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Lehrplanreform bringt Schulbuchverlage unter Zeitdruck

Heute, 04:01 · Lesedauer 4 min

Mit Herbst 2027 sollen die AHS-Oberstufen neue Lehrpläne bekommen. Die Arbeiten daran waren Ende 2025 eigentlich schon abgeschlossen, in einigen Fächern ist nun aber wieder vieles offen: Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) will mehr Unterricht zu Medien, Demokratie und KI und im Gegenzug bei Latein und der zweiten lebenden Fremdsprache Stunden kürzen, eine Einigung mit den Koalitionspartnern gibt es noch nicht. Für Schulbücher dieser Fächer wird die Zeit jetzt knapp.

Bis ein Lehrwerk auf der Schulbuchliste landet und kostenlos bestellt werden kann, dauert es in Österreich bis zu zwei Jahre. Bei den Schulbüchern, mit denen im Schuljahr 2027/28 in den 5. Klassen AHS gearbeitet werden soll, muss es mit der Approbation diesmal deutlich schneller gehen.

Normalerweise hätten die Verlage die Titel schon im vergangenen Oktober dem Ministerium zur Prüfung vorlegen müssen. Damals waren die neuen Lehrpläne, mit denen die Bücher übereinstimmen müssen, allerdings noch gar nicht fertig. Im verkürzten Begutachtungsverfahren haben die Verlage für ihre Einreichungen nun zwar Zeit bis zum 1. Mai bekommen - zwei Monate davor sind die neuen Lehrpläne aber immer noch nicht verordnet. Mehr noch: Beim ausgebauten Informatikunterricht und einem von Wiederkehr angekündigten eigenen Fach Medienbildung ist angesichts des Widerstands bei ÖVP und SPÖ noch alles offen, auch Verordnungen werden von den Koalitionspartnern gemeinsam erarbeitet.

Die Schulbuchherstellung finde derzeit "unter erschwerten Rahmenbedingungen" statt, hieß es bei der Allianz Bildungsmedien auf APA-Anfrage - auch wenn es grundsätzlich nicht ungewöhnlich sei, dass die finalen Lehrpläne erst knapp vor dem Start der Schulbuchentwicklung bekannt werden. Derzeit arbeiten die Verlage deshalb auf Basis von Lehrplan-Vorentwürfen und in enger Abstimmung mit der Schulbuchabteilung des Ministeriums, bis die Verordnung da ist.

Heikel werden könnte es allerdings in Informatik, das über die vier Oberstufenjahre von zwei auf drei Stunden aufgestockt und um das Thema KI erweitert werden soll, und beim komplett neuen Fach "Medien und Demokratie". Eigentlich hätten die Verlage die Lehrpläne dieser Fächer idealerweise schon im Vorjahr gebraucht. Jetzt sei "eine sehr zeitnahe Klarheit entscheidend, um eine realistische Fertigstellung zu gewährleisten", so die Allianz Bildungsmedien.

Auch wie aufwendig die Änderungen durch etwaige Stundenkürzungen bei Latein im Gymnasium bzw. der zweiten lebenden Fremdsprache im (Wirtschaftskundlichen) Realgymnasium wären, ist für die Verlage nicht abschätzbar. Weniger Stunden würden nämlich unterschiedliche Vertiefungsgrade, Kompetenzniveaus und inhaltliche Schwerpunkte bedeuten. Das müsse sich auch im Schulbuch widerspiegeln.

Die Entscheidung, ob ein Werk nach eingehender Prüfung des Ministeriums und Einarbeitung von Änderungsaufträgen in die Schulbuchliste aufgenommen wird, fällt laut Allianz üblicherweise bis Ende November. Kommen die neuen Lehrpläne zu spät, bliebe noch eine Notvariante, damit die Lehrkräfte im Herbst 2027 in diesen Fächern trotzdem nicht ohne Schulbücher dastehen: Schulen können 15 Prozent ihres Schulbuchbudgets für Unterrichtsmittel eigener Wahl einsetzen und in diesem Jahrgang Bücher einsetzen, die noch nicht approbiert sind und erneut überarbeitet werden müssen. Solche Übergangslösungen gab es schon in der Vergangenheit, hieß es aus der Allianz Bildungsmedien, die gleichzeitig einmal mehr für ein schnelleres und effizienteres Qualitätssicherungsverfahren plädierte.

AHS-Lehrer: Neue Lehrpläne gibt es schon

Für Eva Guserle, ÖVP-nahe AHS-Lehrervertreterin und Vorsitzende der Professoren Union ÖPU, wäre die aktuelle Zitterpartie nicht notwendig gewesen. Sie kritisierte gegenüber der APA einmal mehr Wiederkehrs Vorgangsweise bei der geplanten Reform, speziell für die Gymnasien. Er habe zwar recht damit, dass Medien-, Demokratie- und Digitale Bildung noch stärker im Unterricht vorkommen sollen. Dafür müsse man aber nichts mehr neu erfinden: In den vergangenen zwei Jahren hätten Lehrkräfte unter wissenschaftlicher Begleitung bereits neue AHS-Oberstufen-Lehrpläne erstellt und auch die vom Minister geforderte Schwerpunktsetzung sei darin verankert - nämlich als Teil jener 13 übergreifenden Themen, die künftig in allen Fächern und auch Schulbüchern vorkommen müssen.

Der Minister schneide stattdessen mit den geplanten Stundenkürzungen bei den Sprachen zugunsten von KI-, Demokratie- und Medienbildung "in den Fächerkanon der Gymnasien hinein". Anders als vom Ministerium dargestellt hätten auch die 90 Prozent der AHS mit einem schulautonomen Stundenplan wenig Spielraum: Um über die schulautonomen Stunden den Sprachfokus aufrechtzuerhalten, müssten sie nämlich im Gegenzug ihre über Jahre erarbeiteten Schulprofile opfern, kritisiert Guserle.

Beim Fach Latein würden Wiederkehrs Pläne noch dazu kompliziert und teuer kommen, so die Lehrervertreterin. Der Unterricht müsste dann in vielen Minigruppen stattfinden, da durch die unterschiedlichen Stundentafeln die Lateinschüler verschiedener Zweige nicht mehr zusammengefasst werden könnten. Weil durch die Wiederkehr-Pläne manche Oberstufenschüler acht Stunden Latein lernen würden und andere zehn, bräuchte es außerdem neben einem zusätzlichen Latein-Lehrplan samt entsprechenden Büchern eine weitere Zentralmatura-Variante.

Zusammenfassung
  • Mit Herbst 2027 sollen neue Lehrpläne für die AHS-Oberstufe eingeführt werden, wobei zwischen den Koalitionspartnern noch keine Einigung besteht.
  • Die Lehrbuchverlage geraten unter erheblichen Zeitdruck, da die finalen Lehrpläne für zentrale Fächer wie Informatik und Medienbildung fehlen, während die Einreichungsfrist für neue Schulbücher bereits am 1. Mai endet.
  • Informatik soll künftig von zwei auf drei Stunden aufgestockt und um den Bereich Künstliche Intelligenz erweitert werden, zudem ist ein neues Fach Medien und Demokratie geplant.
  • Als Übergangslösung könnten Schulen im Herbst 2027 bis zu 15 Prozent ihres Schulbuchbudgets für nicht approbierte Bücher verwenden.
  • Lehrervertreterin Eva Guserle kritisiert die geplanten Kürzungen bei Latein und der zweiten Fremdsprache und warnt vor organisatorischen und finanziellen Problemen, vor allem im Hinblick auf die Zentralmatura.