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Militärexperte: Ukrainer nutzen ihre Chance

18. Feb. 2026 · Lesedauer 8 min

Die Lage an der Front ist vier Jahre nach Beginn der russischen Großoffensive in der Ukraine nach Ansicht des Militärexperten Gustav Gressel relativ stabil. Die Ukrainer hätten im Winter den Vorteil, mithilfe von Wärmebildkameras die Infiltration durch russische Soldaten leichter zu erkennen. Die Russen dagegen hätten durch den Verlust des Starlink-Internetzugangs ein wichtiges Kommunikationsmittel verloren. "Diese Chance nutzen die Ukrainer", sagte Gressel zur APA.

Den ukrainischen Streitkräften gelinge es, "einige dieser eingesickerten russischen Trupps aufzumischen und die Linien wieder gerade zu biegen." Es gebe sogar Spekulationen, ob das eine ukrainische Gegenoffensive sei. Gressel würde in seiner Analyse aber "nicht so weit gehen". Es handle sich eher um eine Erzählung der russischen Seite, die angesichts vereinzelter Verluste "von einer groß angelegten Offensiven der Ukrainer spricht", erklärte der Bundesheer-Experte. "Die Russen übertreiben ja in ihren Meldungen über Geländegewinne auch ziemlich stark und reklamieren schon Gelände für sich, das sie eigentlich gar nicht kontrollieren."

Was sich in den vier Jahren schon gebessert habe, sei die ukrainische Waffenproduktion. Die Rüstungsindustrie sei "immer weiter angewachsen". Das Land habe im Bereich der Produktion von Drohnen, Landdrohnen und Drohnenabwehr durch Interceptor-Drohnen "große Fortschritte gemacht", was es "der Ukraine leichter macht, mit weniger Material aus dem Westen auszukommen".

Bei der Fliegerabwehr und zu einem Teil auch bei schweren Landfahrzeugen sowie Artillerie-Munition sei die Ukraine noch weiterhin stark auf internationale Unterstützung angewiesen. "Artillerie-Munition schafft die Europäische Union jetzt schon ziemlich gut aus eigener Kraft", sagte Gressel mit Verweis auf die EU- und die tschechische Munitionsinitiative, die im Falle eines Ausstiegs der tschechischen Regierung zu einer NATO-Munitionsinitiative werden könnte. Bei den schweren Landfahrzeugen sei das schwieriger, da diese teuer seien und die Beschaffung lange daure. Hier arbeiten die Ukrainer "fleißig daran", diese teils durch billigere und schneller erzeugbare Landdrohnen zu ersetzen.

USA zahlen nur F-16-Ersatzteile

Bei Marschflugkörpern gebe es "beschränkte Aufträge". Hier sei in Europa leider relativ wenig Munition vorhanden und bis neue ankomme, dauere es lang, erläuterte der Experte weiter. Hinzu kommt, dass es kaum noch US-Unterstützung für die Ukraine gebe. Die Amerikaner zahlen lediglich die Ersatzteilbeschaffung für F-16-Kampfjets, sagte Gressel. Die Europäer wiederum zahlen das, was an US-Rüstungsmaterial "dringend notwendig ist". Es seien im Grunde kommerzielle Verträge zwischen amerikanischen Herstellern und den Europäern, inklusive Satellitenkommunikation und Aufklärung.

Allerdings gehe in Europa die "Pufferfunktion der eigenen Streitkräfte zurück", sagte Gressel und erklärte: "Wenn ich jetzt Patriot bestelle und es kommt zu Lieferverzögerungen oder politischen Durchhängern - wie zum Beispiel im Winter 2023/24, als Hilfe im (US-)Kongress stehen geblieben ist -, da hat dann die (deutsche) Bundeswehr aus eigenen Beständen geliefert, um für die Ukraine die Zeit zu überbrücken." Doch diese "Pufferspeicher" seien mittlerweile "leer".

