Militärexperte Karner: Russland und Ukraine kämpfen auch um Zeit

19. Apr. 2022 · Lesedauer 3 min

Wie Militärexperte Gerald Karner im PULS 24 Interview erklärt, geht es bei den Strategieänderungen im Ukraine-Krieg derzeit auch um einen Wettlauf mit der Zeit.

Für die Ukraine sieht es schlecht aus - und die russische Offensive auf die Ostukraine hat noch gar nicht ganz begonnen. Dennoch müssen derzeit beide Seite auf Zeit spielen, sagt Militärexperte Gerald Karner. Denn Russland will verhindern, dass die Ukraine Verstärkung mit Waffensystemen aus dem Westen bekommt. "Das dauert die ein oder andere Woche", so Karner. Zudem wolle Russland am 9. Mai, dem "Tag des Sieges" der Sowjetunion gegen das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg, einen Sieg verkünden. Vor diesen Ereignissen wolle Russland "Erfolg haben". 

Aber auch die Ukraine spiele auf Zeit: Man wolle die Ostukraine so lange halten, bis die Verstärkung aus dem Westen eingetroffen sei - dann sei eine russische Großoffensive "wahrscheinlich" nicht mehr möglich, so der Experte. 

Verlagerung in den Osten

Generell hätte sich der russische Angriff aber nun verändert: Nun seien mehr Kräfte in die Ostukraine verlegt worden. 70.000 bis 80.0000 Soldaten seien dort im Einsatz. Russland wolle nun von den selbsternannten "Volksrepubliken" und vom Norden Druck ausüben. Wenn Mariupol fallen sollte, werde man auch vom Süden angreifen - das Ziel sei, die ukrainischen Streitkräfte einzukesseln.

In Mariupol sind derzeit noch rund 2.500 ukrainische Soldaten - Russland soll Fluchtkorridore bereitgestellt haben - diesen würden die Truppen aber nicht vertrauen. Auch in der Vergangenheit hätten beide Kriegsparteien solche Korridore nicht eingehalten, sagt Karner. Die Soldaten in Mariupol würden keine reale Alternative in der Flucht sehen. 

Der "Besitz" von einzelnen Ortschaften und Städten hätte in so einem großen Land wie der Ukraine eine "besondere Bedeutung", so der Experte. Kreminna sei aber bislang die einzige Stadt, die Russland vollständig unter Kontrolle gebracht habe. In Charkiw seien sogar erfolgreiche Gegenangriffe der Ukraine gemeldet worden. Das könnte daran liegen, dass Russland wegen des Zeitdrucks schon mit Bodenangriffen beginne, obwohl noch keine Verstärkung eingetroffen sein. 

Luftangriffe auf den Westen

Am Boden hat sich der Krieg in die Ostukraine verlagert. Luftangriffe gibt es aber auch noch auf die Westukraine - etwa auf Kiew. Das habe damit zu tun, dass aus dem Westen Waffen in die Ukraine geliefert werden - vor allem Kasernen und Verkehrsknotenpunkte werden angegriffen.

Es gehe aber auch um die Geste, dass in der Ukraine niemand sicher sei, darum, den Druck auf das politische und strategische Zentrum aufrecht zu erhalten und darum, die Kräfte der Ukraine weiter zu binden. Die Luftangriffe erfolgen aber mit Präzisionswaffen, die nur in begrenzter Zahl verfügbar seien. Eine Nachproduktion sei wegen der Sanktionen des Westens schwer möglich, so Karner - auch dabei wird also auf Zeit gespielt.

"Versagen auf ganzer Linie"

Strategisch habe Russlands Machthaber Wladimir Putin seine Ziele jedenfalls nicht erreicht. Der Militärexperte spricht von "Versagen auf ganzer Linie". Denn der Westen sei geschlossen wie nie, Finnland und Schweden könnten der NATO beitreten und die Ukraine enger an den Westen gebunden sein als davor. 

Quelle: Redaktion / koa