APA - Austria Presse Agentur

Nahost-Konflikt: Zeichen stehen weiter auf Eskalation

13. Mai 2021 · Lesedauer 6 min

In Nahost droht die Lage zu eskalieren. Zu den Raketenangriffen kommt es in mehreren israelischen Städten zu Auseinandersetzungen zwischen jüdischen und arabischen Bewohnern. Die Vereinten Nationen warnten den UNO-Sicherheitsrat laut Diplomaten bereits vor einem großen Krieg.

Trotz internationaler Appelle für ein rasches Ende der Gewalt stehen die Zeichen in Nahost weiter auf Eskalation: Aus dem Gazastreifen wurden in der Nacht auf Donnerstag erneut Hunderte Raketen auf Israel abgefeuert, israelische Behörden untersagten die Landung von Passagierflügen am internationalen Flughafen Ben Gurion und leiteten sie zum Flughafen Ramon bei Eilat um. In mehreren israelischen Städten gab es Auseinandersetzungen zwischen jüdischen und arabischen Bewohnern.

International wächst Angst vor Krieg

Nach tagelangem gegenseitigen Beschuss zwischen der radikalislamischen Hamas und der israelischen Armee wächst international die Angst vor einem erneuten Krieg im Nahen Osten. In weiten Teilen Israels wurde in der Nacht auf Donnerstag Raketenalarm ausgelöst. Sirenen ertönten erstmals seit Jahren auch wieder im Norden des Landes - die Armee sprach später von "falschem Alarm". Nach Angaben von Rettungskräften wurden fünf Menschen verletzt, als ein Geschoss in einem Wohnkomplex in Petah Tikva nahe Tel Aviv einschlug.

Nach palästinensischen Angaben wurden bei den israelischen Angriffen seit Montag insgesamt 83 Menschen getötet, darunter 17 Kinder. Zudem meldeten die Gesundheitsbehörde knapp 500 Verletzte. Die Hamas bestätigte den Tod mehrerer ihrer militärischen Anführer, darunter auch der Chef ihres bewaffneten Arms im Gazastreifen, Bassem Issa. Die Hamas wird von Israel und der EU als Terrororganisation eingestuft.

Tel Aviv: "In Sekunden muss man in den Bunker"

Die Gewalt in Nahost hat binnen weniger Tage das schlimmste Ausmaß seit Jahren erreicht. 

Ein Überblick über die bisherigen Geschehnisse:

Auslöser: Seit Beginn des Ramadan und der Verschiebung der palästinensischen Parlamentswahl kam es wiederholt zu Spannungen und Gewalt im Westjordanland und im Ostteil Jerusalems.
Als Auslöser der jüngsten Gewalteskalation gelten etwa Polizei-Absperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden. Hinzu kamen drohende Zwangsräumungen von Familien und daraus resultierende Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Sheikh Jarrah sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg.

Montag (10. Mai): Seit Montagabend beschießen militante Palästinenser Israel massiv mit Raketen. Die israelische Armee reagiert auf den Beschuss mit dem umfangreichsten Bombardement seit dem Gaza-Krieg des Jahres 2014. Nach israelischen Angaben feuerten militante Palästinenserorganisationen wie die Hamas und der Islamische Jihad seit Montagabend mehr als 1.600 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel ab. Dabei wurden in Israel sieben Menschen getötet, darunter ein Kind sowie ein Soldat.

Dienstag (11. Mai): Auch die israelische Luftwaffe flog erneut Vergeltungsangriffe im Gazastreifen. Armeeangaben zufolge richteten sie sich unter anderem gegen ein Gebäude, das mit der "Spionageabwehr" der Hamas in Verbindung steht, sowie gegen das Haus eines Hamas-Kommandanten. Als Reaktion auf die Zerstörung des Hochhauses im Gazastreifen, feuerte die Hamas Dienstagabend 130 Raketen auf die israelische Großstadt Tel Aviv ab.

Mittwoch (12. Mai): Am Mittwoch hatte die israelische Luftwaffe bereits bei Hunderten Einsätzen Einrichtungen militanter Gruppen im Gazastreifen bombardiert. Dabei wurde unter anderem ein Hochhaus im Zentrum von Gaza-Stadt komplett zerstört, in dem sich auch mehrere Büros der Hamas befanden.
"Das ist erst der Anfang - Wir werden ihnen Schläge versetzen, die sie sich niemals erträumt haben", sagte Regierungschef Benjamin Netanyahu dazu in einem Krankenhaus in Kholon. Mittwochabend beschloss das israelische Sicherheitskabinett Ausweitung des Militäreinsatzes gegen die im Gazastreifen herrschende islamistischen Hamas. Die Armee solle von sofort gezielt "Symbole der Hamas-Herrschaft" in dem Palästinensergebiet angreifen, berichtete der Sender "Kanal 12".