Europa erhalte bei der militärischen Unterstützung "den Status quo vor (US-Präsident Donald) Trump aufrecht, so gut es geht". Dabei sei die Unterstützung der Vorgängerregierung von Joe Biden "nicht so enthusiastisch" gewesen. Um die Ukraine jedoch in eine gute Position für Friedensverhandlungen zu bringen, müsste sie "in eine Position militärischer Stärke versetzt oder zumindest stärker werden, um (Russlands Präsident Wladimir) Putins Glauben an einen Langzeitsieg zu erschüttern. Das sehen wir noch nicht." Daher geht Gressel davon aus, dass die Ukraine ein weiteres Jahr in der Defensive bleibt.

EU-Beitritt als Sicherheitsgarantie?

Beim von der Ukraine angestrebten EU-Beitritt als Sicherheitsgarantie sieht Gressel das Problem, dass dieser die Zustimmung aller EU-Mitgliedstaaten brauche. Auch gehe es nicht nur um Sicherheit, sondern etwa um den Zustand der Verwaltung, Rechtsstaatlichkeit oder Reformen der Ermittlungsbehörden und im Geheimdienst, wofür die Ukraine jetzt wenig Kapazitäten habe.

Als sinnvolle Sicherheitsgarantie erachtet Gressel die Stationierung europäischer Soldaten, verteilt auf die ganze Ukraine. Russland könne die Ukraine dann nicht erneut angreifen, ohne zu befürchten, gleichzeitig in einen größeren Krieg mit Europa zu schlittern. Es geht Gressel aber nicht darum, europäische Truppen an die Kontaktlinie zu schicken. "Das würde mehrere hunderttausend Mann beanspruchen und die haben wir nicht." Sondern im Fall eines Waffenstillstands sollte nach Vorstellung Gressels eine kleinere ukrainische Armee, ergänzt durch europäische Einheiten in der Luft, zu Land und zu Wasser, Teil der allgemeinen Übungstätigkeit und Verteidigungsvorbereitung der ukrainischen Armee darstellen. "Ob die Europäer den Mut haben, das zu tun, ist die andere Frage."

Mögliche amerikanische Sicherheitsgarantien dagegen erachtet der Experte als nicht glaubhaft. Auch zu den US-amerikanischen Vermittlungsbemühungen findet Gressel wenig positive Worte. Er wirft den US-Sondervermittlern Steven Witkoff und Jared Kushner "Unprofessionalität" vor. Ihre Verhandlungsführung habe Putin "einen großen Motivationsauftrieb gegeben", indem sie seine Arbeit, auf die Ukraine Druck auszuüben, durchaus erleichtern. "Das hat ihm perspektivisch natürlich wieder Mut gegeben, den Krieg fortzusetzen."

Keine Gefahr für Atombombe

Der Experte sieht aktuell indes keine Gefahr für eine nukleare Eskalation des Kriegs. Die Front sei sehr dezentralisiert und die Besetzung der Kontaktlinie so dünn, dass man mit einer taktischen Atomwaffe nur eine sehr kleine Lücke schaffen würde, sagte Gressel. "Dann hat man einen gigantischen Aufreger, weltpolitische Konsequenzen, und hat im Grunde keinen Erfolg." Dies sei ebenso so, wenn die Russen eine ukrainische Stadt mit einer Atombombe angreifen würden. "Also Mariupol ist jetzt schon in Schutt und Asche gelegt, Wolnowacha ebenfalls und Lyman, Pokrowsk, Bachmut und auch Sewerodonezk sind ein Ruinenfeld. Also dann ist es eine Stadt mehr."

Ein Atombombeneinsatz gegen die Ukraine wäre "sinnlos". Gegen die NATO würde der russische Machthaber sie wohl auch nicht einsetzen, weil er diesen Krieg nicht gewinnen könne, solange seine Armee so massiv in der Ukraine gebunden sei. "Putin ist zwar ein Kriegsverbrecher, aber nicht dumm." Außerdem wäre ein Atomwaffeneinsatz für China, das "ein wichtiger Unterstützungsfaktor der Russen" sei, "eine rote Linie. Dementsprechend gibt es keine Vorbereitung der Russen auf einen sozusagen nuklearen Ernstfall."

