APA - Austria Presse Agentur

Luft- und Raketenangriffe: Mehrere Hamas-Anführer und israelischer Soldat getötet

12. Mai 2021 · Lesedauer 5 min

Die Hamas hat den Tod mehrerer ihrer Anführer bei den israelischen Militärangriffen im Gazastreifen bekanntgegeben. In Israel ist unterdessen ein Soldat durch eine Rakete aus dem Gazastreifen getötet worden. Die Opferzahlen steigen weiter.

Die Gewalt in Nahost hat binnen weniger Tage das schlimmste Ausmaß seit Jahren erreicht. Radikalislamische Palästinenser feuerten bis Mittwochfrüh mehr als 1.000 Raketen auf Israel. Viele der Geschoße wurden von der israelischen Raketenabwehr abgefangen, während andere in Wohngebieten einschlugen. Die israelische Luftwaffe flog daraufhin die schwersten Angriffe seit dem Gaza-Krieg 2014 und griff  hunderte Ziele im Gazastreifen aus der Luft an. Die Zahl der Toten in dem Küstengebiet stieg nach palästinensischen Angaben auf insgesamt 48, unter ihnen 14 Kinder, Israel meldete bisher fünf Tote. Die UNO forderte, die Gefechte umgehend einzustellen. Andernfalls drohe ein vollständiger Krieg.

Mehrere Hamas-Anführer und israelischer Soldat getötet

Die Hamas gab am Mittwoch den Tod mehrerer ihrer Anführer bekannt. Darunter ist auch der Chef des bewaffneten Arms der Hamas in Gaza, Bassem Issa, und "zahlreiche" weitere ranghohe Militärverantwortliche. Israels Inlandsgeheimdienst Shin hatte zuvor mitgeteilt, Issa und vier weitere ranghohe Hamas-Anführer seien getötet worden.

Auch in Israel steigen die Opferzahlen. Die Armee teilte mit, dass ein 21-Jähriger bei einem Einsatz zum Schutz von Dörfern nahe der Grenze von einer Panzerabwehrrakete zum Gazastreifen getroffen und tödlich verletzt wurde.

Tel Aviv unter Beschuss

Der bewaffnete Flügel der Hamas feuerte nach eigenen Angaben 210 Raketen in Richtung Tel Aviv und Beerscheba. Sirenengeheul warnte die Bevölkerung, die in Deckung ging, während Abfangraketen aufstiegen. Rund ein Drittel der Geschoße aus Gaza schaffte es nach israelischen Angaben nicht über das Gebiet des Küstenstreifens hinaus. Doch in Rishon LeZion, einem Vorort von Tel Aviv, traf eine Rakete ein Gebäude, wodurch eine 50-Jährige ums Leben kam.

Zwei weitere Frauen seien zudem bei Einschlägen in Ashkelon getötet worden. In dem arabisch-jüdischen Ort Lod bei Tel Aviv starben zwei Menschen, als eine Rakete ein Fahrzeug traf. Mehr als 200 Israelis sollen bisher verletzt worden sein.

"Habe Angst um den Zusammenhalt der Bevölkerung"

Die Unternehmerin Jenny Havemann schildert im Interview mit PULS 24 die Geschehnisse der vergangenen Nacht und wie sie die Lage vor Ort erlebt. Sie befürchtet, dass der Zusammenhalt in der Bevölkerung - zwischen Arabern und Juden - schwinden könnte. 

Die Unternehmerin Jenny Havemann spricht über die Lage in Israel

In Lod selbst war es am Dienstagabend zu schweren Ausschreitungen zwischen Juden und Arabern gekommen. Nach Medienberichten schändeten arabische Einwohner eine Synagoge und setzten sie in Brand. Außerdem seien Dutzende Autos angezündet und Fenster von Geschäften eingeworfen worden. Der Bürgermeister von Lod, Yair Revivo, sprach im Fernsehen von einem "Bürgerkrieg" in der Stadt und forderte eine sofortige Ausgangssperre.

Um für Ruhe zu sorgen, wurden zahlreiche weitere Polizeitruppen in die Stadt geschickt. Auch in den arabisch geprägten Orten Akko im Norden des Landes und in Jaffa bei Tel Aviv kam es zu schweren Zusammenstößen.

