Lebenslang für IS-Anschlag bei Moskau mit über 140 Toten
Angehörige von Anschlagsopfern verfolgten die Urteilsverkündigung im Gerichtssaal. Mehrere Angeklagte, die in einem Glaskäfig eingesperrt waren, blickten zu Boden, als der Richter das Strafmaß bekannt gab. Vier weitere Männer erhielten in einem parallelen Verfahren zu dem Anschlag wegen Beihilfe zum Terrorismus langjährige Haftstrafen - zwischen 19 Jahren und elf Monaten und 22 Jahren und sechs Monaten.
Die vier Angreifer waren nach Angaben der russischen Behörden zum Tatzeitpunkt zwischen 20 und 31 Jahren alt und arbeiteten damals als Taxifahrer, Fabrik- und Bauarbeiter. Die russischen Ermittler hatten wenige Stunden nach dem Angriff die Festnahmen der Männer bekannt gegeben, die demnach versucht hatten, nach Belarus bzw. in die Ukraine zu fliehen.
Bei der anschließenden Vorführung vor dem Richter trugen die Gefangenen offensichtliche Folterspuren. Einer der Männer wurde bewusstlos und im Rollstuhl sitzend vor den Richter geführt. Damals waren bereits 15 weitere Angeklagte verurteilt worden, die den Tätern ein Auto verkauft haben oder diesen eine Wohnung vermietet haben sollen. Einer dieser vermeintlichen Komplizen bat der staatlichen russischen Nachrichtenagentur TASS zufolge darum, zum Kämpfen in die Ukraine geschickt zu werden, um nicht ins Gefängnis zu müssen.
Die Angreifer waren am 22. März 2024 in die Crocus City Hall eingedrungen und hatten dort das Feuer eröffnet. Im Anschluss setzten sie das Gebäude in Brand. Es war der schlimmste Anschlag auf russischem Boden seit mehr als 20 Jahren - 149 Menschen wurden getötet und mehr als 600 weitere verletzt. Zu der Tat bekannte sich die Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS). Die russischen Behörden versuchten dennoch, die Ukraine mit dem Anschlag in Verbindung zu bringen. Kiew wies die Vorwürfe zurück.
Schlappe für Sicherheitsdienste
Islamistische Terroristen haben in Russland immer wieder Anschläge verübt. Auslöser dafür war Anfang der 2000er Jahre vor allem die brutale Unterwerfung der muslimischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus durch russische Truppen. 2002 nahmen tschetschenische Terroristen Geiseln im Moskauer Musical-Theater Nordost, 2004 in einer Schule der Stadt Beslan in Nordossetien im Nordkaukasus. Vor 2024 gab es aber fast keine Anschläge mehr.
Trotzdem bedeutete der Überfall auf die Crocus City Hall eine Schlappe für die russischen Sicherheitsbehörden von Machthaber Wladimir Putin. Die Botschaften der USA und Großbritanniens in Moskau hatten ihre Bürger im März 2024 vor möglichen Anschlägen gewarnt. Die Täter konnten ungehindert zuschlagen, weil die russischen Geheimdienste im dritten Jahr des Angriffskrieges gegen die Ukraine vor allem mit der Jagd auf Kriegsgegner und Oppositionelle beschäftigt waren.
Nach dem Terrorakt verschärfte sich in Russland der Ton gegen Migranten, wie das Portal Mediazona schrieb. Die Regeln für den Zugang zu Veranstaltungen wurden knapp ein Jahr nach dem Anschlag verschärft, offiziell aus Sicherheitsgründen. Tickets etwa für das Theater gibt es nur noch unter Vorlage eines Ausweises bei der Buchung und vor Ort.
Moskau hält an ukrainischer Spur fest
Obwohl der IS-Ableger ISPK den Anschlag für sich reklamierte, versuchten russische Stellen immer wieder eine Spur zur Ukraine aufzutun. Auch in einem Kommentar zu dem Urteil beharrt das Ermittlungskomitee auf einer Verwicklung Kiews. Es sei zweifelsfrei festgestellt, dass dieses unmenschliche Verbrechen im Interesse der ukrainischen Führung geplant und ausgeführt worden sei, hieß es. Ziel sei gewesen, die politische Lage in Russland zu destabilisieren.
Beweise wurden nicht vorgelegt. Die Ukraine hat jedwede Beteiligung bereits im März 2024 zurückgewiesen. Die russische Justiz fahndet immer noch nach zwei Drahtziehern und vier mutmaßlichen Komplizen, die sich außerhalb Russlands aufhalten sollen.
Zusammenfassung
- Vier Männer aus Tadschikistan wurden für den Anschlag auf die Crocus City Hall bei Moskau am 22. März 2024, bei dem 149 Menschen getötet und über 600 verletzt wurden, zu lebenslanger Haft verurteilt.
- Elf weitere Komplizen erhielten ebenfalls lebenslange Haftstrafen, während vier weitere Männer Haftstrafen zwischen 19 Jahren und 11 Monaten sowie 22 Jahren und 6 Monaten bekamen.
- Russische Behörden bringen den Anschlag trotz eines Bekenntnisses der Jihadistenmiliz Islamischer Staat weiterhin mit der Ukraine in Verbindung, obwohl Kiew jede Beteiligung zurückweist.