Donnerstag (13.Mai): Bei erneut intensivem Raketenbeschuss durch Militante aus Gaza wurden am Abend in Israel mehrere Menschen verletzt. In Sderot schwebte ein fünf Jahre alter Bub nach Angaben des Rettungsdienstes Magen David Adom in Lebensgefahr. Auch im Großraum Tel Aviv war erneut Raketenalarm ausgelöst worden. Heulende Warnsirenen waren am Abend zu hören.

Unterdessen setzten mehrere Fluglinien wegen des neu aufgeflammten Nahost-Konflikts ihre Flüge von und nach Tel Aviv aus. Austrian Airlines, Lufthansa und British Airways annullierten ihre Flüge vorübergehend. Alle Flüge zum internationalen Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv sind wegen des anhaltenden Raketenbeschusses aus dem Gazastreifen vorübergehend umgeleitet worden. Die umgeleiteten Maschinen würden nun nahe des südlichen Ferienortes Eilat landen, teilten die israelischen Flughafenbehörden am Donnerstag mit. Die Entscheidung betreffe jedoch keine startenden Flieger.

Unternehmerin in Israel: "Habe Angst um den Zusammenhalt der Bevölkerung"

Die Unternehmerin Jenny Havemann berichtet im PULS 24 Interview nach den Raketenangriffen auf Tel Aviv über die Lage vor Ort. 

Spannungen nehmen zu

Vor dem Hintergrund des Konflikts nahmen auch die Spannungen zwischen jüdischen und arabischen Israelis zu. Die Polizei berichtete am späten Mittwochabend von gewaltsamen Zwischenfällen in Akkon (Akko), Haifa und Lod. Mehr als 370 Menschen wurden festgenommen.

In Bat Yam südlich von Tel Aviv wurde ein mutmaßlich arabischer Einwohner von einer wütenden Menge ultranationalistischer Juden attackiert. Vom israelischen Sender Kan übertragene Livebilder zeigten, wie dutzende Angreifer den Mann gewaltsam aus seinem Auto zerrten und ihn bewusstlos prügelten.

Netanyahu: Kampf "an zwei Fronten"

Netanyahu prangerte die Gewalt in israelischen Städten als "inakzeptabel" an. "Nichts rechtfertigt das Lynchen von Arabern durch Juden und nichts rechtfertigt das Lynchen von Juden durch Araber", betonte er. Mit Blick auf die Ausschreitungen im Land und den gleichzeitigen Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen sprach Netanyahu von einem Kampf "an zwei Fronten".

Präsident Reuven Rivlin verurteilte die Gewalt auf Israels Straßen. Sie sei "eine echte Bedrohung für die israelische Souveränität". Die gemäßigte Mehrheit von Juden und Arabern müsse sich für Rechtsstaatlichkeit und eine gemeinsame Existenz einsetzen, forderte Rivlin. "Wir dürfen nicht zulassen, dass Extremisten den Ton angeben."

Verteidigungsminister Benny Gantz kündigte eine "deutliche Verstärkung" der Sicherheitskräfte in ganz Israel an. "Es ist jetzt notwendig, die Kräfte vor Ort deutlich zu verstärken, um Recht und Ordnung durchzusetzen", so Gantz. Bei den Kräften handle es sich um Reservisten der israelischen Grenzpolizei.

Journalistin: Ausschreitungen nach Raketenangriffen auf Israel hatten "antisemitischen Charakter"

Die Wirtschaftsjournalistin Yvette Schwerdt von "Mena Watch" berichtet aus Tel Aviv im PULS 24 Interview  von den Raketenangriffen auf ihre Stadt und über die Ausschreitungen in Israel in der Nacht.

Vereinten Nationen warnen vor Krieg

US-Präsident Joe Biden äußerte in einem Telefonat mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu die Hoffnung auf ein rasches Ende der Gewalt. Zugleich bekräftigte Biden Israels Recht auf Selbstverteidigung. US-Außenminister Antony Blinken forderte in einem Telefonat mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas ein Ende des Raketenbeschusses aus dem Gazastreifen.

Die Vereinten Nationen warnten den UNO-Sicherheitsrat laut Diplomaten vor einem großen Krieg. Die USA haben eine gemeinsame Stellungnahme des mächtigsten UNO-Gremiums zur eskalierenden Gewalt in Nahost Kreisen zufolge am Mittwoch zunächst blockiert.

Ägypten bemühte sich indes erneut um Vermittlung zwischen Israelis und Palästinensern. Eine ägyptische Delegation traf dafür am Donnerstag in Tel Aviv ein, um auf eine Feuerpause zwischen beiden Seiten hinzuarbeiten, wie es aus Sicherheitskreisen hieß. In den Gesprächen solle es auch um Wohnungsräumungen gehen, die palästinensischen Familien in Jerusalem drohten.

Quelle: Agenturen