Mehr als 1.000 Raketen abgefeuert

Insgesamt haben radikale Palästinenser im Gazastreifen nach Angaben der israelischen Armee bisher mehr als 1.000 Raketen auf Israel abgefeuert. Rund 850 Raketen seien abgefangen worden oder in Israel niedergegangen, etwa 200 weitere seien noch im Gazastreifen niedergegangen, sagte Militärsprecher Jonathan Conricus am Mittwoch.

Gideon Tenner, ein Bewohner von Tel Aviv, spricht mit PULS 24 Anchorwoman Bianca Ambros über die Bombardements, die laut seinen Einschätzungen "ganz neue Ausmaße" angenommen hätten.

Gideon Tenner wohnt in Tel Aviv und berichtet über die Raketenangriffe auf Israel und die jüngste Eskalation im Nahost-Konflikt.

Israel wiederum nahm zahlreiche Hamas-Ziele ins Visier. 80 Kampfjets waren nach Angaben des israelischen Militärs an den Angriffen beteiligt. Außerdem seien Infanterieeinheiten zur Verstärkung der bereits an der Grenze zum Gazastreifen postierten Panzer entsandt worden.

Büros der militanten Gruppe und Häuser von Hamas-Anführern seien ebenso angegriffen worden wie Raketenstellungen. Die israelische Armee teilte auch mit, dass bei den Angriffen auch der Chef des militärischen Geheimdienstes der Hamas, Hassan Kaogi, und sein Vize Wail Issa "neutralisiert" - also getötet - worden seien.

Auch ein 13-stöckiger Wohn- und Bürokomplex wurde bombardiert. Videoaufnahmen zeigten dicke schwarze Rauchwolken, die von dem Gebäude aufstiegen. Wenig später stürzte es ein. Bewohner des Blocks und in der Umgebung waren nach Angaben von Augenzeugen und des Militärs vor dem Angriff gewarnt worden, sich in Sicherheit zu bringen. Auch ein anderes Gebäude in dem Viertel wurde schwer beschädigt. Bewohner und Journalisten, die dort arbeiteten, hatten das Haus zuvor verlassen.

Internationale Reaktionen

International mehrten sich die Aufrufe, die neu aufgeflammte Gewalt zu stoppen. Der UNO-Sicherheitsrat will am Mittwoch dazu beraten. Entspannung schien jedoch nicht in Sicht. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu warnte, die Extremisten würden einen "sehr hohen" Preis für den Raketenbeschuss bezahlen. Verteidigungsminister Benny Gantz sagte, es würden auch weiterhin "Gebäude zerbröckeln".

Hamas-Anführer Ismail Haniyeh warf Israel vor, die Gewalt ausgelöst zu haben. Es sei daher für die Konsequenzen verantwortlich. Seine Botschaft an die Israelis laute: "Wenn sie eskalieren wollen, ist der Widerstand bereit. Wenn sie aufhören wollen, ist der Widerstand bereit."

Auch Irans Außenminister Mohammad Javad Zarif kritisierte Israel bei einem überraschenden Besuch im Bürgerkriegsland Syrien in scharfen Tönen. Die "kriminellen Handlungen" Israels hätten die Lage in der Region deutlich verschlechtert, sagte Zarif in der Hauptstadt Damaskus. Syrien nehme als führender Staat in der "Achse des Widerstands" gegen Israel eine wichtige Rolle ein.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hat sich seit Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan Mitte April zugespitzt. In den vergangenen Tagen hatte es zunächst vor allem in Jerusalem heftige Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften gegeben. Auslöser waren unter anderem Polizei-Absperrungen in der Altstadt sowie drohende Zwangsräumungen von palästinensischen Familien im Viertel Sheikh Jarrah.

Markus St. Bugnyár beschreibt die Lage in Jerusalem

Im Gespräch mit PULS 24 Anchor René Ach beschreibt Markus St. Bugnyár, der Rektor des österreichischen Pilger-Hospizes in Jerusalem, die Lage während der Raketenangriffe.

Quelle: Agenturen / Redaktion / koa