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Milliardär Gattyán tritt bei Ungarn-Parlamentswahlen an

19. Jan. 2022 · Lesedauer 4 min

Abenteuerlust, Patriotismus oder das neue Hobby eines reichen Mannes? Was bewegte den ungarischen Milliardär György Gattyán zum Einstieg in die Politik? Der drittreichste Ungar tritt Anfang April bei den Parlamentswahlen 2022 an. Als Motiv nannte der 51-jährige im APA-Gespräch die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber seinem Land. Ende Dezember 2021 gründete der Außenseiter seine Partei namens "Bewegung Lösung" und bezeichnet diese als gemäßigte, liberale Partei.

Mit ihr sucht er einen Platz in der Innenpolitik und nach politischem Einfluss. Dabei steht Gattyán seit dem Start seiner politischen Karriere immer mehr im Mittelpunkt öffentlichen Interesses. Und auch sein Vermögen von geschätzten 280 Milliarden Forint (knapp 790 Mio. Euro) und wie er sich dieses verdiente.

Politische Gegner werfen Gattyán vor, er habe sich mittels der Gründung einer Porno-Webcam-Plattform bereichert. "Ich biete nur die Plattform, die Kunden bestimmen, wie sie sie nutzen". Dabei sei die Webcam-Dienstleistung keine Pornografie, sondern Erotik, konstatierte der Gründer und hinterfragte: "Kann eine Unternehmung im Internet, die auch Inhalte für Erwachsene umfasst, 20 Jahre funktionieren, würde sie auf irgendeine Weise gegen das Gesetz verstoßen?".

Der Außenseiter Gattyán zeigt Gelassenheit mit Blick auf die Wahlen. Die Menschen würden sich ohnehin erst drei Wochen zuvor entscheiden, wem sie ihre Stimme geben. Daher rechnet Gattyán mit einem Wahlerfolg. Umfragen würden bestätigen, dass es bis zu zwei Millionen Bürger in Ungarn gebe, die für keines der beiden Lager stimmen wollen, weder für die vereinte Opposition noch für die rechtsnationale Regierungspartei Fidesz. "Wir jedoch wollen diese Menschen erreichen, sie für uns gewinnen." Sein Programm für ein digitalisiertes Ungarn könnte vor allem junge Wähler anziehen.

Ein derart ausgeprägter Optimismus kann auch als überheblich bezeichnet werden. Gattyán sieht das anders: "Ich bin nicht überheblich, nur realistisch. Wir haben die Chance, diese zwei Millionen Menschen zu erreichen."

Gattyán verfolgt nach eigener Aussage kein Politisieren um große Philosophien, sondern strebe nach konkreten Lösungen, daher habe er seine Partei auch "Bewegung Lösung" genannt. Er möchte einen sich auf ziviler und wirtschaftlicher Ebene begründeten Dienstleister-Staat schaffen. Trotz der knappen Zeit bis zu den Parlamentswahlen am 3. April bestehe keine Hektik: "Wir übereilen nichts, gehen pragmatisch Schritt für Schritt voran, werden ohne Schlammschlachten, verbale Attacken funktionieren, doch mit Offenheit für alle neuen Gedanken, die Ungarn voranbringen".

Gattyán wandte sich im Sinne des "reibungslosen Regierungswechsels" mit einem offenen Brief an "alle meine Landsleute, die sich für einen Regierungswechsel einsetzen wollen." Der offene Brief beinhaltet zugleich ein Fünf-Punkte Programm. Die vereinte Opposition reagierte mit Ablehnung. "Wir nehmen das zur Kenntnis und machen weiter" erklärte Gattyán. Zu den fünf Punkten gehören Themen wie Lohnerhöhung, Stopp der Vergeudung von Steuergeldern, digitale Transformation im Gesundheits- und im Bildungswesen sowie in der staatlichen Verwaltung.

Der Spitzenkandidat der Opposition für die Wahlen 2022, der liberal-konservative Péter Márki-Zay, begründete die Ablehnung: Parteien, die gegen die vereinte Opposition antreten wollen, dienen den Interessen der rechtsnationalen Fidesz-Partei und der Spaltung der Wähler der Opposition. Vorwurf ebenso, dass Gattyán nicht an der Vorwahl der Oppositionsparteien zur Kür des Spitzenkandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten teilnahm.

Trotz Ablehnung und Distanzierung bleibt Kritik an der Allianz diplomatisch aus. Auf die Frage, ob Márki-Zay ein guter Premier sein könnte, bezeichnete Gattyán diesen als einen "vielseitigen Fachmann, mit vielen Talenten". Er fügte jedoch hinzu, dass es schwer sei, das Amt des Ministerpräsidenten auszuüben, wenn hinter ihm keine eindeutige Unterstützung stünde.

Der drittreichste Ungar wird auch als "Marionette" von Orban bezeichnet und zugleich als Amateur. "Ich habe es nicht nötig angesichts meiner 51 Jahre, davon mehr als zehn Jahre mit internationale Erfahrungen, und angesichts des Aufbaus meiner Unternehmungen, als Marionette von wem auch immer aufzutreten. Ich lasse mich weder erpressen noch bestechen."

Gattyán reist durch Ungarn, macht Wahlkampf. "Ich war gerade auf Wahlkampf-Tour, fand Menschen, die mir zuhörten, die offen waren für unseren Weg zum Machtwechsel." Seine Partei will 106 Abgeordnete bei den Parlamentswahlen aufstellen, einen in jedem Wahlkreis. Kandidaten würden sich melden, der Programmrat der Partei entscheiden. Wahlkampf erfolge auch im Internet, TV, in der Presse. Was all das kostet, bleibt hinter einem Lächeln verborgen.

Gattyán pendelt seit 14 Jahren zwischen den USA, Frankreich und Ungarn. Den Inhaber der global agierenden ungarischen IT-Unternehmensgruppe Docler Holding mit Sitz in Luxemburg bindet auch seine karitative Tätigkeit an sein Heimatland. Dabei bezeichnet sich Gattyán als stolzer Europäer, betont zugleich die Wichtigkeit der Souveränität des Landes und der Stärkung des nationalen Selbstbewusstseins.

(Das Gespräch führte Harriett Ferenczi/APA)

Quelle: Agenturen