Kämpfer "ziemlich abgekämpft"

Beide Seiten hätten außerdem große Herausforderungen bei der Rekrutierung, ergänzte Gressel. Die russischen Einheiten, die den Winter über gekämpft haben, seien "schon ziemlich abgekämpft. Wahrscheinlich wird man bald rotieren müssen auf der russischen Seite". Die Personalsituation in Russland sei nicht mehr ganz unentspannt. "Um die Verluste auszugleichen, müssten die Russen in etwa 30.000 Mann monatlich neu rekrutieren. Das wird zunehmend schwieriger, weil natürlich die Freiwilligen, die für Geld in den Krieg gezogen sind, mehr oder weniger schon in den Krieg gezogen sind." Dementsprechend versuche man zu "tricksen": Menschen aus Afrika, aber auch Südasien - Bangladesch, Indien, Nepal oder Burma - würden mit Geldversprechen angelockt. Ebenso finde eine Rekrutierung von Frauen statt, die in der Rüstungsindustrie eingesetzt werden, um den Arbeitskräftemangel auszugleichen und gleichzeitig zu ermöglichen, dass dort arbeitende Männer in den Kampfeinsatz gehen. Sichtbar sei eine Erhöhung der Anwerbeprämien in Russland, was ein Zeichen dafür sei, dass Leute gesucht würden.

Auch auf ukrainischer Seite würde "aggressiv rekrutiert". Gleichzeitig gebe es strukturelle Probleme in der Armee, wie etwa schlechte Ausbildung oder Kommandanten, die nicht das Vertrauen der Soldaten genießen. Viele Freiwillige seien abgeschreckt worden von Berichten, dass Soldaten nicht rotiert werden oder nicht dort zum Einsatz kamen, wo sie eingerückt sind. So wären etwa Personen, die sich freiwillig für Drohnentruppen oder bei der Fliegerabwehr gemeldet hätten, zur Infanterie oder in den Schützengraben versetzt worden. Der aktuelle Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow würde die strukturellen Probleme "zumindest ansprechen", sagte Gressel. Die Zahl der "unerlaubt Abwesenden, also Leuten, die sich aus den Einheiten verdünnisiert haben", bezifferte Gressel zwischen 150.000 und 200.000 Mann. Dazu zählte er Soldaten, die sich dem Wehrdienst entziehen, die nach einer Basisausbildung ihren Dienst bei den Kampfeinheiten nicht antreten oder etwa aus dem Urlaub nicht mehr zurückkehren. Diese Personalreserve zu mobilisieren, wäre für die Ukraine wichtig.

Russland mit höheren Verlusten

Gefragt nach den Opfern des Kriegs antwortete Gressel, dass Verlustzahlen "immer mit sehr großer Vorsicht zu genießen sind". Man müsse davon ausgehen, dass Russland deutlich über eine halbe Million bis 600.000 Tote zu beklagen habe. Die Zahl an Verwundeten sei wahrscheinlich über eine Million. "Um aus russischer Sicht als ausreichend schwer verwundet zu gelten, dass man heimgeschickt wird, braucht's schon sehr viel. Die schicken zum Teil Leute mit Krücken wieder in neue Angriffe." Auf der ukrainischen Seite sei von etwas über 200.000 Toten auszugehen und mehr als einer halben Million Schwerverwundeten. "Wobei die Ukrainer gehen mit den Verwundeten schonender um als die Russen, die werden dann nicht nochmal irgendwo verheizt."

( Das Gespräch führte Alexandra Demcisin/APA. )

Zusammenfassung
  • Vier Jahre nach Beginn der russischen Großoffensive bleibt die Front in der Ukraine laut Militärexperte Gustav Gressel weitgehend stabil.
  • Ukrainische Streitkräfte nutzen Vorteile wie Wärmebildkameras und den russischen Verlust von Starlink, um russische Infiltrationen effektiver abzuwehren.
  • Die ukrainische Rüstungsindustrie hat insbesondere bei Drohnen und Drohnenabwehr große Fortschritte gemacht, bleibt aber bei Fliegerabwehr und schweren Landfahrzeugen auf internationale Unterstützung angewiesen.
  • Russland hat laut Gressel über 600.000 Tote und mehr als eine Million Verwundete zu beklagen, während die Ukraine über 200.000 Tote und mehr als eine halbe Million Schwerverwundete zählt.
  • Gressel sieht derzeit keine Gefahr einer nuklearen Eskalation und hält einen Einsatz von Atomwaffen im Krieg für unwahrscheinlich.