-Propaganda in die Hände spielt. "Das gibt für Putin gloriose Fernsehbilder, wie ein westlicher Regierungschef ihm die Aufwartung mach", twitterte er am Sonntagabend

Hinweis: PULS 24 berichtet am Montag in einer Sondersendung vom Treffen zwischen Nehammer und Putin ab 9 Uhr live.

Quelle: Redaktion / moe