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"Nawalny"-Regisseur glaubt an Zusammenbruch von Putin-Regime

03. Mai 2022 · Lesedauer 4 min

Im Wiener Filmcasino hat am Dienstagabend der Dokumentarfilm "Nawalny" über den gleichnamigen russischen Oppositionsführer seine Österreich-Premiere gefeiert. Der kanadische Regisseur Daniel Roher hatte es sich nicht nehmen lassen, kurzfristig anzureisen, sei die österreichische Hauptstadt doch der "Stützpunkt" (Homebase) beim Dreh gewesen. Im Publikumsgespräch zeigte er sich optimistisch, dass das von Alexej Nawalny bekämpfte Putin-Regime zusammenbrechen werde.

"Das System wird zusammenbrechen, vielleicht im nächsten Jahr, oder in zwei, oder in drei Jahren", sagte Roher in einer Diskussion. Er widersprach damit dem Spitzendiplomaten Emil Brix, der zuvor gemeint hatte, "dass wir mit Putin und seinem Regime noch eine lange Zeit werden leben müssen". Der Ukraine-Krieg sei nämlich kein Krieg Putins, sondern einer Russlands, sagte der frühere österreichische Botschafter in Moskau mit Blick auf die steigenden Popularitätswerte des Kreml-Chefs.

"Was das einfache Volk betrifft, so stimme ich ihnen zu", sagte der Investigativjournalist Christo Grozev zu Brix. Doch sehe es in der russischen Elite anders aus, weil der Ukraine-Krieg dieser enorme Kosten verursache. "Die treibende Kraft in Russland waren immer schon die Eliten", betonte er. Gleichwohl räumte er die Wirkung der russischen Propaganda ein, die äußerst professionell gemacht sei, weil sie die Menschen emotional berühre. "Kürzlich habe ich mir einen Abend lang das russische Fernsehen angeschaut, und danach hatte ich das Gefühl, vielleicht hätte ich doch nicht recht." So könne man erklären, warum so viele Menschen in Russland den Krieg unterstützen. Der "Spiegel"-Journalist Fidelius Schmidt ergänzte, dass "es an der Ukraine liegt, Putin zu besiegen". Von außen könne man Russland nicht beeinflussen, das System müsse vielmehr durch Misserfolge auf dem Schlachtfeld "halb zusammenbrechen".

Der Dokumentarfilm breitet die Geschichte von Nawalnys Vergiftung und ihrer Aufklärung aus, bei der Grozev und Schmidt wesentliche Rollen spielten. Der in Wien lebende bulgarische Journalist und Datenexperte hatte das Team ausgeforscht, das den Oppositionsführer im Sommer 2020 in Sibiren mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet hatte. Schmidt schrieb im "Spiegel" darüber. Höhepunkt des Films ist jener Telefonanruf, in dem es Nawalny gelingt, eines der von Grozev identifizierten Teammitglieder zum Auspacken zu bringen.

Nawalny selbst kommt in längeren Interviewpassagen zu Wort, die im winterlichen deutschen Freiburg gedreht wurden. Viel Lob für seine Kameraführung heimste dabei der Tiroler Kameramann Niki Waltl ein, der in der Podiumsdiskussion berichtete, dass der Dreh sehr viel Spaß gemacht habe, aber auch viel Flexibilität erfordert habe.

Roher räumte ein, dass der Film über den "sehr charismatischen" russischen Politiker eine Gratwanderung war. Er habe davon ausgehen müssen, dass Nawalny dem Film nur "aus politischem Kalkül" zugestimmt habe. "Er ist ein großes Genie, was soziale Medien und die Manipulation von Medien betrifft", sagte der Regisseur. Er habe ihm aber auch alle unangenehmen Fragen gestellt, so Roher, der für Nawalny nicht die Hand ins Feuer legen möchte. "Ich weiß nicht, ob er die richtige Person (als Präsident, Anm.) wäre. Aber er sollte die Chance haben, in einer freien und fairen Wahl anzutreten. Das russische Volk soll darüber entscheiden", betonte er.

Grozev sagte, dass sich Nawalny als "Übergangspräsident" sehe. Er wolle die Machtfülle des Kreml beschneiden, alle Geheimdienstler von ihren Ämtern entfernen und die Bedingungen für geregelte Machtwechsel schaffen. "Ich glaube, dass er eine Chance hat", äußerte sich der Investigativjournalist optimistisch. "Diese Geschichte ist nicht vorbei", sagte auch Roher mit Blick auf den nach seiner freiwilligen Rückkehr nach Russland im Jänner 2021 sofort ins Gefängnis geworfenen Oppositionsführer. "Vielleicht wird dieser Film in der Rückschau einmal so etwas wie ein 'Batman Begins' (von Nawalny, Anm.) sein."

Angesichts des von Putin angerichteten Infernos in der Ukraine brandaktuell und zugleich zeitlos sind jedenfalls die Worte, die Nawalny, befragt nach seinem Vermächtnis zum Schluss ans Publikum richtet: "Alles, was das Böse braucht, ist der guten Menschen Tatenlosigkeit." Zu sehen ab Freitag in den österreichischen Kinos.

Quelle: Agenturen